Magazin

Ein Festivalmärchen

Erik und das Glück


Ein von der Fusion inspiriertes Alltagsmärchen über Träume, Liebe und die Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen, nimmt euch mit in eine Welt, die dieses Jahr vielleicht ein wenig zu kurz kam.

text Ann-Sophie Henne
redaktion Isabel Roudsarabi, Florian Anhorn
illustrationen Florian Anhorn

lesezeit 13 Minuten

Er sitzt in einem Blütenmeer. Mohnblüten, Narzissen, Rosen, Vergissmeinnicht, Hyazinthen und Nelken, die in Mustern angeordnet sind. Einige Sekunden atmet Erik den Duft ein und genießt. Dann versucht er sich in Gedanken zu rufen, wie er hier hergekommen ist. Das letzte, an das er sich erinnert, ist ein sehr unangenehmes Gefühl. War es Schmerz? Oder Angst? Panik vielleicht?

Ein Teil des Gefühls kehrt zu ihm zurück, es kitzelt ihn am linken Zeh, er spürt, es möchte weiter hinauf. „Halt“, denkt er sich energisch, und das Gefühl zieht sich erschrocken zurück. Erleichtert schließt er die Augen. Als er sie vorsichtig wieder öffnet, haben sich die Muster des Blumenmeers auf wundersame Weise verändert. Die Narzissen und Hyazinthen bilden nun einen Kreis, das Vergissmeinnicht verläuft in symmetrischen Linien quer und längs hindurch, und die Rosen und der Mohn bilden zusammen eine rote Form, die er irgendwo schon einmal gesehen hat. Nach kurzem Grübeln erkennt er es. Natürlich. Ein Pfeil. Und weil es sonst nichts zu tun gibt, macht er sich auf den Weg.

Er kommt durch ein Wäldchen, in dem die Vögel so laut zwitschern, dass es in seinen Ohren unangenehm brummt. Es riecht nach Erde und frischem Rindenmulch, ein Geruch, den er aus seiner Kindheit kennt. Der Pfad ist schmal und verläuft in wilden Kurven, es ist ein Slalomlauf um Eichen, Buchen, Ahorn und Kiefern. Ungeduld und Ärger, die sich nicht unterdrücken lassen, steigen in ihm auf. „Wer diesen Weg wohl entworfen hat", fragt er sich: „Das ist doch ein riesiger Umweg." Bei dieser Überlegung schießt sein Puls noch einmal in die Höhe. Er möchte schon den Pfad verlassen und geradeaus durchs Unterholz stapfen, da hält er verblüfft inne, weil er eine Stimme hört. Sie kommt ihm bekannt vor, wie ein alter Freund, und weil niemand sonst hier ist, geht Erik davon aus, dass es seine eigene ist: „Warum solltest du schnell aus diesem Wäldchen herauswollen?" Der Gedanke trifft ihn hell und klar, ganz so, als wäre er immer schon da gewesen: Du hast es doch gar nicht eilig." Ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht, als er die Wahrheit darin erkennt, und ein wohliges Gefühl breitet sich in seinem Körper aus. Das laute Vogelgezwitscher klingt auf einmal sehr angenehm. Er kann nicht ganz begreifen, warum, aber er weiß, dass diese Erkenntnis wichtig für ihn war. In diesem Moment macht der Pfad eine letzte Biegung, der Wald lichtet sich und Erik blickt überrascht auf einen Hügel, der hinter einer Wiese empor ragt.        

