Magazin

Mit Sonnenbrand & Reisepass

Erinnerungen vom Kosmonaut Festival 2018


Mit einer Location, wie sie schöner nicht sein könnte, intergalaktischer Deko und ganz viel Liebe begeisterte das Kosmonaut Festival auch 2018 wieder seine Fans. Dazu noch ein wohl-kuratiertes Line-Up und jede Menge Mitmach-Spaß und das Gesamtpaket ist perfekt! Wie es sich im letzen Jahr angefühlt hat vor Ort zu sein, lest ihr hier.

text Klara Moschütz
redaktion Tina Huynh-Le
fotos Sascha Krautz

Es ist Freitagnachmittag, der 29. Juni 2018, und meine Ankunft bei der 6. Ausgabe des Kosmonaut Festivals in Chemnitz hat sich ein bisschen verzögert. Kennt man ja. Manchmal dauert alles länger als ursprünglich gedacht. Aber gerade bei Festivals herrscht eben auch eine andere Zeitrechnung, also schnell das ständige Auf-die-Uhr-Schauen abschütteln und sich lieber mitreißen lassen. 

Getanzt wird bei sonnigen 26 Grad barfuß, in Badeklamotten und mit Sonnenbrand.

Erster Stopp: die Hauptbühne direkt an der Badestelle vom Stausee Rabenstein. Auch die dort spielende französische Band Her scheint ihr Zeitgefühl verloren zu haben, sodass sie zum Abschluss ihres Sets für ihren Titel „All I need is 5 Minutes“ wesentlich länger als eben nur diese besungenen fünf Minuten brauchen. Aber niemand hat es eilig. Ganz im Gegenteil, es herrscht eine gelöste und entspannte Stimmung. Getanzt wird bei sonnigen 26 Grad barfuß, in Badeklamotten und mit Sonnenbrand. Den Sonnenschutz scheinen die meisten hier vergessen zu haben. Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, heißt es von nun an Schatten-Hüpfen. Kann ja auch keiner ahnen, dass die Kosmonaut*innen mit so einem Wetter aufwarten. Die Fläche, welche sonst als Freibad genutzt wird, eignet sich allerdings bestens für diesen Fall. Unter schattenspendenden Bäumen sammeln sich am Nachmittag auch die Zuhörer*innen vor der Wortbühne. Unterschiedliche Autor*innen, Podcaster*innen und Leute, die einfach gerne und vor allem viel quatschen, reichen sich das Mikrofon wie einen Staffelstab weiter. 


Das allgemeine Festival-Geheimrezept: Vorab nicht ganz so viele Gedanken machen und einfach schauen, was kommt.

Mit dabei ist auch das Berliner Duo Herrengedeck. Ariana Baborie und Laura Larsson, bekannt für ihre Schlagfertigkeit und ihr Talent, über alles reden zu können, wirken auf der kleinen Festivalbühne verloren. Beide stehen während ihres knapp 50-minütigen Auftritts eher unbeholfen vor dem an sich wohlwollenden Publikum und auch die vorbereiteten Themen, wie zum Beispiel ihre typischen Random-Facts oder das Rollenspiel mit ihren Alter Egos DJ Python und DJ Osama Spin Laden, wollen nicht ganz zünden. Lässiger gehen es die Herren von Im Autokino an. Max und Chris lümmeln sich auf die bereitstehenden Sofas und laden noch den Heimwerkerkönig Fynn Kliemann auf die Bühne ein. Vorbereitet haben sie nichts, wissen auch noch nicht, womit sie die großzügig angesetzten zwei Stunden füllen sollen und lassen sich einfach treiben. Vielleicht ist das auch das allgemeine Festival-Geheimrezept: Vorab nicht ganz so viele Gedanken machen und einfach schauen, was kommt. Auf jeden Fall ist es eine neue Erfahrung, das sonst so einsame Podcast-Hören hier kollektiv zu erleben und das normalerweise eher leise Kichern in der U-Bahn mit mehreren hundert Leuten zu teilen. 

