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Frauen aus der Branche

Jessica Bengs - Ja, ich bin die Truckfahrerin.


Mit Keychange, der neuen Initiative Musequality und anderen wichtigen Projekten, gibt es bereits viele Organisationen, die die Sichtbarkeit weiblicher Künstlerinnen auf den Festivalbühnen erhöhen wollen und Möglichkeiten schaffen, wie strukturelle Diskriminierung Schritt für Schritt aus der Industrie verschwindet.
Aber auch hinter der Bühne arbeiten viele großartige Frauen, die oft niemand zu Gesicht bekommt und die mindestens genau so sehr eine Stimme verdient haben.

text Isabel Roudsarabi
fotos Katie Frost

übersetzt aus dem Englischen
lesezeit 5 minutes

Frauen sind Produktionsleiterinnen. Frauen sind Bookerinnen. Frauen sind Tontechnikerinnen, sie sind Tourmanagerinnen, sie sind Journalistinnen. Frauen sind, genau wie ihre Kolleg*innen anderer Geschlechter, ein bedeutender Teil der Musik und Festivalindustrie. Leider sind sie auch in 2020 noch diejenigen, die seltener gehört, respektiert und gesehen werden.

Die Schwedin Jessica Bengs ist Truckfahrerin. Seit sechs Jahren arbeitet sie nun schon in ihrem Beruf und war bereits zusammen mit Sabaton oder Fever Ray auf Tour. Auf ihrem Blog und ihren Social Media Kanälen, berichtet sie von dem Tourleben mit verschiedenen Künstler*innen, bei Festivals und TV-Produktionen, und 2018 gewann sie den Women in Live Music Award als beste Truckfahrerin. 
Jessica ist eine Inspiration. Sie hat ihren Traumberuf gefunden, der sie erfüllt, und sie lässt sich nicht von negative Stimmen einschüchtern.

Wir haben mit ihr über ihre tägliche Routine gesprochen, über das, was sie an ihrem Job so sehr liebt und über besondere Momente in ihrer Karriere.

Hey Jess! Kannst du uns ein bisschen über dich erzählen? 
Ich heiße Jessica Bengs und bin 30 Jahre alt. Seit 2014 bin ich Truckfahrerin, arbeite seit 2016 auch in der Musikindustrie und begleite Bands auf ihren Touren, beispielsweise Sabaton, Meshuggah oder Fever Ray. Zusätzlich fahre ich auch manchmal für Theater oder TV-Produktionen. 2018 habe ich mich dann selbstständig gemacht.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Wie ist die Atmosphäre, wenn du mit einer Band auf Tour bist oder auf einem Festival arbeitest?
Mir macht es unglaublich viel Spaß für verschiedene Festivals in ganz Europa zu arbeiten. Viele sind überrascht, wenn sie eine weibliche Truckfahrerin sehen, aber ich habe fast immer positive Erfahrungen gemacht. Die Leute sind sehr hilfsbereit – manchmal ein bisschen zu sehr *lacht*.
Meine Routine ist schwer zu beschreiben, weil sie, je nachdem wo ich eingesetzt bin, so unterschiedlich ist. Normalerweise fange ich sehr früh morgens an und kann meistens in der Nähe der Laderampe der Bühne parken. Ab und zu muss ich auch auf einen Parkplatz fahren, der sich weiter weg befindet. Nach dem load-in schlafe ich tagsüber, vor allem dann, wenn ich nach der Show nachts noch fahren muss. Abends wache ich auf, esse und schaue mir auf Festivals oft noch ein paar Bands an, bevor der LKW wieder beladen wird. 
Genau sagen, wie lang meine Tage sind, kann ich nicht. Das hängt stark davon ab, wo der nächste Tourstop ist. Aber 10-15 Stunden Tage sind nicht ungewöhnlich, wenn man Ein- und Ausladen mitberechnet.

Die Atmosphäre ist immer schön und ich liebe es neue Leute kennenzulernen und mit ihnen zu arbeiten.

Würdest du deine Arbeit als Traumjob bezeichnen? Was gefällt dir am meisten?
Absolut! Mein Job ist nicht nur ein Job für mich, sondern ein Lifestyle.

ich verbringe so viel Zeit in meinem Truck
– er ist wie ein zweites Zuhause für mich.

Am besten gefällt es mit neue Orte zu entdecken und Menschen kennenzulernen. Aber ich genieße auch die Zeit allein, während des Fahrens.

Gibt es auch Dinge, die dir nicht gefallen?
Schneeketten bei schlechtem Wetter anzulegen macht keinen Spaß. Alles andere eigentlich schon. Klar kann es manchmal auch stressig werden, wenn viel Verkehr ist, oder eine sehr lange Fahrt vor einem liegt und man nur wenig Zeit hat.

Welcher Moment in den letzten Jahren, ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Ich glaube das schönste war, als ich dieses Jahr zum ersten Mal die führende Fahrerin bei Sabaton war. Ich habe, inklusive meines eigenen, immer mindestens 7 Trucks angeführt. Das war eine großartige Erfahrung.

