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Drinks gegen Müll

Das Pfandsystem auf dem Dour Festival


Auf dem irrwitzigen Dour Festival können BesucherInnen seit Jahren selber Müll sammeln. Ein kleines Detail veränderte die Jagd auf Plastikbecher dieses Jahr jedoch drastisch. Dadurch wurde das belgische Festival zwar sichtbar schmutziger, ein grünes Vorbild für Nachhaltigkeit bleibt es aber doch in vielen Belangen.

text Till Bärwaldt
redaktion Tina Huynh-Le
fotos Siana, Till Bärwaldt

Es sieht wirklich nicht sauber aus an diesem Samstag, dem meist besuchten Tag und Aushängeschild des Dour Festivals. Während auf der Hauptbühne ein Rapper den Slot vor Alt-J bespielt, sich in den kleineren Zelten französische Indie-HeldInnen tummeln und Nils Frahm seine opulenten Synthesizer-Installationen vorbereitet, ist für die gut 50.000 BesucherInnen Essenszeit. Ein kleines Bierchen darf natürlich vor dem Weg auf eine der sieben Bühnen auch nicht fehlen. Einziges Problem: Trotz üppigem Mülleimer-Aufkommen lassen viele ihre Abfälle liegen, und zwar fast schon aus Gewohnheit. 

Der Zeitaufwand für ein verdientes Getränk: eine schlappe Viertelstunde etwa.

Seitdem die wilden 90er-Jahre vorbei sind, überzeugt das Festival im wallonischen Dour nicht nur mit einem abstrusen wie kreativen Line-Up, sondern auch mit spannenden, gar avantgardistischen Ideen. Eine davon ist das intensive Müllsammeln – von Seiten der FestivalgängerInnen. Seit etwa 15 Jahren können normal zahlende BesucherInnen auf dem Gelände selbst aktiv werden und Abfallsäcke füllen oder alternativ 40 Plastikbecher sammeln. An Recycling-Ständen wurden diese gegen ein „Ticket Boisson“, ergo ein kleines Bier oder einen Softdrink getauscht. Der Zeitaufwand für ein verdientes Getränk: eine schlappe Viertelstunde etwa. Unweigerlich bekommt die trinkende und essende Gesellschaft schnell Luft von dieser Aktion und gibt den Sammelnden mit teils meterhohen Bechertürmen die Abfälle direkt in die Hand oder lässt diese sichtbar auf dem Tisch stehen, wo sowohl Abfälle als auch leere Becher nicht lange verweilen. Eine fantastische Aktion, die einerseits vielen knausrigen Musikfans ein bezahlbares Wochenende ermöglichte und gleichzeitig für ein äußerst sauberes Gelände sorgte. Doch dieses Jahr ist etwas anders.

„Viele sind enttäuscht und sammeln nur das eine Mal“, meinen die sichtbar unbeschäftigten Volunteers vom Green Corner. Sie haben die undankbare Aufgabe, den jungen, nach einem Kaltgetränk lechzenden FestivalgängerInnen die frohe Botschaft zu überbringen, dass es dieses Jahr für einen Müllsack oder 40 Becher leider keinen Getränkebon gibt. Zwei Euro Rabatt im Camping- oder Merchandise-Shop sind die Alternative, die zwar faktisch nur einen etwas geringeren Wert hat, aber bei vielen Hobby-MüllsammlerInnen für Ernüchterung sorgt. Die Mehrheit der Recycling-Motivierten erkennt den Sinn nicht mehr, stellt das Sammeln ein und so sieht es eben schmutzig aus auf dem brandneuen Gelände bei den Windrädern. Wer hier einzig am Samstagabend vorbeikommt, fragt sich wohl, auf was für einer Müll-Veranstaltung er oder sie hier denn gelandet ist. Dabei ist nichts, wie es scheint. Nicht nur setzt sich das Dour Festival seit Jahren intelligent für grüne Belange ein, auch hinter dieser zunächst unglücklich erscheinenden Entscheidung versteckt sich eine nachvollziehbare, logische Aktion.