Während Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern auf der Hauptbühne einen soliden Abriss hinlegen, ihre Headliner-Qualität unter Beweis stellen und unter vollem Körpereinsatz das Publikum auf ihre Ausdauer testen (Monchi musste im Anschluss noch in die Chemnitzer Notaufnahme, da ihm in den Finger gebissen wurde), steigt mit der untergehenden Sonne die Aufregung. Auch in diesem Jahr ist es Kraftklub und den restlichen Organisator*innen gelungen, bis zum Schluss das Geheimnis um den Freitags-Headliner für sich zu behalten. Das festivaleigene Wettbüro nimmt am Abend die letzten Tipps entgegen und verzeichnet hohe Quoten für Die Ärzte (24, 81% der Stimmen), K.I.Z. (10,89 %) und Casper (9,81%). In den sozialen Netzwerken ranken sich Spekulationen und einige der Anwesenden sind nur für den geheimen Headliner erschienen. Der leicht ansteigende Hang vor der Hauptbühne ist voll besetzt. Die letzten Besucher*innen strömen von der Atomino Bühne herüber, wo Meute aus Berlin sich gerade die Ehre gegeben haben, und schlängeln sich durch die Wartenden, um eine bessere Sicht auf die noch verhüllte Bühne zu bekommen. 

Bei einem Blick über die gesammelte Menge ist festzustellen, dass der Altersdurchschnitt beim Kosmonaut Festival ungefähr bei Anfang Zwanzig liegt. Einige Ausreißer stellen Familien mit Kindern dar, die sich besonders in den hinteren Reihen sammeln, aber beim Kosmonaut Festival sind alle willkommen. Das wird auch noch einmal klar, als die 5 Herren von Kraftklub die Bühne betreten und das Wort ergreifen. Nach Felix Brummers Begrüßung und Dank an alle, die das Kosmonaut 2018 mit auf die Beine gestellt haben, folgt die, wie sich später herausstellen sollte, vielsagende Ankündigung des „ganz besonderen Headliners“. Der Vorhang fällt und so wie es einigen auch bei ihren WM-Tippspielrunden wahrscheinlich ging, hatte damit niemand gerechnet. RIN, letztes Jahr noch auf der kleineren Atomino Bühne, dieses Jahr als Headliner? Enttäuschung macht sich breit. Der Musiker schafft es mit seinem Cloud-Rap vielleicht, die Berliner Columbiahalle zu füllen, aber nicht die knapp 10.000 Besucher*innen des Kosmonaut Festivals in den Bann zu ziehen. Viele verlassen das Festivalgelände und treten den Weg zum Zeltplatz an, um sich im Nachhinein mächtig zu ärgern.

Denn: Nach drei Liedern verlässt RIN die Bühne, ein neuer Backdrop taucht auf und Bausa übernimmt das Mikrofon. Spätestens, als selbst die Ü20-Jährigen in der Menge anfangen „Baby, gib mir mehr von dem, was du Liebe nennst“ mitzusingen, ist klar, dass der deutsche Rapper kein Unbekannter mehr ist. Textzeilen wie „Sag der zugekoksten Bitch: ‚Ich will mein Blow‘“ aus seinem Song Baron sorgen im Anschluss noch auf den sozialen Netzwerken für Enttäuschung und Irritation unter den Gästen, positionieren sich die Veranstalter*innen doch offen gegen Sexismus und jegliche weitere Form der Unterdrückung. Bisher wurden diese Kommentare aber noch nicht von Seiten der Organisator*innen beantwortet. 

Der muntere Reigen aktueller Vertreter*innen des Raps setzt sich mit einem Sunny Driveby von der deutschen Rapperin Hayiti fort, geht ganz easy mit Cro weiter und mündet im eigentlichen Grund, weshalb all diejenigen, die sich aufgrund der Headliner-Eröffnung haben vertreiben lassen, das fiese Gefühl von Enttäuschung in der Magengrube spüren: ein fulminanter Promo-Auftritt von Marteria und Casper. Mit ihrem gemeinsamen Auftritt lüften sie das schon weitverbreitete Gerücht über ein gemeinsames Album. Die Platte mit dem Titel 1982 ist am 31. August 2018 erschienen und das Feuerwerk zu ihrer ersten Single Champion Sound ließ bereits da schon vermuten: Die beiden haben Großes vor. Nachdem die letzte Rakete am Nachthimmel erloschen ist, entlassen die beiden das sichtlich – positiv wie negativ – überraschte Publikum in die Nacht.

