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Christof Huber im Interview über Yourope

Europäische Festivals vereint für eine bessere Zukunft


Wir haben das Wacken Open Air in einen Raum mit dem Lollapalooza, EXIT Fest, Roskilde, Sziget, Open Air St. Gallen, Primavera Sound, Summerbreeze und den Metaldays gesteckt. Hier siehst du was passiert ist!

text Johannes Jacobi
redaktion Henrike Schröder, Sonni Winkler, Isabel Roudsarabi
fotos Yourope

lesezeit 8 Minuten

So oder so ähnlich könnte die knackige Headline zur European Festival Conference in Barcelona im November 2019 klingen. Als Mitglieder von YOUROPE, dem europäischen Festivalverband, stehen viele internationale Festivals im stetigen Austausch und treffen sich alle zwei Jahre für ein verlängertes Wochenende, um die großen Probleme der Branche anzugehen.

Federführend für die Konferenz ist Christof Huber. Er ist Veranstalter vom OpenAir St.Gallen und anderen Festivals, bereits seit 1998 im Vorstand der Organisation und kämpf seitdem nicht nur auf den eigenen Baustellen, sondern auch für ein besseres (Festival-)Europa.

Wir haben den vielbeschäftigten Schweizer vor exakt einem Jahr in Barcelona abgefangen, über seine Anfänge als Veranstalter und bei YOUROPE gesprochen und ein paar Fotos von der Konferenz rausgekramt.

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch wurde im Herbst 2019 geführt. Der Umgang mit der Corona-Pandemie wird daher nicht behandelt.

Wie kommst du zu dem, was du gerade machst?
Christof Huber: Der Wille war schon extrem früh da. Ich erinnere mich, dass ich mir schon mit 14 oder 15 Jahren erste Notizen gemacht habe, was ich organisieren möchte. Bis ich den Weg auch beruflich eingeschlagen habe hat es zwar noch einige Jahre gedauert, aber ich wusste schon, dass ich hier meine Passion finden würde. Ich habe dann in der Schulzeit angefangen selber Partys und Konzerte zu organisieren. Dabei gab es natürlich auch Fehlschläge. Anschließend habe ich erstmal eine ganz reguläre Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht. Ich wollte einfach gerne das Kaufmännische lernen und die Bank bot die beste Ausbildung dafür.

Schon mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass …
Genau. Ich wusste, dass ich die Bank nach drei Jahren wieder verlassen würde. 1989 war ich mit der Lehre fertig. Damals gab’s zwei Veranstalter in der Schweiz. Beide habe ich angeschrieben, aber die meinten direkt, dass sie niemanden aus St. Gallen mit einer kaufmännischen Lehre gebrauchen können. Deswegen habe ich erstmal Umwege gemacht: Meine erste Station war die Reiseberatung, weil ich dachte, dann gehe ich halt reisen. Das hatte auch wieder mit Organisation zu tun. Danach war ich bei einer Studentenvereinigung, die für Absolventen Kongresse organisiert hat. Das war ‘ne super Zeit. 


Wie alt warst du da? 20? 
Genau, ungefähr 20. Das war sehr cool, wir haben große Veranstaltungen organisiert und ich habe eigentlich genau das gemacht, was ich wollte. Dann wollte ich relativ schnell nach Amerika – einfach mal ein halbes Jahr weg von Zuhause. Das habe ich auch gemacht. Und als ich wieder zurück kam, habe ich eine Zeit lang als Buchhalter gearbeitet, weil ich ja keinen Job mehr hatte. Schließlich hat mich meine ehemalige Kollegin bei der Studentenvereinigung, Lisa, angerufen und gesagt, dass sie beim Open Air St. Gallen als Assistentin arbeitet und die jemanden suchen. Da bin ich direkt nach St. Gallen gerannt und hab das Bewerbungsgespräch meines Lebens geführt. 1993 habe ich dann beim Open Air St. Gallen angefangen.

Welche Position war das? 
Ich war der Assistent vom Festivaldirektor vom Open Air St. Gallen. Das Festival kannte ich als Besucher und es war immer ein Traum da zu arbeiten. Deswegen war es mir auch total egal, dass ich finanzielle Abstriche machen musste.

Mein Vater hat mich damals gefragt, ob ich total durchdrehe.

Meine Verwandten konnten meine Entscheidung nicht verstehen, weil sie eher konservativ sind. Für mich war es in den ersten Monaten auch nicht einfach. Es lief nicht alles gut da, aber ich habe mich entschieden, 120% zu geben, damit wir alles hinkriegen. Ich habe einfach gesehen, dass das meine Chance ist. Ich habe diesen Job gekriegt und ich habe ihn geliebt und wusste, dass ich angekommen bin. Ich glaube das war der Punkt, an dem Andreas sowas wie mein Mentor wurde. Der hat direkt gemerkt, dass ich ihm auch ein bisschen ins Booking reinreden wollte.

