Magazin

Norddeutsche Standhaftigkeit und eine Party ohne DJ

Erinnerungen vom MS Dockville


 
 

text & fotos Nina Martach
redaktion Jonas Rogge

lesezeit 6 Minuten

In dieser Zeit der Ungewissheit bekommt unsere Rubrik “Erinnerungen” eine ganz neue Bedeutung: Wer weiß, auf wie vielen Festivals wir dieses Jahr noch eine Runde drehen können?
Für das Weiterbestehen der hier erinnerten Veranstaltung, mit einem Termin Ende August und starkem Rückhalt in der Festivalszene und Musikindustrie, stehen die Zeichen möglicherweise nicht ganz so schlecht: Mitten in Hamburg, direkt an der Elbe und mit einem Line-Up der Extraklasse lockt das MS Dockville jedes Jahr tausende Festivalwütige in die Hansestadt. Kein Wunder, denn trotz des immer größer werdenden Ansturms, bleibt das Festival irgendwie familiär, überschaubar und vor allem eins: detailverliebt.

 

Samstagmorgen, 8 Uhr

Im Alltag würde ich mich jetzt nochmal umdrehen. Allerdings befinde ich mich auf einem Festival. Das wird mir nach einer kurzen Orientierungsphase ganz schnell wieder bewusst. Ich weiß jetzt auch, was mich geweckt hat: Direkt neben meinem Zelt geben zwei Festivalbesucher ein Zeltplatz-Konzert. «Hört sich gar nicht schlecht an», finde ich und kämpfe mir den Weg aus dem Zelt. Den Gedanken hatte offensichtlich nicht nur ich, denn um die Zeltplatz-Band haben sich schon einige Leute versammelt, die ausgelassen tanzen. Ich setze mich zu meinen Freund*innen und lehne das Bier erstmal ab, das mir direkt angeboten wird. Das ist er, der Festival-Alltag. Wenn es sowas überhaupt gibt.



Ich bleibe erstmal eine Weile unter dem halbprofessionell zusammengebauten Pavillon sitzen, bevor ich mich entscheide, es bei den Duschen zu versuchen – in der Hoffnung, nicht bis zum Nachmittag anzustehen. Ich habe Glück: Die Schlange sieht so aus, als würde ich nur den halben Vormittag hier verbringen. Ich entscheide mich zu bleiben. Eine gute Entscheidung wie sich herausstellt, denn ich bekomme die Möglichkeit, der Gruppe vor mir bei einem Gespräch über den letzten Abend zuzuhören. Sabrina ist nämlich auf ihren Exfreund getroffen, den sie lieber nicht hätte wiedersehen wollen. Da sind Emotionen hochegekocht. Zum Glück sind Sabrinas Freundinnen gute Leute und haben sie mit Pfeffi und Dosenstechen getröstet. Spannend, kann man sagen. Und Sabrina sieht auch gar nicht mehr so traurig aus, nachdem sie eine Nacht darüber getrunken hat, denke ich mir. So vergeht dann auch der halbe Vormittag, oder, in Wahrheit, die 30 Minuten, wie im Flug. Nach der Dusche fühle ich mich wie ein neuer Mensch und bin bereit Dockville Tag zwei zu bestreiten.

Auf meinem Rückweg zum Camp passiere ich diverse Trichter-Wettbewerbe, Glitzer-Schmink-Salons, sowie unnormal viele Menschen in Bademänteln und gerate gerade in die zweite Runde Flunkyball, die meine Campleute gegen die Nachbarn angeleiert haben. Wird dieses Spiel eigentlich jemals alt? Wird es vielleicht irgendwann eine olympische Disziplin? Meine Campnachbarin würde jedenfalls mindestens auf dem Treppchen stehen, denke ich mir und beobachte das Ganze aus meinem Campingstuhl.

