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Festivals für Umme

Das Donauinselfest im Interview


 
 

text Celina Riedl
fotos Alexander Müller, Andreas Jakwerth

Wer am kommenden Wochenende kein Geld für teure Festivaltickets ausgeben will, für den lohnt sich vielleicht ein Kurztrip nach Wien: Mitten auf der Donau findet dort vom 21. bis zum 23. Juni wieder das Donauinselfest statt. Rund 1.500 Künstler spielen auf 13 verschiedenen Bühnen – und das ganz umsonst. Wir haben mit Thomas Waldner gesprochen, der seit sieben Jahren als Projektleiter das Festival auf die Beine stellt.

 

Thomas, dieses Jahr stehen einige Größen auf Euren Bühnen: Revolverheld, Mando Diao, Tocotronic, Yung Hurn, Christina Stürmer und viele mehr. Wo andere Festivals teure Tickets verkaufen würden, gibt’s bei euch drei Tage Musik umsonst. Was macht ihr anders als alle anderen Festivals? 
Das Besondere ist einfach, dass wir keinen kommerziellen Nutzen daraus ziehen. Der Veranstalter, also die SPÖ (Sozialdemokratische Partei Österreich) Wien, die das Festival vor 36 Jahren gegründet hat, hat unsere Agentur mit der Abwicklung beauftragt, damit das Ganze professionell umgesetzt wird. Der Punkt ist der – wir müssen nicht jedes Jahr 500.000 Euro damit verdienen. Sondern wir müssen nur schauen, wie wir das Festival in seiner Grundform finanzieren und umsetzen können. Der Grundgedanke war auch der, Unterhaltungsprogramm – im weitesten Sinne – barrierefrei, ohne finanzielle Hürden anzubieten.
Eine andere Besonderheit: Wir haben zum Beispiel das Kulturzelt vom Ö1 Kulturradio, bei dem es Kabarett und Weltmusik gibt. Da hast du den Effekt, dass dort Leute mit Musik und Programm in Berührung kommen, die sie sich unter normalen Umständen wahrscheinlich nie anschauen würden oder für das sie nie Geld ausgeben würden. Aber die sitzen dann halt mal drin und schauen sich ein Kabarett an und erweitern ihren Horizont.
Das ist das Tolle am Donauinselfest, da gibt’s nirgendwo Konflikte, wenn einem mal was nicht gefällt, dann geht man halt weiter, man hat ja auch nichts gezahlt dafür. Da sind die Leute immer gleich etwas offener und lockerer, das ist sicherlich eins der Erfolgsrezepte. Es ist das Gesamtpaket: Wenn man da so sitzt, seine Füße in der Neuen Donau und grade Wanda die Nummer spielt, die man aus dem Radio kennt – 

Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl und eine ganz besondere Stimmung. 

Mit drei Millionen Besuchen gilt das Donauinselfest als eins der größten Festivals weltweit. Ohne Tickets oder Zugangskontrollen lässt sich die Zahl aber schwer festlegen. Wie schätzt ihr das ein? 
Es gibt da mehrere Möglichkeiten – einerseits gibt’s das Veranstaltungsgesetz, das besagt, wie man Besucherflächen berechnen muss, das sind in Wien drei Personen pro Quadratmeter. Dann haben wir die Polizei bei den Zugängen vor Ort, die schätzen auch, und wir haben um die 35 Überwachungskameras im Einsatz. Zusätzlich, aufgrund der Nachbefragung, die wir jedes Jahr durchführen, wissen wir, Besucher A in der Alterskategorie 16 bis 25 besucht beispielsweise drei Bühnen, der ist auf der Festbühne, geht zur Electronic Stage und dann vielleicht noch mal bei der Schlagerbühne vorbei. Das heißt, der kommt de facto drei Mal auf’s Festival. So kommen wir auf die Besuche. Und dann kann man sagen, zu einem bestimmten Zeitpunkt hast du im Schnitt zwischen 250 und 300.000 Menschen auf der Insel.

