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Stell dir vor, es ist Festival und die ganze Stadt macht mit.

Erinnerungen vom Open Flair 2018


Was passiert, wenn ein Festival nicht isoliert auf einem Acker stattfindet?
Das Open Flair Festival versammelt eine beeindruckende Anzahl großer Namen auf den Bühnen einer Kleinstadt. Dabei bietet es der Besucherin beides: das Erlebnis-Soziotop Campingplatz und eine Möglichkeit zur Begegnung mit dem Veranstaltungsort und seinen Bewohner*innen.

text Wiebke Ruess
redaktion Robin Hartmann, Jonas Rogge
fotos Wiebke Ruess

Als ich an einem Mittwoch am Berliner U-Bahnhof Hermannstraße auf meine Mitfahrgelegenheit nach Eschwege, einer nordhessischen Kleinstadt, warte, fühle ich mich ähnlich aufgeregt wie damals mit 15, als ich im Jahr 2004 das Open Flair Festival zum ersten Mal besuchte. Damals hatte ich endlose Diskussionen mit meinen Eltern durchgestanden, um ein Ticket zu bekommen. Zu dieser Zeit gab es noch keinen offiziellen Zeltplatz. Die Festivalbesucher*innen bauten ihr Zelt einfach auf freistehenden Grünflächen inmitten der Stadt auf, zum Beispiel auf dem kleinen Fußballfeld links neben der Hauptbühne. Seitdem hielt ich diesem die Kleinstadt-Routine durchbrechenden Ereignis die Treue, bis vor fünf Jahren.


Mit Anfang 20 stand ich vermeintlich über dem provinziellen Treiben: „Wissen die denn nicht, dass es mehr gibt als mit orangen Fischerhüten und billigen, bunten Sonnenbrillen besoffen über den Zeltplatz zu stolpern?“
Ich fühlte mich nach dem Besuch von Festivals voller konfettischmeißender Pseudo-Avantgardisten allwissend und über den Dingen stehend. Dieses Gefühl hielt solange an, bis ich mit zwei Bierdosen, die mir jemand mit Gaffer-Tape an die Hände geklebt hatte, Die Kassierer-Texte grölend über den Zeltplatz stolperte, nur mit Glitzer in der Fresse.

„Ich bin entsetzt und beeindruckt zugleich.“

Über die Jahre ist das Open Flair mit mir gewachsen. Ein richtiger Zeltplatz ist dazu gekommen, mit allerlei Bespaßungsangeboten für die unterhaltungsbedürftigen Festivalgäste. Das Kleinkunstzelt, ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal, befindet sich jetzt nicht mehr mitten auf dem Festivalgelände, sondern 15 Minuten Fußweg entfernt, umringt von einem Bierwagen, einem hölzernen Kinderkarussell und einer kleinen Tanzfläche mit DJ-Pult. Das Fußballfeld, das mir einst als Campingfläche diente, bietet jetzt Platz für ein riesiges Kinder-Spielparadies.

Im Jahr 2018 bin ich doch erstmal schockiert. Offenbar war ich zu lange nicht mehr hier. Leute, ihr seid sehr betrunken, jetzt schon! Ich bin entsetzt und beeindruckt zugleich. Reizüberflutet laufe ich durch die engen Gassen Eschweges, umringt von Fachwerkhäusern. Anpassung scheint mir die beste Überlebensstrategie. Ich kaufe mir einen halben Liter Eschweger Klosterbräu für zwei Euro. Mit den Worten: „Das ist aber noch nicht richtig kalt!“, versucht mich der freundliche Herr um die 60, der mir das Bier aus dem Wohnzimmerfenster seiner Parterre-Wohnung reicht, vom Kauf abzuhalten. Ich bestehe auf meinem Getränk und bin überrascht: Dieses Bier ist kälter als alles, was ich bisher in einem Berliner Späti bekommen habe.


Ich bin spät dran für das Konzert von Gurr. Ich will sie nicht verpassen, also beeile ich mich und laufe in Richtung Seebühne, die auf Höhe des Zeltplatzes liegt, etwas abseits der anderen beiden großen Bühnen. Gurr ist auf dem gesamten Festival eine der wenigen Bands mit Frauenbeteiligung. An dieser Stelle sende ich Grüße an die Booker*innen des Open Flairs und empfehle, mal einen Blick auf die Keychange Initiative zu werfen.