Das Vogelgezwitscher ist verstummt. Stattdessen hört Erik aus weiter Ferne geheimnisvolle, rhythmisch-melodische Klänge. Die Sonne blendet ihn, er kommt etwas ins Schwitzen. Auf dem Hügel steht ein einsamer Oldtimer, der ihm bekannt vorkommt. Erik kennt sich mit Autos aus, das weiß er, auch wenn er sich gerade nicht daran erinnern kann, woher. Er kneift die Augen zusammen. An dem außergewöhnlichen Gefährt sind Lichterketten angebracht, außerdem ein riesiges, an einer Fahnenstange befestigtes, weißes Tuch, das sich mit der aufkommenden Brise in der Luft wiegt. Ich träume", denkt Erik, weil er nicht weiß, was er sonst denken soll. Doch der Schweiß auf seiner Haut fühlt sich real an. Er wartet, bis er es nicht mehr aushält, dann rennt er, so schnell er kann, auf das Auto zu. Er macht sogar einen dieser seitwärts gewandten Hüpfsprünge, wie man sie aus alten Fernsehserien kennt. Auf den letzten Metern ist er so sehr außer Puste, dass er abbremst und gehen muss. Der Hügel ist steiler, als er von unten aussah, doch das Auto ist nur noch einige Schritte entfernt. Er stellt sich vor, wie es sich anfühlt, wenn er mit den Händen über den Oldtimer fährt, wie der Lack riecht, wo das Gefährt wohl Schrammen hat. In Gedanken fährt er schon die andere Seite des Hügels hinunter und erkundet dieses Traumland, in dem er aufgewacht ist.   

Das Lachen bleibt Erik in der Kehle stecken.

Er sieht, dass in dem Auto ein junges, leicht bekleidetes Pärchen sitzt und sich eine Zigarette teilt. Er kann nicht verhindern, dass sich die Enttäuschung in ihm ausbreitet, sie ist da, noch bevor ihm die Situation vor den jungen Leuten peinlich sein kann. Dennoch entschuldigt er sich pflichtbewusst, als die beiden zu ihm hochblicken. Irgendetwas von „nicht gesehen“ und „nicht stören“. Die Frau blickt ihn lächelnd an: „Du siehst aus, als würdest du wirklich gerne mal hier drinsitzen. Wir gehen raus.“ Der Mann nickt fröhlich, hält Erik die Tür auf und klopft ihm noch einmal bestätigend auf die Schulter: „Viel Spaß.“ Erik fühlt sich wie elektrisiert von der Berührung. Er kann sich nicht erinnern, wann Menschen das letzte Mal so völlig grundlos nett zu ihm gewesen sind. Wobei „nett“ die Untertreibung des Jahrhunderts ist. Dieses Auto ist sein Lebenstraum, alles, worauf er jemals hingearbeitet hat, daran erinnert er sich jetzt. „Danke“, stammelt er: „ich danke Ihnen recht herzlich.“ Doch die beiden sind bereits außer Hörweite.

Nachdenklich blickt Erik das Auto an, fährt sanft über den Türrahmen, steigt ein und lässt sich in das zerschlissene Leder sinken. Das Lenkrad fühlt sich gut an in seiner Hand, so, wie er es sich immer vorgestellt hat. „Jetzt gehörst du mir“, sagt er testweise zu dem Oldtimer, halblaut, nur um auszuprobieren, wie sich der Klang seiner Worte anhört. Doch komischerweise ist das Hochgefühl, das er eben noch empfunden hat, zusammen mit dem fröhlichen Pärchen verschwunden. Der Schlüssel steckt, und doch fühlt er sich nicht einmal danach, ihn umzudrehen. „Kann man sich denn auf gar nichts verlassen?", fragt Erik sich: „Da hat man nach so vielen Jahren alles, was man immer wollte, und auf einmal will man es nicht mehr."
Er fühlt sich aufrichtig erschüttert von diesem Gedanken, und in seiner Herzgegend zieht es unangenehm: „
Ein Lebenstraum ist schön und gut, bis man merkt, dass es der falsche war." Einige Zeit sitzt er einfach nur da, versunken in dem weichen Leder, und dreht diesen Gedanken in seinem Kopf hin und her. Dann setzt er sich entschlossen auf: „Besser ich merke es jetzt, als später. Ich bin vielleicht schon etwas in die Jahre gekommen, aber es ist nicht zu spät für mich, einen neuen Traum zu finden." Erik fragt sich, wohin das Pärchen wohl verschwunden ist. Er steigt aus dem Auto, geht einige Meter, bis er auf die andere Seite des Hügels herunterblicken kann und kann nicht fassen, welches Bild sich ihm dort unten bietet: Eine bunte Menschenmasse bewegt sich auf dem sandigen Untergrund hin und her, von hier oben sehen sie aus wie eine Ameisenkolonie. Sie bilden lose Formationen, laufen umher und doch sieht es so aus, als würde jeder und jede dort unten eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Manche von ihnen halten Stöcke in die Luft, die aussehen wie wundersame, leuchtende Kraken und Quallen. Gelegentlich ertönen Pfiffe und Rufe.

