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Das Jenseits von Millionen im Interview

Dorf im Festival oder Festival im Dorf


Das Jenseits von Millionen findet seit 13 Jahren auf einer Burg in Friedland, zwischen Berlin und Cottbus, statt. Hinter dem Festival steckt der Verein „anderes Festival e.V.“, der eine innige Beziehung mit dem Ort und dessen Bewohner*innen pflegt – und das obwohl die meisten Vereinsmitglieder in Berlin leben.


interview Christina Gilch
text & redaktion
Olivia Busse
fotos Nina Martch, Nina Satorius

lesezeit 10 Minuten

Wir haben mit zwei der „Millionen” gesprochen, wie sie von den Friedländer*innen genannt werden. Vorstandsvorsitzende des Non-Profit Festivals Eileen Scheier, eine der Urgesteine, die tatsächlich aus der Region kommen und Finanzer Tim Joppien, der erst ins Festival-Feeling versetzt wird, wenn er die Burgkatze entdeckt hat, erzählen vom Jenseits. Von Über'n-Zaun-Gespräche und über die Mauer geworfene Starkstromkabel vom Kindergarten.

Hallo ihr beiden! Mögt ihr euch zu Beginn einmal kurz vorstellen? Wie lange seid ihr schon beim Jenseits und wie seid ihr dazu gekommen?
Eileen Scheier: Ich bin am längsten mit dabei, mein erstes Jahr war 2009. Damals war ich noch Studentin und habe mich als Helferin angemeldet. Die ursprüngliche Truppe des Festivals kannte ich, weil wir alle in Greifswald studiert haben. Leider ist keiner von denen mehr aktiv im Verein. Jedenfalls haben sie mich und zwei Freundinnen in einer Kneipe gefragt, ob wir auf dem Bierwagen aushelfen wollen.

Aus einem jugendlichen Drang heraus und dem Biere sehr zugeneigt, haben wir dann großkotzig gesagt: „Klar, wir arbeiten auf Bierwagen. Wir haben schon immer Bier gezapft.”

Natürlich stimmte das nicht, aber sie haben uns geglaubt.
Als Helferinnen auf dem Bierwagen hatten wir dann 2008 und 2009 den größten Spaß auf Erden. 

Also bist du von Anfang an Teil des Festivals, hinter den Tresen stehst du allerdings nicht mehr. Wie sehen deine Aufgaben und Verantwortlichkeiten heute aus?
Eileen: Es fühlt sich in der Tat so an, als wäre ich schon mein ganzes Leben lang dem Festival verbunden – selbst meine Eltern sind immer auf dem Festival. Das Ganze ist für mich eine riesige Herzensangelegenheit und daher auch die Hoffnung, dass es noch eine ganze Weile weitergeht.
Seit 2013 bin ich im Vorstand. Das Hauptaugenmerk meiner Arbeit liegt auf der Region: Ich kümmere mich um die Angelegenheiten mit dem Amt und dem Bürgermeister vor Ort, pflege die Beziehungen mit unseren lokalen Partnern und Netzwerken. Seit drei Jahren prügeln sich mein Kollege Tim und ich uns durch die entsprechenden Förderanträge für unser Festival. Dadurch, dass wir unsere recht günstigen Eintrittspreise beibehalten wollen, sind wir an öffentliche Förderung gebunden. 



Und was ist deine Geschichte, Tim?
Tim Joppien:
Den Namen „Jenseits“ kenne ich schon länger, etwa seit 2015. Irgendwann habe ich dann unseren Booker Patrick kennengelernt, der mich nach dem Festival 2017 im September/Oktober zum Neufindungstreffen mitgeschleppt hat. Lange Zeit war ich dann froh und erfolgreich im Booking-Team. Irgendwann wollte ich ein wenig mehr anpacken, habe mich aber immer davor gesträubt, in den Vorstand zu gehen. Mittlerweile wurde ich da so reingeschoben und bin jetzt Finanzer beim Jenseits.

Wie viele Leute seid ihr im Orga-Team? Kommen bei Euch alle aus Berlin oder gibt es jemanden direkt aus der Region? 
Eileen: Momentan sind wir 27 Vereinsmitglieder und davon kommt der größte Teil tatsächlich aus Berlin. Wir haben aber auch vereinzelt Leute in Dresden oder Leipzig sitzen. Eine von uns ist in der Region aufgewachsen und kennt das Festival seitdem sie acht oder zehn Jahre alt ist.