Was ist die größte Herausforderung bei so einem Ansturm an Gästen?
Vor ein paar Jahren haben wir gesagt: Okay, das Gelände hat die Fläche, wie es ist, wir können nicht größer werden, wir können uns nur in der Qualität steigern. Dafür muss man vielleicht auch die eine oder andere Bühne wegnehmen oder verändern. Das lag vor allem an den Besucherströmen, weil einfach ein gewisses subjektives Sicherheitsgefühl gefehlt hat, es war einfach zu voll in gewissen Bereichen. Für die Veranstalter natürlich kein einfacher Schritt, dass man sagt: Okay, ich streich jetzt eine ganze Bühne weg, normalerweise will man immer größer, immer mehr, immer weiter gehen. Aber das haben wir dann super durchgeboxt, da haben wir alle mitgeholfen und die Behörden waren natürlich auch super happy. Dadurch hat sich die Qualität immens gesteigert. Und auch das Feedback der Besucher und Besucherinnen zum Sicherheitsgefühl war richtig positiv. Natürlich sind die Wege schon voll, aber es gibt immer Flächen, an denen man raus kann, wo es freier und lockerer ist.
Das ist sicherlich eine der größten Herausforderungen, diese Menschenmassen zu lenken und vor allem auch einzuschätzen, welche Band die meisten Leute abholt und wie wir die einzelnen Bühnen enden lassen, damit nicht jeder gleichzeitig zur U-Bahn strömt. Aber da macht es das natürlich einfacher, wenn man wie wir mittlerweile die Insel und die Gegebenheiten kennt und eng mit allen Behörden zusammen arbeitet. Das ist natürlich nicht unsere alleinige Entscheidung, sondern da sitzen wir zu knapp zwanzigst in der Einsatzleitung und beraten uns da, stimmen uns ab, welche Maßnahmen wir wie setzen. 

Neben bekannten Bands haben vor allem junge Musiker*innen die Chance, auf dem Donauinselfest zu spielen und konnten sich für den Rock the Island Contest bewerben. Wie läuft das bei euch ab?
Der Content ist so ein bisschen aus der Not heraus entstanden, weil wir jedes Jahr Unsummen an Bandbewerbungen bekommen haben.  Also haben wir gesagt: Okay, wir machen einen Contest, weil wir auch vermeiden wollten, dass die ganzen Newcomerbands nur auf irgendwelchen kleinen Bühnen spielen, sondern auch auf den wirklich Großen. Zu jedem Genre, zu jeder Bühne und zu attraktiven Zeiten verlosen wir Slots. Das hat begonnen, wie alle Festivalcontest, mit dem klassischen Onlinevoting, wo man sich registrieren musste um dann Likes oder Stimmen zu generieren. Da haben wir aber nach ein paar Jahren gemerkt, eigentlich verlierst du da sehr stark an Qualität, weil erstens sehr viel betrogen wird, durch Fakeaccounts und Mehrfachvotings, das konnte man auch nur schwer und mit sehr hohem technischen Aufwand kontrollieren, und zweitens werden da viele abgeschreckt, die zwar gute, junge Bands sind, aber weder die Community noch die Zeit haben, sich da reinzutigern und über Wochen hinweg Stimmen zu mobilisieren und machen deswegen erst gar nicht mit.

Einige haben auch Preise bekommen, da sind auch Bands dabei, die jetzt in den Charts vertreten sind, und die mittlerweile einfach einen gewissen Namen erlangt haben.

Dann haben wir gesagt: Okay, wir lassen das komplett bleiben, wir machen einen kuratierten Contest. Zu jedem Genre gibt’s ein Gremium, das von uns zusammengesetzt wird, da sind Musiker drin, Labels, unsere Bühnenverantwortlichen, unsere Mediapartner. Und man meldet sich einfach an, es gibt gewisse Grundvoraussetzungen, man muss schon Songs aufgenommen haben, am besten schon ein Video produziert haben, also eine gewisse Qualität sollte schon vorhanden sein. Und aus diesen Einsendungen sucht sich jeder seine besten 15 aus, und aus diesen 15 wird dann nochmal der Beste gesucht, durch eine Punktevergabe der einzelnen Mitglieder in der Jury. So haben wir die letzten Jahre den Effekt gehabt, dass sich auf der einen Seite gute Bands beworben haben und da echt tolle Konzerte entstanden sind und auf der anderen Seite war das für die Bands teilweise wirklich ein Sprungbrett auf dem österreichischen Markt, es in die Medien zu schaffen. Einige haben auch Preise bekommen, da sind auch Bands dabei, die jetzt in den Charts vertreten sind, und die mittlerweile einfach einen gewissen Namen erlangt haben. So haben wir das Gefühl, dass wir damit die Bands am besten unterstützen können – ein Preisgeld gibt’s natürlich auch, 1000 Euro pro Band. 