„Ein Mädchen crowdsurft auf einem riesigen, aufblasbaren Wal an mir vorbei.
[…] Ich fordere einen besonders großen Sicherheitsmann zum Wettexen auf.“

Gurr scheint momentan überall zu sein. Ein Mädchen crowdsurft auf einem riesigen, aufblasbaren Wal an mir vorbei. Laura Lee, eine der beiden Frontfrauen, macht mitten im Moshpit den Wurm, legt sich zuvor elegant ein weißes Handtuch drunter und eröffnet mit dieser Performance einen Tanzkreis. Ich bin glücklich und endlich auch ein bisschen betrunken. Von dem Konzert beflügelt begebe ich mich auf die Suche nach weiteren positiven Momenten. Die Sicherheitsleute gelten hier als besonders freundlich und humorvoll. Das will ich austesten! Ich fordere einen besonders großen Sicherheitsmann, dessen Glatze offensichtlich von einem Einhorn mit Glitzer bekotzt wurde, zum Bier-Wettexen auf.
Und ja, er stellt sich der Herausforderung, natürlich erst nach Feierabend. Ich will nicht angeben, aber der gute Mann hat mich unterschätzt. Ich habe gewonnen. Meine nord-hessischen Wurzeln haben mich nicht im Stich gelassen. Der Sieg und der daraus resultierende Ruhm, der mir unter den Secus für den Rest des Festivals zuteilwird, sind unbezahlbar. Auch sonst schaffen es die meisten Sicherheitsbeauftragten eine gute Stimmung zu verbreiten. Sie sind respektvoll, teilen während der Konzerte Trinkwasser aus und versorgen die Festivalbesucher*innen bei sengender Hitze mit kalten Gartenschlauch-Duschen.

Den Festival-Freitag verbringe ich zum größten Teil auf dem Hauptgelände, dem sogennanten Werdchen. Es wurde für das Wochenende mit zwei Bühnen, verschiedenen Essensständen und Ständen sozialer Projekte ausgestattet. Inmitten eines Baumkreises befindet sich die kleinere der beiden Bühnen. Viele der Festivalgäste ruhen sich hier im Schatten der Bäume aus. Die andere  Bühne ist die größte des Festivals. Während der Konzerte der Headliner steht quasi das gesamte Werdchen voll mit Menschen.
Am Samstag wird diese Bühne zur Primetime von Wanda bespielt. Ich lasse die Lieblingsband meiner Schwiegermutter ihr Ding machen und entscheide mich stattdessen für das Konzert von Dota Kehr. Dota und ihre dreiköpfige Band geben sich auf der Indoor-Bühne im E-Werk, einer historischen Maschinenhalle, die Ehre. Dieser Ort ist in den letzten Jahren als Konzert-Location hinzugekommen. Er bietet Platz für ausgelassene Konzerte in einer gemütlichen Umgebung. Der Charme des E-Werks wird im Besonderen von einem drei Meter hohen, antiken Dieselmotor geprägt, durch den das Ganze ein wenig an ein Miniatur-Ferropolis erinnert.


Nach dem Konzert begebe ich mich, weiterhin sehr glücklich, zu einem der Herzstücke des Open Flair, dem Fruchtweinstand. Dieser hat sich seit seinem Bestehen als Treffpunkt für die einheimischen Festivalgäste etabliert. Zu später Stunde liegen sich hier betrunkene Schulfreund*innen in den Armen. Spätestens an diesem Ort, nachdem Körper und Geist von Konzerten weichgeklopft wurden, verfallen die Anwesenden in alte Verhaltensmuster und sind für den Moment wieder so sorgenfrei wie zu Schulzeiten, umgeben von einer Aura der Leichtigkeit. Dem Zauber dieser Momente kommt natürlich zugute, dass man sich hier quasi jede Frucht in Form von Wein zu Gemüte führen kann. Ich halte es klassisch und bestelle mir zwei halbe Liter Apfelwein. Den einen trinke ich gleich, an dem anderen halte ich mich fest. Dass es diesen Stand auf dem Open Flair überhaupt noch gibt, trotz der Übermacht des Hauptsponsors – einer norddeutschen Biermarke – ist unter anderem dem sturen Aktionismus einer Gruppe örtlicher Quittenweinliebhaber*innen zu verdanken. Es gab sogar T-Shirts!

„Gitte ist eine herzliche und glückliche Gastgeberin. Die Stadt Eschwege bietet während des Festivals viele dieser kleinen Inseln und wird so Teil des Festivals.“


Wenn zu später Stunde die Bühnen und das Hauptgelände dicht gemacht und die letzten Besucher*innen vertrieben werden, kann ein jeder sich seine Nische in der Stadt suchen und wird sie auch finden. Auf dem kurzen Weg zum Zeltplatz befindet sich zum Beispiel die provisorische Kneipe von Gitte, die während des Festival-Wochenendes ihr Wohnzimmer in eine offenherzige Gaststätte umfunktioniert. Alle sind willkommen, alle sind geliebt, alle dürfen hier die Etikette vergessen, doch niemals den Respekt. Gitte ist eine herzliche und glückliche Gastgeberin. Die Stadt Eschwege bietet während des Festivals viele dieser kleinen Inseln und wird so Teil des Festivals.
Die vielen kleinen Gesten machen das Open Flair zu einem einzigartigen Ereignis. Auch wenn es in seiner Gesamtheit auf diversen Ebenen sehr dreckig zugeht und die Menschen in Nordhessen wahnsinnig stur sind, haben sie ihr Herz am rechten Fleck. Ich werde auf hausgemachte Schnäpse eingeladen, bekomme Festivalbeutel mit nützlichem Inhalt geschenkt und zu jeder Gelegenheit ein Bier gereicht.

Festivalfinder

Open Flair 2019

07. – 11. August – Eschwege


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