Ein majestätischer schwarzer Turm steht in der Mitte.

Er scheint das Zentrum dieser wundersamen Ansammlung zu sein. Ab und zu wird er von dickem, weißem und lilafarbenem Rauch umhüllt. Erst jetzt hört Erik auch wieder die rhythmischen Klänge von vorhin, sie sind lauter und brummender geworden. Überrascht bemerkt er, dass sein Bein im Takt auf und ab wippt. „Ob ich wohl nach unten gehen kann", fragt er sich: „und für eine Weile so tun, als würde ich zu diesen unbeschwerten Leuten gehören?" Erik spürt eine ungeahnte Freude in sich aufsteigen. Er hat gerade seinen Lebenstraum gewonnen, verloren und steht immer noch aufrecht da. Er ist stark. Warum sollte er dann nicht eine Weile mit den Leuten tanzen können, die vorhin so freundlich zu ihm waren? Er atmet einmal tief ein und aus, nimmt seinen Mut zusammen, und stakst mit weichen Knien nach unten, gerade auf die Menschenmenge zu.

Unten angekommen, umhüllen ihn Rauchschwaden. Er kann kaum zwei Meter weit sehen. Das bietet ihm Schutz, sich unbeholfen zu der fremdartigen Musik hin und herzubewegen, ganz so, wie seine Beine es ihm vorgeben. Erik lächelt. Vorhin noch war er ein älterer Mann, der vergessen hatte, wer er ist und der sich über einen kurvigen Weg ärgerte, und nun steht er hier im lila Rauch und tanzt ganz allein inmitten freundlicher, junger Menschen.
Als sich der Rauch lichtet, sieht er ein paar Meter weiter eine Frau in seinem Alter tanzen, die nichts trägt, außer ein mit Pailletten verziertes Tuch, welches sie um ihre Hüfte gebunden hat. Sie nickt ihm freundlich zu und bietet ihm einen Schluck aus ihrem Getränk an. Erik trinkt. Er weiß, dass er unter normalen Umständen nervös wäre, sich fragen würde, was er sagen soll, ob die Frau ihm damit etwas sagen will, ob er sie auch auf einen Drink einladen sollte. Ganz zu schweigen von der Sorge, was das für ein Getränk sein könnte. Doch die Gedanken in seinem Kopf sind plötzlich wie weggeblasen. Die Frau scheint kein gesteigertes Interesse daran zu haben, sich zu unterhalten, und Erik hat es auch nicht, es ist ohnehin zu laut. Er bedankt sich mit einem Lächeln, schließt die Augen und fängt an, die Musik zu spüren. Als er die Augen wieder öffnet, verschwindet gerade das letzte bisschen Sonne vor ihm am Horizont. 

Er fühlt sich glücklich, befreit, aber auch ein bisschen müde.