Aufbruch

Wir alle wissen: Die Zeit vergeht, wenn man Spaß hat. Dementsprechend ist es auch an der Zeit, sich aus seinem Campingstuhl zu erheben und den ersten Gang des Tages zum Festivalgelände anzutreten. Das Line-Up lässt es nämlich, wie so oft beim Dockville, nicht zu, auf dem Zeltplatz zu versacken. Auf dem Weg zum Großschot kommen wir an der Container-Bühne mit dem schönen vielversprechenden Namen “¥€$ WE CAN CAN” vorbei. Aus dem großen Holzverschlag daneben hören wir lautes Gröhlen und Jubeln. Keine Frage, dass wir da mal eben einen Zwischenstopp einlegen müssen. Keine schlechte Idee, denn hier leitet ein Quizmaster im Hawaiihemd gerade die nächste Runde Bingo ein. Hauptgewinn pro Runde: ein Glas Sekt. Wir kriegen direkt einen Bingo-Schein in die Hand gedrückt, bleiben aber weniger, um zu gewinnen, sondern eher der guten Stimmung wegen. Wir sind also auch nicht all zu enttäuscht, als wir nach der Runde ohne den Hauptgewinn weiterziehen.


Es ist nicht einfach, auf dem Dockville straight von A nach B zu kommen. Das liegt nicht primär daran, dass dieses Unterfangen auf Festivals immer eine Herausforderung ist – vor allem, wenn man in einer Gruppe unterwegs ist. Vielmehr liegt das an all den Ablenkungen, die das Festival unterwegs bereithält. Das Dockville lockt nämlich nicht nur mit kreativen Bühnen-Namen, sondern neben der Musik auch mit einem umfangreichen Programm an Kunst und und Unterhaltung. So laden zum Beispiel riesige Halfpipes zum skaten ein. Wer sein Skateboard an diesem Wochenende aber zuhause gelassen hat – was wahrscheinlich auf einen Großteil der rund 35.000 Festivalgäste zutrifft – der rutscht einfach ohne runter. Wer spontan Bock auf ein neues Tattoo hat, der bahnt sich seinen Weg zu dem kleinen Holzhäuschen, das an diesen Tagen ein professionelles Tattoostudio beherbergt und wer nach der Halfpipe-Rutsche noch nicht genug hat, schwingt eine Runde auf einer überdimensional hohen Schaukel.

Auf Kulturexpedition

Und dann gibt es ja noch die Kunst: Jedes Jahr beherbergt das Festival die Kunstwerke des MS Artville. Das MS Artville präsentiert ebenfalls jährlich eine Auswahl an internationalen und nationalen Künstler*innen, die sich in ihren Werken mit einem bestimmten Oberthema auseinandersetzen. Die offene Open Air-Gallerie kann dann über einen Zeitraum von circa drei Wochen am Wilhelmsburger Reiherstieg besucht werden. In diesem Jahr haben die Künstler*innen sich dem Thema “morgen” und der Frage, wie wir in der Zukunft leben wollen angenommen. Die Installationen und Street Art-Werke sind auch über das MS Artville hinaus auf dem Dockville ausgestellt und bieten den Festivalgästen neben der Musik einen weiteren kulturellen Höhepunkt. Wer auf dem Dockville ist, kommt an der Kunst auf keinen Fall vorbei. Und zack, so ist man auf dem Weg zum nächsten Act auch schon wieder abgelenkt, weil es hier eben so viel zu entdecken und erleben gibt.