Wie meinst du das?
Andreas Müller war damals der Geschäftsführer und ich weiß noch, dass es 1994 um Rage Against The Machine ging und ein Kollege meinte, die würden wirklich nicht ins Programm passen. Aber ich konnte mich durchsetzen und das war der Kickstart für das Festival im Bezug auf die Wahrnehmung auch über die Landesgrenzen hinaus. Andreas hat mich außerdem schon sehr früh zum Klinken putzen nach London geschickt – als wir dort noch keinerlei Kontakte hatten und alles über nationale Agenten lief. Agenten, wie Alex Hardee und Mike Greek kenne ich jetzt seit sehr vielen Jahren. Damals habe ich wirklich lange in ihren Vorzimmern gesessen und mir diese Kontakte erarbeitet. Andreas hat mich langsam ins Spiel gebracht und sich selber weiter entfernt. So konnte ich mit seiner Hilfe seine Firma und Agentur übernehmen. Ich habe sie dann für drei Jahre geführt. Zu der Zeit hat sie ihm zwar noch gehört, aber er hat nicht mehr da gearbeitet.

Wie alt warst du da ungefähr? 
Da war ich so 27 oder 28 Jahre alt. Dann hat sich das so weiter entwickelt, dass ich die Firma wirklich kaufen konnte. Damals war das Festival immer noch ein Verein mit großen finanziellen Krisen. Aber ich war im Geiste irgendwie schon immer Unternehmer: Wenn ich mich beteiligen kann, dann tue ich das auch. Und das habe ich in diesen Jahren immer wieder getan. Ich bin das finanzielle Risiko eingegangen und schlussendlich hat es sich auch ausgezahlt. 

Als Unternehmer*in steckt man ja manchmal sehr im eigenen Tunnel drin. Wie kam es schließlich dazu, dass du angefangen hast weiter zu denken und zu überlegen, wie man die Branche connecten kann – woraus schließlich auch Yourope entstand?
Yourope wurde 1998 gegründet. Im selben Jahr habe ich bei einem Festivalmeeting der IMC in London den Mund ein bisschen zu weit aufgerissen und wurde schließlich in den Vorstand gewählt. Ich war überzeugt von der Idee, war dabei einfach unbeschwert und wollte etwas bewegen. Es war schließlich meine Branche. Damals habe ich Leute wie Leif Skov vom Roskilde kennen und schätzen gelernt und habe einfach alles in die Waagschale geworfen, einfach weil es mein Traum war, das zu machen. 

Deine Motivation war wirklich etwas zu bewegen in der Branche – nicht nur mit deiner eigenen Veranstaltung …
Ich habe schon immer meinen Mund aufgemacht. Ich war nie sehr anpassungsfähig wenn es darum ging diplomatisch an Sachen ranzugehen. Stattdessen wollte ich für die Festivals etwas bewegen. Am Anfang haben wir mit Yourope extrem gekämpft, es ging einfach nicht vorwärts. Nach fünf Jahren habe ich schließlich ein Konzept erstellt. Ich habe gesagt, dass ich entweder im Vorstand zurücktrete oder wir jemanden anstellen, der ein Honorar bekommt und wirklich was macht und der dann kontrolliert und gemessen wird. 

Gab’s an dem Punkt schon Förderungen? 
Nein, ich glaube wir waren schon immer die eigenen Macher, auch heute noch. Wir sind in der EU immer noch wenig verankert, weil wir beschlossen haben, einfach zu machen. Außerdem werden viele Festivals im europäischen Westen als Kommerz angesehen.
Wieso sollte man die subventionieren?

Das ist das spannende an Yourope, finde ich. Hier kommen wirklich viele große Festivals zusammen, die alle denselben Drive oder dasselbe Werteverständnis haben und alle wollen sich einbringen.

Wir lieben und leben unsere Festivals nicht nur 365 Tage im Jahr, wir leiden auch mit ihnen.

Wir gießen diese Pflanze und diesen Strauch oder dieses Ungeziefer immer wieder und ich glaube, das ist der Unterschied. Wir haben alle eine Passion. Ich bewundere zum Beispiel das Roskilde, wie die das seit Jahren machen. Ich ziehe wirklich den Hut vor denen. Aber auch andere Festivals, wie das Wacken oder das Exit schätze ich wirklich sehr. Das sind zwar große Festivals, aber die wollen trotzdem was bewegen, sie wollen die Szene besser machen.

Was dabei auch ganz wichtig ist: Die sind sich ihrer Power bewusst. Alle großen Festivals haben eine unfassbare Kraft, aber die wenigsten nutzen sie. 
Das glaube ich auch. Mit diesem Verständnis hat sich auch Yourope schließlich zu einer Gruppe entwickelt, in der wir einerseits Freunde sind und uns andererseits untereinander unterstützen. Obwohl wir gar nicht viel über das eigentliche Business reden – eher über die Inhalte. Das Business ist gar nicht der Kern, sondern das Bestreben, auch Europa besser zu machen. Das klingt ziemlich cheesy, aber das ist wirklich die Einstellung von vielen. Die wollen, dass es eine bessere Welt wird. Und ich finde das ist ein super Ansatz.

Deswegen fühle ich mich auch so wohl mit den Leuten: Die meinen das ehrlich, umarmen dich und weinen auch mal.