Ganz so, als wäre er gerade von einer langen Reise zurückgekehrt. Er blickt links an einem Turm vorbei, ein kleiner Weg geht von dort aus ab und windet sich aus seiner Sichtweite: „Ich werde dem Weg folgen. Ich glaube, dass er mich zu einer Person führt, mit der ich mich unterhalten kann." Einen solch impulsiven Gedanken hatte Erik in seinem ganzen Leben noch nicht. Warum sollte er glauben, dieser Weg würde ihn zu einem geeigneten Gesprächspartner führen? Er weiß doch weder etwas über das Land, in dem er sich befindet, noch über die Menschen, die hier leben. Erik ist ein Mensch, dem Dinge wie Intuition eigentlich suspekt sind, an so viel erinnert er sich. Doch weil er heute schon so viele Dinge getan hat, die er sich in seinen wildesten Träumen nicht hätte ausmalen können, macht er sich einfach auf den Weg.

Es wird langsam dunkel, und immer mehr Lichter tauchen um Erik herum auf. Manche Lichtstrahlen sind bunt und ziehen sich über den gesamten Himmel, sie kreuzen sich und bilden dort oben neue Formen und Farben. Erik kommt kaum voran, weil er immer wieder staunend stehenbleibt. Doch seine Beine tragen ihn weiter, bis er an einer Wiese vorbeikommt, die ihn völlig in ihren Bann zieht. Einige riesige Bäume stehen dort, deren Geäst in wechselnden Farben leuchtet, blauer Rauch steigt dazwischen auf, und auf dem Boden bewegen sich Muster aus weißem Licht.
Mittlerweile ist es ganz dunkel geworden, und Erik kann seinen Atem vor seinem Gesicht sehen. Er fröstelt und beginnt mit einem Mal, sich unsicher und fremd zu fühlen. Was für eine absurde Idee es doch war, zu meinen, an diesem Ort würde jemand auf ihn warten. Er wendet sich gerade zum Gehen, da sieht er hinter einem Baum ein Gebäude mit einem roten Vorhang, kaum größer als eine Scheune, und davor eine einzelne Mohnblume, genau so eine, wie Erik sie vorhin in dem Pfeil gesehen hatte. Er läuft darauf zu und erkennt, dass es sich bei dem Gebäude um ein rundes Theater handelt. Wie im Kolosseum ist in der Mitte Platz für Aufführungen, darum herum sind reihenweise Steinstufen angeordnet. Im Moment findet keine Aufführung statt. Nur ein einzelner Mann sitzt in der dritten Reihe. Als er Erik sieht, steht er auf und hebt seinen Hut.

"Da bist du ja, Erik!"

Der Mann deutet Erik, sich neben ihn zu setzen: „Willkommen.“ Als Erik neben ihm Platz nimmt erwidert er: „Entschuldigen Sie. Haben Sie lange auf mich gewartet? Bis vor zehn Minuten wusste ich noch nicht, dass ich jemanden treffen werde, sonst wäre ich eher losgelaufen.“ 
„Du bist genau zur richtigen Zeit hier angekommen“, lächelt der Mann. „Ich heiße übrigens Mo.“

„Ein schöner Name", denkt Erik, dann räuspert er sich: „Mo, haben Sie vielleicht die Zeit und die Geduld, mir einige Fragen zu beantworten? Ich bin erst heute Morgen angekommen und fühle mich etwas befremdet.“
„Dafür bin ich hier, Erik“, antwortet Mo: „Frag mich einfach, was du wissen möchtest, und ich versuche, dir alles zu beantworten.“

„Sagen Sie, Mo. Wo sind wir hier?“
„Wir sind in einer Art Parallelwelt, nicht weit von der Erde entfernt. Du kannst es einfach als eine Art soziales Experiment sehen. Alle Menschen, die sich hier zusammenfinden, sind mit ihrem Eintritt eine Vereinbarung eingegangen, sich gegenseitig liebevoll und vorurteilsfrei zu behandeln. Die Umgebung, die du siehst, ist Ausdruck einer Kreativität, die nur entstehen kann, wenn man diese Werte in sich trägt.“
„Ich verstehe“, sagt Erik, „Ihr habt also Gesetze, die streng gegen Diskriminierung und Intoleranz vorgehen.“ Ein bisschen ist er auf diese Schlussfolgerung stolz. 
„Es sind keine Gesetze",entgegnet Mo: 