So wie wir auf dem Weg zur ersten Band unseres Dockville-Samstags. Wir starten den Tag mit einem ziemlich perfekten Mix aus Glitzer, Humor und Talent in Form der Band BLOND. Die drei Chemnitzer*innen wissen nicht nur, wie man ziemlich ehrliche und zugleich sehr fantastische Songs macht. Sie wissen auch, wie man das noch leicht müde Publikum, trotz Regen und dem Vorabend, der noch in den Knochen steckt, wach bekommt. Und so füllt sich der freie Raum vor der Bühne nach und nach mit feierfreudigen Menschen, so dass es bei den Jungs von Rikas, die BLOND in ihrer Show an diesem Tag in nichts nachstehen, schon richtig voll am Großschot ist. Obwohl der typische Hamburger Regen uns zwischenzeitlich immer wieder erwischt, tanzen wir zusammen mit den anderen Festivalgästen zu Hits wie «Tortellini Tuesday», «Fanny Pack Party» und «Prince Boomerang» und sind ein bisschen traurig, als die Show nach einer Stunde vorbei ist. Langsam macht sich aber auch der Hunger bei uns breit. Also heißt es, alle Leute wieder zusammenzutrommeln und ab zu einem der zahlreichen Food-Spots. Immerhin liegt heute noch ein ordentlicher Sprint an Auftritten vor uns, den wir uns ansehen wollen.


Auf unserem Plan für heute stehen unter anderem noch die Giant Rooks, Von Wegen Lisbeth, Jungle und Two Feet. Also stärken wir uns mit veganen Burgern, Käsepätzle und fettiger Pizza und legen uns dann für eine kleine Verdauungspause kurz in eine der hinter Bäumen, Holzinstallationen und Lichtern versteckten Hängematten. Gestärkt und ausgeruht geht’s also zurück zur Bühne. Das Wetter ist in diesem Jahr zwar nicht ganz auf unserer Seite, der Sonnenuntergang vor der einzigartigen Kulisse aus Industrie und Elbe kurz bevor die Giant Rooks ihre energiegeladene Show starten, ist allerdings trotzdem ein kleines Highlight.

Der Tanz der Müllsäcke

Ein paar Stunden und einen sehr langen Regenschauer, den wir gedrängt zwischen vielen anderen ungeduldigen Dockville-Gästen unter viel zu kleinen Vordächern verbringen, finden wir den Rest unserer Gruppe, den wir schon viel zu lange suchen, am Vorschot bei Jungle wieder. Wir trotzen in norddeutscher Standhaftigkeit dem Regen, der Kälte und den durchnässten Klamotten, quetschen uns zusammen unter die letzten, unter Müllsack-Capes trockengebliebenen Jacken und tanzen uns zu einer unfassbar guten Show die Kälte aus den Knochen. Auch das Wiedersehen mit dem längst verloren geglaubten Teil unserer Gruppe will gefeiert werden. Das machen wir natürlich standesgemäß mit leicht überteuertem Bier aus Plastikbechern.

Wer nach der Show von Jungle noch nicht im Tanzfieber ist, der ist es spätestens hier: bei Easy Kisi, einem kleinen, bunten Wohnwagen, der vom Dockville schon längst nicht mehr wegzudenken ist. Wir schütteln uns noch eine Weile zu ein paar funky Tunes, verabschieden die müde Gewordenen ins Bett und ziehen weiter. Denn es ist kein Dockville-Abend, wenn er nicht im Zirkuszelt mit dem schönen namen Tentakel endet. Hier schwingen wir bei «Britney Baby, One More Time» bis spät in die Nacht zu feinstem Trashpop das Tanzbein – solange bis die Playlist, die übrigens ohne DJ automatisch abgespielt wird, stoppt und uns übereuphorisch zurücklässt. Wir entscheiden uns dennoch für den Rückweg zum Camp.

Ich schreibe am Dockville-Postamt noch schnell eine Postkarte an den daheimgebliebenen Mitbewohner und suche meinen Weg über Zeltschnüre und Campingstühle zurück in mein Zelt. Immerhin habe ich noch einen weiteren Tag Dockville vor mir, von dem ich schon jetzt weiß, dass er mindestens genauso ereignisreich wird wie dieser. Danke MS Dockville, dass du jedes Jahr auf’s neue alles gibst!

Festivalfinder

MS Dockville 2020

21. – 23. August – Hamburg


Alle Infos zum Festival

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