Auf Seiten der Besuchenden sind wir mit lediglich 50 Gäst*innen gestartet und jetzt sind es bereits 800-1.000 Menschen. Dementsprechend hat sich vieles „professionalisiert“, möchte ich sagen. Ich bin sehr froh, dass es sich über die 13 Jahre, die es uns jetzt schon gibt, so gut weiterentwickelt hat.

Früher haben wir mit Baby-Badewannen gearbeitet und jetzt bestellen wir schon mobile Waschbecken.

Das heißt, über das Jahr ist niemand von euch direkt am Ort des Festivals. Dennoch kennt ihr Friedland und seine Bewohner*innen sehr gut. Wie können wir uns Friedland vorstellen?
Tim: In Friedland selbst leben nur 300 Leute und wir aus dem Team verdoppeln die Einwohnerzahl gefühlt während des Festivals. Zwar hat Friedland und seine umliegenden Dörfer in Summe über 1.000 Einwohner, aber es fühlt sich dort schon sehr dörflich an. 

Eileen: Wir verdoppeln nicht nur die Einwohnerzahl, sondern wir verjüngen die Region auch unheimlich, wenn von uns viele junge Menschen da sind. Ich würde einfach mal sagen, dass in Friedland ansonsten hauptsächlich ältere Menschen oder Familien wohnen. Als Verein sind wir nicht direkt vor Ort, dafür haben wir allerdings Josef und Luise: Das sind die Urgesteine, die sich das mit dem Festival in Greifswald in der Kneipe ausgedacht haben. Josef ist in Friedland geboren und aufgewachsen und hat eine Weile in Berlin gelebt. Seitdem haben Luise und er eine Familie gegründet und sind zusammen vor vier/fünf Jahren zurück ins Dorf gezogen. Am Markt in Friedland haben sie den vorherigen Besitzenden die Eisdiele abgekauft und bedienen sie jetzt.

Josef ist kein aktives Mitglied und doch unser Direktor vor Ort. Er ist unser Sprachrohr - das Ohr am Boden der Region.

Wenn dort etwas erzählt oder geredet wird oder etwas passiert, dann kriegen wir das mit. Das ist sehr hilfreich. 

Ich stelle mir das für die Organisation sehr schwierig vor, wenn ihr niemanden oder eben nur wenige Leute direkt vor Ort habt. Funktioniert das, wenn ihr alles erst kurzfristig vor dem Festival bündeln könnt? 
Eileen: Ja, denn dafür steht uns die „Zauberburg” zur Verfügung, auf der das Jenseits stattfindet. Und die Touristeninformation, die theoretisch von Dienstag bis Samstag oder Sonntag offen hat, fängt für uns zum Beispiel die Bestellungen ab. 



Wie weit im Voraus kommt ihr dann am Festivalort zusammen – für den Aufbau und alles weitere?
Eileen: Jedes Jahr im Mai versuchen wir eine Art „Vereins-Klassenfahrt“ zu veranstalten. Das ist nicht leicht, weil wir alle noch in unseren eigentlichen Berufen tätig sind, aber die ist wirklich Gold wert: Sie bringt uns und die Leute aus dem Ort ins Festival-Feeling.

Tim: Also treffen wir uns alle im Mai, etwa zwei Monate vor Festivalbeginn, in Friedland und schlafen dort, wo wir auch in der Aufbauwoche übernachten. Unser Rüstzeitheim liegt im Nachbarort, mit Stockbetten und allem was dazugehört. Dort Schwören wir uns auf den bevorstehenden Festivalzeitraum und die damit verbundene, intensive Zeit ein

Wir fangen damit an, die Leute abzuklappern, ob eben alles so wie immer ist, also ob Pferde Petra wieder die Wiese für uns frei macht und mäht.

Es würde keinen Sinn machen, dort einfach anzurufen, daher kündigen wir uns persönlich an. Schließlich leben die Leute dort und sie wollen nicht, dass wir einfach einfallen und wir genauso wenig. Die Anwohner*innen wollen uns Festival-Veranstaltenden vertrauen können. Wir sind schon ein paar Chaot*innen, aber wir sind zuverlässig. Das was wir versprechen, machen wir auch. 

Eileen: In Friedland gibt es genau einen Weg, der zum Zeltplatz führt, das heißt alle Festivalbesucher*innen müssen dort langgehen, ob sie wollen oder nicht. Von diesem Weg gibt es die schönsten Geschichten, beispielsweise, dass die Omas und Opas am Zaun stehen und sich mit den Festivalbesucher*innen unterhalten. Das beschreibt die Atmosphäre dort ganz gut: 

Die Leute kennen uns seit über 14 Jahren und es zieht aus Friedland auch keiner weg oder besser gesagt keiner hin.