„Wir wollen hier nicht von Regeln und Begrenzungen definiert werden, sondern verlassen uns auf die Vernunft des Einzelnen.“

Erik kann sich eine solche Welt beim besten Willen nicht vorstellen.
Mo erzählt weiter: „Es gibt eine Art universellen Verhaltenskodex, an den die Menschen sich hier halten. Tun sie es nicht, werden sie von den anderen darauf hingewiesen, oder ihr eigenes Verhalten reflektiert ganz einfach auf sie selbst zurück.“ Darüber muss Erik erst einmal nachdenken. Er glaubt langsam zu verstehen, was Mo damit meint und denkt zurück an das glückliche Pärchen, dass ihm den Platz im Oldtimer überließ. Auch die Frau, die ihm einfach so ihr Getränk anbot, ohne etwas von ihm zu fordern, hatte sehr zufrieden gewirkt: „Das bedeutet, Nächstenliebe ist an diesem Ort allgegenwärtig? Und es funktioniert, weil es einem selbst Freude bringt, anderen etwas Gutes zu tun?“
„Genau so ist es“, beteuert Mo: 
„Nun würde ich dir gerne eine Frage stellen, wenn ich darf? Du bist nun schon fast einen ganzen Tag hier. Welche Erkenntnisse hast du bereits gewonnen?“ 
„Eine ungewöhnliche Frage", denkt sich Erik und wendet sich zu seinem Gesprächpartner: „Darüber muss ich kurz nachdenken“ Er beginnt, die vergangenen Stunden noch einmal Revue passieren zu lassen. Er ist wieder im Wäldchen, riecht den Rindenmulch und hört das penetrante Vogelgezwitscher. Er spürt wieder die Ungeduld und den Ärger in sich aufsteigen, die der kurvige Weg in ihm ausgelöst hatte. Zögernd beginnt er zu sprechen: 

„Ich habe gelernt, dass ein Umweg nicht zwingend etwas Schlechtes sein muss."

„Wenn man es nicht eilig hat, und der Weg ein schöner ist, dann ist es nicht wichtig, ob ich eine Stunde später am Ziel ankomme. Noch dazu, wenn ich das Ziel überhaupt nicht kenne.“
„Das ist eine sehr schöne Erkenntnis“, sagt Mo. „Und weiter?“

Erik denkt wieder an den Oldtimer und die Gleichgültigkeit, die er empfunden hatte, sobald er allein im Wagen saß. „Ich habe gelernt, dass man sich in einem Lebenstraum täuschen kann“, gibt er nachdenklich zu: „Mein Leben lang habe ich von einer Sache geträumt. Ich war mir sicher, dass ich glücklich wäre, wenn ich sie erst einmal besäße. Doch das war eine falsche Annahme. Sobald ich sie hatte, war es einfach nur noch ein Gegenstand, der nicht in der Lage war, mir Glück zu schenken.“
„Was ist mit dir passiert, als du deinen Traum verloren hast?“ 
„Erst war ich traurig. Kurz habe ich mich sogar gefühlt, als würde ich selbst verschwinden.“ Erik macht eine kurze Pause. „Doch dann habe ich mich befreit gefühlt, so, als hätte ich mich von einer alten, lästigen Erinnerung gelöst. Ich war immer noch da. Vielleicht war ich sogar mehr da als jemals zu vor.“
Mo nickt.  
„Später habe ich mehrere Stunden lang, ganz allein, zu einer fremdartigen Musik getanzt. Mal war sie melodiös, mal stumpf, mal melancholisch, mal fröhlich. Es war seltsam, irgendwie schien sie mein Innerstes widerzuspiegeln."