Gab es auch lustige oder traurige Momente?
Ein witziger Moment passierte beim Download Festival in den UK, als ich für Meshuggah fuhr. Auf einmal kamen eine Menge Typen, die mir mit einem ganz leichten Technikwagen halfen, obwohl sie eigentlich auf der Bühne gebraucht worden wären.

Oder der Moment, als ich in Ozzy Osbourne stolperte.

Ich lief gerade bei den Metal Hammer Awards in London um eine Ecke – das hat mich ziemlich geschockt.

An eine traurige Geschichte erinnere ich mich auch noch. Ich habe einem Mädchen, dass noch ganz neu im Tourgeschäft war, versucht zu helfen. Ich habe sie so gut es geht unterstützt – das versuche ich bei allen, von denen ich weiß, das sie neu anfangen und noch nicht so viel Erfahrung haben. Leider hat sie die Sicherheitsbestimmungen der Tour missachtet und durfte nicht mehr länger dabei sein. Die Entscheidung wurde nicht von mir getroffen, aber sie erzählte ihren 134 tausend YouTube Abonnent*innen, dass es meine Schuld gewesen wäre. Die ganze Geschichte endete dann damit, dass ich Drohungen bekam und ganz schön viele Leute mir Hassnachrichten schrieben. Das war eine wirklich schlimme Erfahrung. Das Traurigste war vielleicht, dass niemand daran gedacht hat, mich auch mal nach meiner Version des Ganzen zu fragen. Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr ganz so beschissen, aber natürlich war das keine besonders gute Zeit.

Wie bist du denn eigentlich zum Truck-Fahren gekommen?
Eine meiner besten Freundinnen Julia hat mich dazu inspiriert, die Führerscheine zu machen und kurz nachdem ich fertig war, habe ich meine Karriere zusammen mit ihr begonnen. Am Anfang haben wir für zwei Jahre Beton-Trucks gefahren, bis ich auf die Tourlogistik aufmerksam geworden bin. Das hat dann mein ganzes Leben verändert.

Truckfahrerin zu werden, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich war in keinem andern Job so glücklich, wie in diesem.

ich hab‘ gesehen, dass dein erstes Festival, das Sweden Rock  2017 war. Was genau war deine Rolle dort und wie lief es ab?
Ich habe vor allem bei der Backline geholfen. Ich war die ganze Woche dort und habe einen kleinen LKW, mit Backlines für verschiedene Bands, zwischen den Bühnen hin und her gefahren. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Zwischendurch konnte ich tolle Bands sehen und die Menschen, die ihr dort getroffen habe, haben mir viel über die Industrie beigebracht.

Was war deine bisher größte Produktion?
Ich glaube, neben der Europa-Tour von Sabaton mit 7 Trucks, war es der schwedische Eurovision Song Contest, mit 11 Fahrzeugen, im letzten Jahr.

Und deine Liebste?
Mit Sabaton und Meshuggah zu arbeiten! Das sind großartige Leute! Alle sind sehr bodenständig und es fühlt sich an wie eine große Familie.

Auf deinem Blog erzählst du, dass du, vor deiner Arbeit als Truckfahrerin, nur auf einem einzigen Festival warst. Wie sieht es jetzt aus? Besuchst du mittlerweile auch privat manchmal Festivals?
Nein, ich arbeite immer. Ich bin, glaube ich, ein bisschen verwöhnt, weil ich währenddessen immer in meinem Truck schlafen kann und Zugang zu befestigten Toiletten und Duschen habe. Die ganze Festival-Erfahrung – nur eben ohne den Dreck und ohne im Zelt schlafen zu müssen. Eigentlich bin ich aber gar nicht so pingelig. Ich würde im Sommer auch mal das ein oder andere besuchen, aber habe nicht wirklich die Zeit dafür.

Du hast ja vorhin erwähnt, dass es oft jemanden gibt, der überrascht ist, wenn du als weibliche Truckfahrerin vor ihm stehst. Hast du dich schonmal diskriminiert oder nicht erst genommen gefühlt?
Das ist fast überall so, sowohl in Venues als auch auf Festivals. Manchmal werde ich auch gefragt, wo denn der „richtige“ Truckfahrer ist.

Das passiert so oft, dass ich mal überlegt habe, mir ein Shirt zu drucken auf dem steht: Ja, ich bin die Truckfahrerin.

Selbst wenn ich mir als die Fahrerin vorstelle, kommt häufig die Nachfrage, ob das auch wirklich stimmt. Manchmal ist das anstrengend – manchmal finde ich es einfach witzig. Ich weiß nicht, ob ich mich irgendwann mal wirklich diskriminiert gefühlt habe, weil ich eine gute Haut auf der Nase habe, wie wir in Schweden sagen, und ich da nicht so drauf achte. Aber es kommt häufig vor, dass meine Kraft unterschätzt wird, weil ich in den Augen anderer vielleicht nicht so aussehe. Viele denken, ich kann die schweren Cases nicht selbst tragen und bekommen diese „lass das mal die starken Jungs machen“- Attitüde.
Es stört mich nicht, wenn sie helfen wollen, ich bin auch immer dankbar, aber es ist schon lustig zu sehen, wie manche Männer dann den Macho wieder rausholen, wenn sie mit einer weiblichen Truckfahrerin arbeiten.

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