Es sind immer die gleichen Leute. Wir vom Verein sind wahrscheinlich über das Jahr hinweg die einzigen, die neue Gesichter mitbringen. Auch unsere Partner vor Ort sind uns wichtig – die kleinen Restaurants, die Cafés, der Bäcker. Der Kindergarten, der uns Strom spendet...Ach du Scheiße, dieses Starkstromkabel, das wir über die Mauer werfen müssen. 


Gilt also eine Art stillschweigende Abmachung, dass ihr zwar jedes Jahr aufs Neue nachfragt, ob wirklich alles so ist, wie immer, aber eigentlich geht ihr davon aus, dass die Sache geritzt ist und alles läuft?
Beide: Ja. Das ist etwas, was wir uns erarbeitet haben.

Tim: Natürlich müssen wir reagieren, wenn sich Dinge ändern. Wir wollen demgegenüber auch aufmerksam bleiben, wenn wir uns manches wieder neu aufbauen müssen. Beispielsweise, wenn es neue Gastronomen im Ort gibt, zu denen man erstmal ein neues Vertrauensverhältnis aufbauen möchte. In solchen Fällen müssen wir auch mal umplanen und neudenken, uns auch neu erfinden. Das gehört dazu und auch das ist halt Arbeit.

Wird euch dann, wenn ihr auf so eine neue Situationen reagieren müsst, erstmal Skepsis gegenübergebracht? Im Sinne von „die jungen Wilden aus Berlin“. Oder ist man euch insgesamt wohlgesonnen?
Eileen: Die Menschen aus dem Ort sehen, dass wir das Ganze ehrlich meinen und alles von klein auf aufgebaut haben. Die gesamte Festival-Organisation ist dadurch, dass wir alles selbst machen, richtige „Bauernhofarbeit” und die Leute sehen eben auch, wie schweißtreibend wir daran arbeiten.

Das ist es, was uns ausmacht. Unser Festival ist – von der ersten Sekunde bis zur Durchführung und dem, was danach kommt – ehrlich und ohne kommerziellen Gedanken.

Es ist alles eine authentische Geschichte. Wie oft ich mir schon einen Nagel in den Daumen gejagt habe! Es sind eben so Kleinigkeiten. Ich bin ganz glücklich, dass unser Festival Teil der Region geworden ist, in der ich mich auch gut auskenne. Hin und wieder mal auf neue Situationen eingehen zu müssen stellt für uns einen positiven Faktor da. Genauso wie der Fakt, dass wir bisher den ehemalige Bürgermeister immer hinter uns hatten. Der war 17 Jahre lang im Amt, hat mit uns das ganze Ding aufgebaut und damals seine Arme aufgerissen und gesagt: „Kommt zu mir!“ Er hat auf alle Fälle dazu beigetragen, dass wir so wohlgesonnen aufgenommen worden sind.

Welche Ressourcen könnt ihr neben dem Strom vom Kindergarten oder der Wiese von Pferd Petra sonst noch vor Ort nutzen?
Eileen: Das sind echt viele: Vom Blumenladen bekommen wir beispielsweise für den Zeltplatz gratis Wassercontainer befüllt und wenn wir beide gut drauf sind, dann kriegen wir auch Blumen geschenkt, die wir für das Kirchenkonzert nutzen. Dann haben wir den Bäcker, von dem bekommen wir am Wochenende das ganze Brot und die Brötchen - natürlich gegen Bezahlung. Manchmal gibt es auch Kuchen vom Vortag geschenkt.
Der Elektriker, der vorne an der Burg seinen Laden hat, ist auf alle Fälle immer da, wenn es zu Problemen kommen sollte und hat uns in einem Jahr, wo er nicht da war, auch richtig gefehlt. Als wir noch kein Vereinsmitglied hatten, das sich um ein Konzept für der Stromversorgung kümmerte, war er unser rettender Mann. Er rennt dann in diesen Blaumann-Dingern rum und grummelt vor sich hin.
In der Burg dürfen wir viele Räumlichkeiten nutzen, unser Büro einrichten und das Restaurant dort unterstützt uns ebenfalls. Die Betreibenden schenken mir jedes Jahr eine Babybell, weil das irgendwie zum „running gag“ geworden ist und zum Essen laden sie uns netterweise auch ein.



