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Ein Buch und eine Tour mit Faber

Fotograf Nils Lucas im Interview


RAZZ, Von Wegen Lisbeth, Giant Rooks, Grandbrothers… Die Liste der Bands, mit denen Nils Lucas schon gearbeitet hat, ist lang. Im Dezember 2018 hat der Fotograf sein erstes Buch veröffentlicht – mit Bildern, die auf Tour mit der Band Faber entstanden sind.

interview Isabel Roudsarabi
redaktion Tina Hyunh-Le
fotos Nils Lucas

I fucking love my life heißt das gute Stück, das das Tourleben der Musiker Julian Pollina, Tillmann Ostendarp, Max Kämmerling, Goran Koč und Janos Mijnssen portraitiert. Frontmann Julian hat außerdem das herzzerreißende Vorwort verfasst. 

Wir haben uns mit Nils Lucas darüber unterhalten, was es bedeutet mit einer Band von Konzert zu Konzert zu reisen, welche besonderen Momente er auf Tour erlebt hat und wie die Idee zu dem Buch überhaupt entstanden ist. Außerdem erzählt er, warum er gerade Faber als Motiv gewählt hat und was ihm bei dem Endprodukt besonders wichtig war.

Ich glaube, wenn ich nicht richtig Teil des Ganzen wäre, dann würden nicht die Bilder entstehen, die ich mache.

Magst du dich kurz vorstellen?
Mein Name ist Nils Lucas. Ich arbeite seit 3,5 Jahren freischaffend als Fotograf. Ich arbeite künstlerisch-dokumentarisch, begleite u.a. Musiker auf Tourneen und fotografiere Albumcover und Künstlerportraits.

Wie bist du dazu gekommen, die Fotos für Faber zu machen?
Das hat sich ganz organisch ergeben, als ich angefangen habe, Musiker und Musikerinnen zu fotografieren. Die erste Band, die ich fotografiert habe und im Anschluss über einen längeren Zeitraum begleitet, war RAZZ. So entstand der erste Kontakt in die Musikbranche. Mit der Zeit lernt man andere Bands und Verantwortliche kennen. 

Wie fühlt sich für dich das Tourleben an? Hast du das Gefühl, du bist richtig Teil der Band oder machst du auch mal dein eigenes Ding?
Ich glaube, wenn ich nicht richtig Teil des Ganzen wäre, dann würden nicht die Bilder entstehen, die ich mache. Auf der anderen Seite mache ich auch mein eigenes Ding, da ich einen etwas anderen Rhythmus habe als Band und Crew und natürlich als Fotograf in gewisser Weise auch ein Stück alleine dastehe. Es geht ja hauptsächlich um die Künstler*innen und ihre Musik und nicht um den Fotografen, aber so soll es ja auch sein.


Ein wenig, als ob deine Seele nicht hinterherkommt und, um ständig aufzuholen, Erinnerungen verbraucht.

Was sind denn die Vor- und Nachteile des Tourlebens? 
Mir gefällt es, in so kurzer Zeit so viele neue Leute kennenzulernen und wenn man Zeit hat, auch die verschiedenen Orte ein wenig zu erkunden. Zumeist ist eine Tour eine relativ witzige Angelegenheit und man hat eine Menge Spaß untereinander. Der Nachteil ist dann meist, dass sich eine gewisse Dauermüdigkeit breit macht.

Hast du noch den witzigsten und den traurigsten Moment der Tour in Erinnerung?
Das Traurigste ist vielleicht, dass man Vieles vergisst, da alles viel zu schnell geht. Ein wenig, als ob deine Seele nicht hinterherkommt und, um ständig aufzuholen, Erinnerungen verbraucht. Entweder kann ich mich deshalb nicht an viel Witziges und Schönes erinnern oder diese Zeit war weitestgehend traurig. (lacht) 

Aber ich versuche es mal. Beim letztjährigen Happiness Festival sind Goran und Till auf die glorreiche Idee gekommen, zur Zugabe die Instrumente bzw. Plätze zu tauschen. Das hat für mächtig Verwirrung, sowohl bei Publikum als auch bei den Beteiligten, gesorgt. Definitiv witzig. 

Das hatte vor allem damit zu tun, dass Fotografien heute oft nur noch für einen Tag oder ein paar Stunden relevant in den sozialen Medien sind.