„Meine Augen waren die ganze Zeit geschlossen. Ich wollte mich einfach nur zu dieser Musik bewegen. Vielleicht ist es das, was ich beim Tanzen gelernt habe: Es ist mir überhaupt nicht wichtig, was fremde Menschen über mich denken. Ich glaube, ich habe mich früher immer sehr ernst genommen und vor lauter Angst, etwas Peinliches zu tun, lieber gar nichts getan.“
„Sehr gut“, sagt Mo. Erik erzählt weiter: „Auf dem Weg zu Ihnen habe ich noch etwas wichtiges gelernt. Ich hatte im Gefühl, dass jemand irgendwo auf mich warten würde. Ich wusste natürlich, wie absurd das klingt, aber ich habe mich trotzdem auf den Weg gemacht. Ich habe auf eine innere Stimme vertraut.“ 
Mo schenkt ihm ein warmes Lächeln: „Ich glaube du hast an einem Tag mehr gelernt, als viele Menschen während ihres gesamten Aufenthalts. Ich weiß, dass du bereit bist für meine letzte Frage.“
Er berührt Erik leicht an der Schulter. 

„Wie bist du hierhergekommen, Erik? Was ist das letzte, an das du dich erinnerst?“
„Nein“, sagt Erik erschrocken: „Diese Gedanken lösen in mir kein gutes Gefühl aus.“
„Du bist bereit dafür, Erik“, sagt Mo sanft. „Versuche dich einfach zu erinnern, und vergiss dabei nicht, was du heute alles gelernt hast. Vergiss es nie.“
Eriks Herz beginnt schneller zu klopfen. Er versucht, die Gedanken abzublocken, wie heute früh in dem Blumenmeer, doch es hat keinen Zweck. Da war ein Piepen. Weiße Kittel. Gestresste Rufe, ein sterilisierter Raum, in dem er liegt. „Aufladen auf drei!“ – Die Worte hallen kalt und nüchtern in seinen Gedanken wider. Er weiß, dass sie ihm gelten, er kann jetzt von oben einen Arzt und mehrere Schwestern sehen, die wild durcheinanderwuseln. 

Ein letztes Mal dreht Erik sich zu Mo um und gibt ihm die Hand. „Ich danke Ihnen, Mo“, sagt er höflich, „dass ich einen Tag bei Ihnen verbringen durfte. Ich war sehr glücklich hier.“ 
Mo drückt seine Hand, und lächelt ihm ermutigend zu. „Du warst überarbeitet und oft gestresst, Erik. Lass es langsam angehen da draußen. Leb wohl.“

„Na gut, dann wollen wir mal“, denkt sich Erik, weil er nicht weiß, was er sonst denken soll. Und auf drei macht er langsam die Augen auf. 

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Text: Ann-Sophie Henne

Was Ann-Sophie an Festivals am besten gefällt, ist das Gefühl, Teil einer gesellschaftlichen Utopie zu werden. Annsi ist Online Redakteurin beim MDR und reist viel, zuletzt nach Indien. Sie macht auch auf Festivals gerne neue Erfahrungen und hat so zum Beispiel mal bei einem Vergebungsritual ihre innere Mitte gefunden.

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Florian Anhorn

Hallo ich bin Florian und Höme hat mein Herz gestohlen. Auf dem Immergut ist es passiert: Ich wurde über Nacht aus meinem Festivalwohnzimmer weggecastet. Tja guck – jetzt bin ich hier. Höme hat mir gezeigt wie viel mir die Festivalkultur bedeutet – nämlich echt viel. Irgendwie hab ich begriffen, dass Festivals noch mehr können als Musik und betrunken sein, das war eine der besten Einsichten der letzten Jahre. Danke dafür! Bei Höme mach ich meistens Fotos, schraube an merkwürdigen anderen Ecken rum oder Illustriere. Wenn ich grade nicht Hömie bin, dann bin ich Fotograf, Gestalter oder schraube auch anderswo an merkwürdigen Ecken rum.