Eileen: Der Zahnarzt hat den Festivalbesuchenden eine Zeit lang auch seine Dusche angeboten, aber das ist leider nicht mehr der Fall. Ein anderer Anwohner gibt uns immer seine Tomaten und Gurken, die wir am Infostand des Zeltplatzes für 50 Cent verkaufen sollen und das Geld dürfen wir netterweise behalten. Dann gibt es die alten Herrschaften, die tatsächlich ihre Apfelbäume leer pflücken und in Körben zum Mitnehmen auf die Straße stellen. Einer hat sogar mal erzählt, dass er von einem Ehepaar zum Gulasch-Essen eingeladen wurde, mit Klößen und allem drum und dran. Da waren wir alle neidisch. 

Tim: Die Kirche mieten wir von der Gemeinde, auch für ein Appel und ein Ei. Dort finden samstags Konzerte statt.



Eileen: Einmal wurden wir von einem Bauern in eine alte Halle im Ort geführt – insgeheim dachte ich: „Ja genau, Leute, so fängt ein Gruselfilm an. Wir sind hier einfach alle gleich mal tot.”

Aber er hat uns dann ein paar ganz schwere Holzklötze geschenkt, aus denen wir dann unser „Jenseits“-Leuchtschild gemacht haben. Das war so schwer, dass wir es alle gehasst haben. Schließlich gibt es noch eine Reihe von regionalen Partnern, mit denen wir Verträge eingehen. Beispielsweise der Getränkelieferant, die Technik, Müllentsorgung...

Der Ort gibt euch in dem Sinne vieles, was würdet ihr sagen, gebt ihr den Bewohner*innen Friedlands zurück – mal von eurem Festival abgesehen?
Tim: In dem Moment, in dem wir ein diverses Programm auf die Bühne bringen und junges Leben in die Bude bringen, regen wir im Ort etwas an. Wir bieten den jungen Menschen, die dort leben, einen Anker an Perspektive und deswegen gibt es für die Leute aus dem Ort auch ein 15€-Ticket.

Eileen: In dem Sinne ist mir auch aufgefallen, dass unser Festival ein richtig guter Türöffner sein kann. 

Gibt es noch etwas, was ihr auf jeden Fall loswerden wollt?
Tim: Mich persönlich versetzt immer diejenige ins Festival-Feeling, die sich wahrscheinlich am allerwenigsten für das Festival interessiert: Die Burg-Katze - sie wird jedes Jahr schwanger.
Eileen: Und ist gefühlt 20 Jahre alt...
Tim: Überhaupt nicht schmusig, aber die heißt mich immer irgendwie emotional willkommen.
Eileen: Weil sie Hunger hat.
Tim: Das ist die alte Dame der Burg.

Ich bin ganz beseelt und hab gerade so Bock auf Festival bekommen.
Vielen Dank! 

Zugabe

*Das Interview führten wir vergangenes Jahr via Zoom zu einem Zeitpunkt, an dem die Coronapandemie unseren Alltag noch stärker mitgeprägt hat als jetzt. Seit ein paar Monaten erleben wir weitreichende Lockerungen, vieles ist nach zwei Jahren Pandemie wieder möglich und es steht ein voller Festivalsommer vor der Tür.
Auch das Jenseits von Millionen findet dieses Jahr wieder statt. Wir haben nachgefragt, wie sich das für das Jenseits-Team und auch für die Bewohner*innen Friedlands anfühlt. Auf unsere Anfrage antwortet uns Eileen, dass die letzten Jahre auch den Verein geprägt haben:

Eileen: Wir knüpfen zwar an 2019 an, sind aber was die Themen Hygiene, Awareness und faires Miteinander angehen, noch aufmerksamer geworden und bemühen uns aktuelle Geschehnisse mit aufzunehmen. Als ehrenamtlicher Verein sind wir mehr denn je auf Fördergelder angewiesen. Alles ist teurer geworden: Dienstleister, Gastro, Gagen. Stetig jonglieren wir mit neuen Kosten und denken über Selfmade-Alternativen nach. Nach wie vor ist es nämlich unser Wunsch ein Festival für alle, für jede Gehaltsstufe zu kreieren. Nichtsdestotrotz sind wir gut vorbereitet, freuen uns ein buntes musikalisches Festival auf die Beine zu stellen, alte Freunde wiederzusehen und wieder eine Wochenend-Festival-Familie zu werden.

Wer Lust hat, einer der „Millionen” zu werden und sich beim Festival engagieren möchte, darf gerne eine Mail an freunde@jenseitsvonmillionen.de senden.

Festivalfinder

Jenseits von Millionen 2022

05. + 06. August – Friedland


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