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Zwischen Weißbier und Traumkulisse:

Zu Besuch beim Heimatsound Festival 2019


Vieles ist traditionell in Oberammergau. Und manches davon mag einem Nicht-Bajuwaren oder einer Nicht-Bajuwarin auch erst einmal sehr seltsam erscheinen. Skatertypen in Vans und Lederhosen zum Beispiel. Oder Alt-Hippies mit Seppl Hut.

text & foto Christina Gilch

Doch hier scheinen Faktoren wie zum Beispiel die Altersklasse keine Rolle zu spielen. Es wird zusammen zu „Weißbier-Reggae“ und Mundart Hip-Hop gefeiert.

Aber nicht nur das Publikum ist cool und entspannt, auch das Line-Up ist liebevoll und sorgfältig ausgewählt: 14 Bands mit Bezug auf Bayern oder den Alpenraum krönen das Festival. Und wer hätte gedacht, dass sich zu Tuba oder Hackbrett Solos so wunderbar tanzen lässt?

Aber von Anfang. Fährt man von München aus die A95 in Richtung Gebirge entlang, begibt man sich auf eine Reise. Auf eine Zeitreise in eine andere Welt. Während die Sonne auf die Fensterschreiben knallt, ziehen Wiesen und Wälder an einem vorbei und allmählich, je weiter man in Richtung der Alpen kommt, beginnen sich Bergformationen entlang der Straße aufzutürmen. Und die Uhr scheint nach und nach ein bisschen langsamer zu ticken.

Bahnt man sich dann, in Oberammergau angekommen, den Weg zum Passionstheater, welches mitten im Ortskern liegt, hat man es komplett in die bayerische Vorzeige-Idylle geschafft. Die Straßen sind gesäumt von bemalten Landhaus-Stil Gebäuden, mit Fensterländen und Blumenkästen. Und auf dem Weg zum Campingplatz rollt man an Trachtenläden und Holzschnitzereien vorbei. Natürlich.


Für wen das aber noch nicht Kitsch und Romantik genug ist, der erlebt auf dem Campingplatz sein vollendetes bayerisches Wunder. Direkt neben dem Theater liegen ein paar Wiesen, die bis auf ein paar Bullis noch vollkommen leer sind. Am Rand steht eine Bar – mit Bier und Weißwürsten, was auch sonst. Die, die schon da sind, bauen eine Eckbank vor ihrem Campingmobil auf, legen bestickte Kissen auf die Polster und stellen Blumen auf den Tisch. Im Hintergrund ragt der Kofel, Oberammergaus Hausberg, majestätisch in den Himmel. Na, noch ein bisschen mehr Heimatfilm Kulisse? Zum kompletten Ankommen schlendert man dann am besten am kleinen Bach entlang zur anderen Seite des Campingplatzes und begrüßt seinen Nachbarn. Aber bitte nur mit einem kühlen Augustiner in der Hand.

Man kann das nun natürlich alles schrecklich kitschig oder sogar ein bisschen beängstigend finden, doch so seltsam eigen und aus der Zeit gefallen diese Welt auch scheinen mag: Innerhalb ein paar Minuten und einer Bierflaschenlänge fühlt man sich irgendwie als ein Teil der Gemeinde Oberammergau.

Dazu tragen sicherlich auch die vielen freiwilligen Helfer aus dem Dorf bei. Und überhaupt, jeder ist willkommen. Auch ohne ein Ticket. Denn die Musik spielt sich zwar innerhalb des teil-überdachten Passionstheaters ab, doch die vielen Eingangstüren stehen weit offen, sodass man sich auch draußen auf dem Vorplatz musikalisch berieseln lassen kann. Oder eben einfach nur in der Wiese liegen und sich durch das kulinarische Angebot der Region futtern.

Zur Aftershow Party treffen sich dann sowieso wieder alle beim örtlichen Bauhof.

Zugegeben, dort fühlt man sich schon ein bisschen an seine Jugendzeit zurückerinnert. Es kommen einem Zeltpartys mit billigem Alkohol, viel zu laute Musik von schlechten DJs und wahlloses Geknutschte in den Sinn.

Und so werde ich morgen – wie eben früher auch – mit schrecklichen Kopfschmerzen aufwachen. Allerdings nicht von billigem Fusel, sondern weil man einfach nicht gehen möchte, bis die Party wirklich komplett vorbei ist. Also taumle ich mit diesem Gefühl an früher, an diese nie enden wollenden Nächte mit Freunden, über den Vorplatz. Nun auch wirklich mit dem letzten Bier in der Hand. Dem allerletzten, ehrlich.


Und so endet es dann doch, dieses Festival. Mit Muskelkater vom Wandern am Nachmittag und Tanzen am Abend, mit flauem Magen von viel zu viel Bier und mit musikalischen, eben nicht traditionell angestaubten, Highlights.

Es gibt nur einen einzigen Wermutstropfen: Die rund 6600 Tickets sind jedes Jahr innerhalb ein paar Stunden ausverkauft. Außerdem muss das Heimatsound Festival im nächsten Jahr seinen Sommer Termin an die 42. Ausgabe der Passionsfestspiele abtreten und findet dann erst am 9. und 10. Oktober statt. Aber vielleicht ist Oberammergau im Herbst ja noch schöner, falls das überhaupt möglich ist.

Festivalfinder

Heimatsound Festival 2020

09. – 10. Oktober – Oberammergau


Alle Infos zum Festival

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