An der wunderschönen Bar des Green-Campings, unweit von Hängematten und einem kleinen Sauna-Bereich, geben Emilie und Caro aus der Dour-Équipe Auskunft über die grünen Projekte des Festivals. Beide sind ehemalige Mitglieder der Green Cross, den grünen Volunteers aus Dour, die dieses Jahr mit ganzen 800 Personen am Start sind. Sie räumen in der Früh die liegengebliebenen Abfälle des Vortages auf und sorgen nach dem langen Wochenende dafür, dass auch der immens große Campingplatz wieder gut aussieht. Eine Aktion, die immerhin drei Wochen dauert, im Vergleich zu vergangen Zeiten aber immerhin um eine Woche reduziert werden konnte, worüber sich Caro sichtlich freut. Seit Jahren leistet das Green-Cross-Team neben der physischen Arbeit nämlich in erster Linie Prävention und versucht die FestivalbesucherInnen zu sensibilisieren. Es ist ein langer Weg, geben die beiden Verantwortlichen zu, freuen sich aber über kleine Erfolge, wie das System der Mülltrennung, welches sogar auf dem wilden Regular Camping zumindest in Teilen akzeptiert wird. In sogennanten Trash Zones werden nun auch CamperInnen dazu eingeladen, ihre Abfälle sorgfältig zu trennen – etwas, was seit Jahren mit den gesamten Trink- und Essensständen erfolgreich durchgeführt wird. Weitere Errungenschaften der letzten Jahre: Die Einführung des Green Campings, nachdem ein erster Versuch vor etwa 15 Jahren krachend scheiterte; die weitgehende Abschaffung eines Programms in Papierform und die Eröffnung der Green Agora – ein Bereich, in dem NGOs und lokale Organisationen über Nachhaltigkeit informieren und diese mit lokalen Gemüse- und Bier-Tastings greifbar machen.

All dies sowie eine intensivere Kommunikation bezüglich grüner Themen lassen vermuten, dass das Dour Festival wie viele andere in den letzten Jahren mit dem Trend auf den grünen Zug aufgesprungen ist. Fakt ist aber, dass bereits seit den Anfängen des Festivals viel Engagement besteht. Die grünen Freiwilligen operieren seit etwa 20 Jahren, die Müllsammel-Aktion ist uralt und bereits seit Jahren haben ehemalige Green-Cross-Volunteers mit 3D eine ganzjährig aktive Organisation gegründet, die vor allem in Schulen für grüne Themen sensibilisiert. Mit der Zeit sei das eben gekommen, dass mehr darüber kommuniziert wird, auch weil andere Festivals sich mit ähnlichen Aktionen brüsten, die in Dour schon Jahre zuvor Standard waren. „Wir müssen uns nicht für das schämen, was wir in dem Sektor leisten“, meint Caro.

Spannend ist dabei, dass die OrganisatorInnen vermehrt zu ungewöhnlichen Methoden greifen. Beispiel ist da die Verwendung von Weichplastik-Bechern. Viele grüngewaschene Festivals vertrauen hier auf die ach so tollen Ecocups, auf die dann Pfand erhoben wird. Für das Dour Festival eine schwierige Angelegenheit, die weniger nachhaltig ist, als sie scheint. Die Produktion von etwa einer Million Becher, die aufwendige Säuberung am anderen Ende des Landes und der Fakt, dass Ecocups zum jetzigen Zeitpunkt nicht recycelbar sind, waren für das Team genug Gegenargumente. Stattdessen gibt es eben Weichplastik ohne Pfand, aufgrund dessen Boden und Tische dann zwar zeitweise als Müllhalde erscheinen, das aber eben auch zu 95% recycelt wird, nachdem es von der Green Cross oder den wenigen tapferen Hobby-KollektorInnen aus dem Publikum gesichert wurde. Dass die freiwilligen Sammelnden dieses Jahr weniger geworden sind, nehmen Emilie und Caro wohlwissend in Kauf. Auch hier versteckt sich eine zukunftsbasierte Aktion. In vergangenen Ausgaben habe durch den Ansporn eines Trink-Tickets das Bechersammeln skurrile Formen angenommen. Einige ganz schlaue BesucherInnen sollen bereits getrennte Mülleimer geleert haben, nur um sich salopp gesagt durchs Wochenende zu saufen. Da geht der ökologische Gedanken tatsächlich abhanden, weswegen das grüne Dour-Team das Müllsammeln mit Absicht ein wenig entwertet hat. Dass aufgrund des geringeren Gewinns deutlich weniger Personen sich der Chose widmen, ist einerseits verständlich. Andererseits zeigt es, dass in unserem FestivalgängerInnen-Bewusstsein in der Tat noch ein weiter, grüner Weg zu gehen ist. Einer, den das Dour Festival trotz einem zeitweise verschmutzen Gelände bestens freigeräumt hat.

Festivalfinder

Dour Festival

11. – 15. Juli 2019 – Dour


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