Wie können wir uns den Entstehungsprozess des Buches vorstellen? 
Von der Idee bis zum fertigen Produkt würde ich den Entstehungsprozess auf ca. ein Jahr datieren. Irgendwann wuchs die Idee, ein Fotobuch zu machen. Das hatte vor allem damit zu tun, dass Fotografien heute oft nur noch für einen Tag oder ein paar Stunden relevant in den sozialen Medien sind. Damit geht ein Wertverlust einher, der meinen Bildern, bei all‘ dem Spaß, den ich mit Plattformen wie Instagram habe, nicht gerecht wird. Mit einem Fotobuch wollte ich ein paar meiner Fotografien ihren Stolz wiedergeben. (lacht)
Vor allem wird die Stärke eines Fotos in so einem Bildband viel wahrnehmbarer. Dass es am Ende Faber geworden sind, die das Innenleben des Fotobuchs füllen, hatte mehrere Gründe. Ich habe zuallererst geschaut, welches Bildmaterial eines Buches würdig ist. Es gab da zwei Themen, die ein gutes Buch hergegeben hätten. Konzeptionell habe ich mir für meinen ersten Bildband die Orientierung an klassischen Elementen vorgestellt. Das war dann auch das ausschlaggebende Argument für Faber als inhaltliches Thema. Danach ging es weiter mit Themen wie Finanzierung, Teamzusammenstellung, Produktion, Vertrieb & Vermarktung. 

Gab es etwas Unerwartetes, worüber du dir Gedanken machen musstest?
Ich musste mich vor allem damit beschäftigen, was es bedeutet, im Eigenverlag ein Buch herauszubringen. Etwas wirklich Unerwartetes ist dabei nicht passiert, da ich mich eh um alles kümmern musste. 

Ein wenig unerwartet war höchstens der Zeitaufwand. Ohne das grandiose Team, mit dem ich zusammengearbeitet habe, wäre dies so auch nicht möglich gewesen. 


Ein Buch für den Fan, aber auch für Fotografieliebhaber, Liebhaber von wertigen und durchdachten Büchern und ein Buch für mich und alle, die in den letzten zwei Jahren auf Tour dabei waren.

Wer hat dir geholfen?
Nina hat mir als Bildredakteurin zur Seite gestanden und mir bei der Kuration geholfen. Luise hat mir beim Layout geholfen. Katharina hat mir als Korrekturleserin und mit dem Pressetext geholfen. Janja hat mir als erfahrene Grafikdesignerin technischen Support im Print gegeben. Ein großartiges Team, aber vor allem großartige Menschen und ich hätte mir ganz ehrlich kein besseres Team vorstellen können. 

Ein besonderer Dank gilt natürlich auch Faber und der Band, die mir ihr ganzes Vertrauen geschenkt haben und so tolle Texte beigesteuert haben. Merci vielmals! 

Was war dir besonders wichtig? 
Ein Buch mit Wertigkeit zu schaffen. Ein Buch für den Fan, aber auch für Fotografieliebhaber, Liebhaber von wertigen und durchdachten Büchern und ein Buch für mich und alle, die in den letzten zwei Jahren auf Tour dabei waren.

Gab es einen Moment während der Entstehung, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Der Abnahme-Tag in unserer Druckerei war unglaublich. Das erste Mal meine Fotografien auf Druckbögen zu sehen und abzusegnen. In den Pausen zwischen den einzelnen Abnahmen konnten wir in der Bibliothek dieser altehrwürdigen Druckerei stöbern und da stößt man dann auf Bildbänder von Fotografen, die meine Vorbilder sind oder waren. Generell die ganze Aura dieser Druckerei, die seit 1594 besteht, ist ganz speziell. Das war schon etwas sehr Besonderes dort sein zu dürfen und zu produzieren. 

Die Vollsperrung kam wie eine willkommene Abwechslung.

Dein Lieblingsfoto und die Geschichte dahinter?
Es gab eine Vollsperrung. Da saßen wir schon 2-3 Stunden im Auto. Alle Autos standen und im Radio kam die Durchsage, dass dies jetzt auch erstmal so bleibt. Die Vollsperrung kam wie eine willkommene Abwechslung. Goran und Max haben Yoga gemacht. Ein kleines Grüppchen hat Fußball gespielt. Es kamen Spaziergänger vorbei und es wirkte ein wenig wie ein ganz entspannter Sonntag auf der Autobahn. Ein bisschen magisch, wenn man die Autobahn doch eher mit Rasanz verbindet. 

Ein Foto, das es nicht ins Buch geschafft hat, aber trotzdem erwähnenswert ist?
Bei diesem Bild habe ich lange mit Nina diskutiert. Letztendlich ist es rausgeflogen, da es die Dynamik gestört hätte. Das war schwer, aber seitdem das Buch da ist, weiß ich, es ist die richtige Entscheidung gewesen. 

Also jetzt Bücher mit allen Bands, die du begleitest? Oder was wünschst du dir für deine Zukunft?
Nein. Das wäre zu inflationär. Man muss da schon auf den richtigen Moment warten. Außerdem steckt da so viel Herzblut drin. Ich glaube, gute Fotobücher am Fließband zu produzieren, funktioniert nicht. 

Self-published wird es aber jetzt erstmal kein Buch geben. Ich kann es mir aber in einer anderen Konstellation vorstellen. Als Beilage zu einem Album oder als Merchprodukt. Mal gucken, was da kommt.  


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