Dazu gibt es dann eben diese Frauenbühne, und die wird auch komplett von Frauen kuratiert und dort treten nur weibliche Künstler auf, durch alle Genres hin durch.

Auf einer eurer Bühnen spielen dieses Jahr nur weibliche Acts – in der Ebner-Eschenbach-Area, benannt nach der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach. Wie kam es zu dieser Entscheidung? 
Das hat vor zwei Jahren angefangen, da haben wir zum ersten Mal versucht, zu erheben, wie hoch der Frauenanteil auf dem Donauinselfest ist, also bei wie vielen Bands oder Kollektiven mindestens eine Frau mit auf der Bühne steht. 2017 waren wir bei 25 Prozent und da dachten wir uns – das klingt jetzt eigentlich nicht so viel. Das ist eigentlich schade. Dann haben wir uns bewusst damit auseinander gesetzt und es letztes Jahr auf 31 Prozent geschafft, und haben dann auch im Zuge dessen ein bisschen mediale Aufmerksamkeit erregt. Der Standard, eine österreichischen Tageszeitung, hat sich die Mühe gemacht und mal mehrere österreichische Festivals angeschaut. Und dazu im Vergleich: Das Nova Rock, das ja eins der größten Festivals in Österreich ist, kam auf einen Frauenanteil von 5,9 Prozent. Das war natürlich auch genrebedingt, aber wir haben da gesagt, dass das Thema uns  wichtig ist und das wollen wir uns für dieses Jahr auf die Fahne heften. Dazu gibt es dann eben diese Frauenbühne, und die wird auch komplett von Frauen kuratiert und dort treten nur weibliche Künstler auf, durch alle Genres hin durch.

Wenn wir sagen würden, wir machen es wie jedes Jahr, dann fehlt einem irgendwann die Freude an der Geschichte. 

Gibt’s noch Dinge auf dem Donauinselfest, mit denen Du nicht zufrieden bist? 
Klar, da gibt’s immer was – letztes Jahr zum Beispiel haben wir sehr stark auf die Gastronomie gesetzt, um da die Qualität zu steigern. Zurzeit ist das ganze Cashless-Thema – also welche Möglichkeiten biete ich meinen Besuchern und Besucherinnen an, zu bezahlen. Wir sind und waren immer ein klassisches Cash Festival, aber wir versuchen da auch mehr reinzugehen, dass man mit Bankautomaten oder eben Cashless bezahlen kann. Da kommen wir nur infrastrukturell an unsere Grenzen, weil das ein Naturgebiet ist und man da nicht überall Glasfaseranbindung hat. Da tüfteln wir grade ein bisschen rum. Oder in der Vermarktung: Wie schaffen wir es, mehr internationale Marken aufs Festival zu bringen? – solche Sachen. Da sind wir aber immer sehr bestrebt, uns weiterzuentwickeln und uns zu verbessern. Wenn wir sagen würden, wir machen es wie jedes Jahr, dann fehlt einem irgendwann die Freude an der Geschichte. 

Last but not least – was dürfen die Gäste am Wochenende auf keinen Fall vergessen? 
Sonnenschutz (das ist hoffentlich ganz wichtig!), gute Stimmung und ein Handy, um die schönen Momente festzuhalten! 

Line-Up Auszug:

BHZ – BRKN – JUDO ÜRGENS – JORIS – MANDO DIAO –
STEFANIE HEINZMANN – LEYYA – BLOND –
TOCOTRONIC – EBOW – JUJU – SNUFF SYNDICATE – DIE WILDEN KAISER – FAT ASTRONAUTS – SCHMAFU – CHEFFBOSS – YUNG HURN –
DER TRAURIGE GÄRTNER

(komplettes Line-Up)

Festivalfinder

Donauinselfest 2019

21. – 23. Juni – Wien, Österreich


Alle Infos zum Festival

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