Am nächsten Tag ist der geheime Headliner noch weiterhin Gesprächsthema Nummer 1 unter den angereisten Kosmonaut*innen. Trotz oder gerade wegen der Headliner-Polonaise scheinen viele enttäuscht zu sein, denn nicht alle brachten die nötige Geduld auf, um das Finale zu erleben. Zudem scheiden sich an RIN und Bausa schlichtweg die Geister. Der Weckruf von Casper und Marteria auf Zeltplatz 1 kann die Gemüter nicht beruhigen, vor allem die auf Zeltplatz 2 nicht, denn diese bekommen hiervon gar nichts mit. Hier wird eines sehr deutlich: Nichts ist schwieriger als es allen recht zu machen und bei einer Veranstaltung in dieser Größenordnung vermutlich auch schier unmöglich. 


Der zweite Tag startet ein bisschen kühler. Das schreckt jedoch niemanden ab, sich in den Stausee zu stürzen und die ersten Bands auf der Hauptbühne wie Sam Vance-Law und Milliarden vom Wasser aus zu genießen. Im Laufe des Nachmittags füllt sich die Fläche spürbar. Die Schlangen vor den Toiletten und an den Essensständen werden immer länger und mit dem Wissen im Hinterkopf, dass auch Tageskarten für das Kosmonaut Festival verkauft werden, ist das auch keine sonderlich große Überraschung. Wenn Kraftklub als Gastgeber und lokale Matadoren sich selbst die Ehre auf der Bühne geben, dann kommt man gerne auch nur für einen Tag zum Festival. Gefühlt werden so selbst musikalische Größen wie Milky Chance und Olli Schulz an diesem Tag nur Vorbands für das große Finale des Festivals, denn alle fiebern darauf hin. 


Mittlerweile sind die Vorräte an den Merchandiseständen merklich geschrumpft und die Kraftklub-Uniform von hochgezogenen Tennissocken und Band-Shirt wird stolz zur Schau getragen.
Die Zeit bis zum Auftritt der 5 Herren wird mit Minigolf-Partien und den letzten zu sammelnden Stempeln im zum Ticket mitgelieferten Reisepass vertrieben. Die gar nicht so leicht zu findenden Stationen hierfür waren auf dem Gelände sowie dem Zeltplatz verteilt und mit Stempel und Stempelkissen ausgestattet. Wer alle zusammen hatte, war bereit für den Abflug.   

Kraftklub beweisen bei ihrem Heimspiel, dass man Spaß eben auch mit K schreiben kann.

Kurz nach halb Elf war es dann soweit. Der rote Vorhang mit dem aktuellen Album-Titel Keine Nacht für Niemand fiel zu Boden und Kraftklub beweisen bei ihrem Heimspiel, dass man Spaß eben auch mit K schreiben kann. Die Band rund um die Brummer-Brüder zeigt, dass sie in den letzten Jahren einiges an Erfahrung gewonnen und ihr Publikum sicher im Griff haben. Band und Publikum sind bereits ein eingespieltes Team und so wird sich an den richtigen Stellen hingehockt, gesprungen und mitgesungen. Wie viele der jungen Anwesenden wünschten sich wohl, Teil der tanzenden Gang im Hintergrund zu sein, die seit letztem Jahr die Band auf vielen ihrer Auftritte begleitet? Synchron werden hier Haare geschüttelt, Arme geschwungen und Choreos getanzt, die so sicher auch bei einem Beyoncé Konzert niemanden überraschen würden. Ein bisschen büßen die Chemnitzer dadurch an ihrer rotzigen und unangepassten Art ein, aber allein der Grund, dass man sich daran stören könnte, ist schon wieder so frech, dass es doch auch sehr gut zu ihnen passt. Schluss ist nach knapp 1,5 Stunden. Sichtlich glückliche Gäste treten zu einem Großteil den Rückweg zum Zeltplatz, einige auch schon nach Hause an. 

Das 6. Kosmonaut ist vorüber und ich muss sagen, dass ich froh bin, mir genug Zeit genommen zu haben, um das Festival kennenzulernen. Die musikalische Mischung, der Anspruch, auch abseits der gängigen Musik Aktuelles zu bieten und dabei immer wieder Risiken einzugehen, stehen dem Festival. Offensichtlich haben auch die Organisator*innen noch nicht genug und so geht es 2019 in die 7. Runde am Stausee Rabenstein, wenn Kraftklub am 5. und 6. Juli wieder zum Abflug laden. 


Festivalfinder

Kosmonaut Festival

5. & 6. Juli 2019


Alle Infos zum Festival

Teile den Beitrag