Und die versuchen diesen Gedanken weiterzubringen. Deswegen tun wir uns in diesem Business auch manchmal so schwer: Wenn es nur noch um harte Bandagen und um Kohle geht, nervt uns das sehr, weil wir vielleicht einfach nicht zu dieser Spezies gehören. 


Was kam in der Entwicklung von Yourope zuerst: die European Festival Awards oder die Konferenz? 
Erst kamen die Festival Awards. Damals gab es die Virtual Festivals Europe, ein Hub für europäische Festivals. Der Gedanke war, sich daran zu beteiligen und einen europäischen Festivalguide zu machen. Das haben wir über drei Jahre getestet. Dann haben wir beschlossen, dass wir noch Festival Awards brauchen, um als Yourope in Europa bekannt zu werden und weitere Mitglieder zu begeistern. Das hat auch sehr gut funktioniert. Genauso wie die Festivalkonferenz – obwohl die nie subventioniert wird, von niemandem. Wir machen hier richtig Verlust. Und trotzdem hatten alle Bock, sie auf die Beine zu stellen. Jedes Mal frage ich die Mitglieder wieder, ob sie das Risiko eingehen wollen und das Feedback der Leute ist immer „Ja“. 

Aber wie kann man sich das vorstellen? Fließen die Mitgliedsbeiträge in alle Veranstaltungen rein und wenn on top irgendwas fehlt, geht ihr einfach ins Minus? 
Nein, Nein. Wir schaffen es schon einigermaßen über die Runden zu kommen. Wir haben über die letzten Jahre auch ein paar Reserven geschaffen, die die Festivals erwirtschaftet haben. Und selbst wenn die Konferenz ein Defizit erwirtschaftet ist es uns das wert, um alle zwei Jahre zu definieren, wo der Zug für uns hinfährt. Ich finde, das ist ein guter Ansatz, um herauszufinden, welche Themen bewegen. Dabei geht es nicht immer um das Kommerzielle. Deswegen müssen wir einfach weiterarbeiten und viele Festivals davon überzeugen. Jeder, der kommt, mit den anderen redet und dabei offen ist, hat einen Zugang und in Zukunft sehr gute Freunde.

Ich hab meine Frau so kennengelernt und wir haben in diesen 20 Jahren unglaubliche Partnerschaften und Freundschaften geschlossen.

Hast du Angst, dass der Kongress zu exklusiv ist – zum Beispiel kleine und mittelgroße Festivals?
Das ist ein Problem, dass ich auch bei uns anrege. Es ist wichtig, neue Leute zu überzeugen. Dabei müssen wir uns immer wieder die Frage stellen, ob wir das Board verändern sollten, was wir mit Take A Stand, der Go-Group, oder der Yes-Group machen. Es gibt auch immer wieder Festivals, die zwar Mitglieder bei Yourope sind, aber zu keinem Meeting kommen – so funktioniert das nicht. Ivan vom Exit wiederum kam zu uns, mit der Bitte ihm zu helfen, den Einlass und die Sicherheit beim Exit Festival zu verbessern. Da ist Chris Kemp einfach zum Festival geflogen und hat das für ihn gemacht. Mittlerweile ist er tief verankert in unserer Organisation. Aber angefangen hat das mit der Bitte um Hilfe und wir haben geholfen. Das ist genau der Punkt: Wir müssen unsere Branche stärken und unsere Festivals weiterbringen.

Wie entscheidet ihr, welche Themen auf der Agenda von Yourope landen? 
Das wird in verschiedenen Arbeitsgruppen zusammengetragen. Die „Standard Terms“ in Bookingverträgen waren zum Beispiel eine Idee der Mitglieder. Es kam an den Punkt, wo bestimmte Verträge mit den Agenten großer Acts einfach so übertrieben frech wurden, dass wir uns dagegen stellen mussten und einheitliche Klauseln in alle unsere Verträge mit aufgenommen wurden. Das war eine ordentliche Knacknuss. Unzählige Videokonferenzen mit Agenturen in London und Amerika und ich war persönlich bei William Morris [die William Morris Agency ist eine der größten Künstler*innenagenturen der Welt, Anm. d. Red.] um das durchzudrücken. 

Irgendwann muss man Paroli bieten…
Ja, man muss aufstehen und einfach sagen, dass es nicht okay ist, was gerade passiert. 

Wir müssen alle diesen Mut haben,
darauf aufmerksam zu machen.

Was wünschst du dir für die Zukunft? Welche Ziele habt ihr mit Yourope?
Ich glaube, dass wir das Ganze auf noch mehr Schultern abstützen müssen. Es ist in den letzten Jahren einfach unglaublich viel geworden. Wir sind 1998 mit 25 Leuten gestartet. Heute sind wir 100 Festivals, zehn Associated Members, viele Events etc. Und wenn wir in Europa eine Rolle spielen möchten – auch in Bezug auf Lobbying – brauchen wir viele Leute um Strukturen zu schaffen. Auch, um das neben dem Daily Business umsetzen zu können. Das ist wirklich hart und ich hoffe, dass wir das weiterentwickeln können.

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