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Ein Deutsch-Rap-Abend am PKW

“Dis Konzert war unnormal.”


Dass Konzerte in Autokinos die Zukunft sind, wäre zu viel gesagt. Aber sie sind eine der wenigen Möglichkeiten, dieser Tage live Musik zu erleben. Wir haben uns Mamas Kombi geliehen, um uns dieser Erfahrung in der ländlichen Idylle des Südharz zu stellen. Am Ende waren die coolsten die, die auf ihrem Autodach herumgesprungen sind, und nicht die mit dem größten Subwoofer im Kofferraum. Es war alles anders und alles ein bisschen wie immer.

text Jonas Rogge 
redaktion Sonni Winkler 
fotos Dominik Wagner 

Kurzer Prolog:
Vom Landwehrkanal schallt Techno ans Ufer – es kribbelt ein bisschen in der Brust, dieser Bass. Der laute Sound lässt bei mir Gefühle anfluten, die der Druck meines Ghettoblasters zuhause (immerhin 6 Bassstufen) nicht auslösen kann. Begleitet von einigen Schlauchbooten und Wasserschutzpolizei schleicht er langsam vorbei: ein Partykutter, dekoriert mit Tüchern, auf denen die Rettung der Berliner Clubs gefordert wird. Auf Deck tanzen ein paar Menschen mit gebührendem Abstand. Ich gebe der Verlockung, mich von den geilen Beats noch etwas mitziehen zu lassen, nicht nach – Corona hin oder her. Später werde ich froh darüber sein. Abfahrt.

Weit weg von Berlin versucht ein Veranstaltungskollektiv aus dem Raum Leipzig die Kulturlandschaft in der Provinz vorsichtig wiederzubeleben: Finch Asozial spielt heute live im Autokino Kelbra. Es ist der Albtraum aufgeklärter Hauptstadt-Twens: ein chauvinistischer Proll-Rapper geht auf Tour und animiert seine Gefolgschaft, sich mit ihren Dreckschleudern in Bewegung zu setzen und auf großen Parkplätzen zu versammeln. Ich bin trotzdem gespannt, wie sich Live-Musik unter solchen Bedingungen anfühlt.
Ich habe eine hohe Toleranz für sexistische Rap-Musik, und ich glaube, dass man hier die letzte Blüte einer Kulturerscheinung erleben kann – das Autokino, ein Relikt aus der Hoch-Zeit des Automobils und USA-Klischeewelten, erlebt sein letztes Aufleuchten, bevor es womöglich für immer aus der Kulturlandschaft verschwindet.

Die Szenerie in Kelbra steht der erwarteten Parkplatz-Tristesse krass entgegen. An den weiten Ufern eines Stausees ist eine festival-typisch kuppelförmig überdachte Bühne auf einen Hügel gebaut. Am Fuße der Böschung beginnen die rot-weißen Flatterbänder auf dem Boden, die die für die Autos vorgesehenen Positionen auf dem makellosen Grün markieren. Dahinter mehr Wiese, die direkt an den See führt, am Horizont zeichnen sich erste Höhenzüge des Südharz ab. Hinter der Bühne lümmelt das Produktionsteam noch auf Plastikmöbeln neben ihrem kleinen Container herum.

Währenddessen stehen die Autos schon über die Zufahrtschleife hinaus auf der Landstraße Schlange. Ein bisschen Festival-Stimmung, diese Ankunftsaufgekratztheit kommt auf, als wir an den wartenden Fahrzeugen vorbeilaufen, in denen sich Beifahrer*innen zu Bumsmusik mit Dosenbier in Fahrt bringen. Unter gelockerten Auflagen sind mittlerweile fünf Menschen in jedem Auto erlaubt. Wir blicken in heitere Gesichter. 

Die Ersten in der Reihe stehen noch vor verschlossenen Toren. Die Pole-Position hat sich Annika* [*Name auf Wunsch der Redaktion geändert, d.h. erfunden] ergattert. Sie trägt ihr Finch-Shirt bauchfrei verknotet und eine pinke Blumenkette im Haar – im Kofferraum ein gut geleerter Kasten Bier und ein E-Scooter. Den hat sie extra mitgebracht, weil „der Finchi“ ja jetzt ein Feature mit Scooter rausbringen wird, erklärt Annika begeistert. Zur Feier dieses Anlasses plant sie, heute mit dem Scooter eine Runde über den Platz zu drehen.


Eine Stunde später ist die Wiese gut gefüllt, mit Autos. Vereinzelt kommen noch weitere dazu und wirbeln etwas Staub in das romantische Abendlicht auf. Das klassische Autokino-Setting, so wie ich es mir vorgestellt habe, kommt aber nie zustande. Lange bevor Finch Asozial mit seinem silbernen Kleinwagen vor der Bühne vorfährt, haben viele Besucher*innen ihren PKW schon verlassen, stehen hinter geöffneten Türen lässig daneben, sitzen auf der Motorhaube oder auf dem Dach. Die eigentümlichen Bilder, die ich mir ausgemalt hatte, von einem Künstler, der vor einem scheinbar menschenleeren Platz voller Autos performt, werden nie Realität.

Die Bilder, die stattdessen entstehen, sind aber nicht weniger besonders. Es ist ein interessantes Dazwischen: Zwischen der Nähe, die Live-Musik schafft, dem Sog zur Bühne und der räumlichen Abgrenzung, die durch hunderte Blechkisten und der Gebundenheit der Besucher*innen an ihre eigene entsteht. Zwischen denen, die hemmungslos Sextanz auf ihrem Autodach tanzen und denen, die schüchtern bzw. verantwortungsbewusst in ihrem Auto sitzen bleiben. So dazwischen wie der junge Mann, der erst oberkörperfrei auf dem Heck seines Cabrios tanzt, dann absteigt und die Fläche, auf der gerade seine strahlend weißen Sneaker standen, genau auf Kratzer oder Abdrücke untersucht – er pustet einmal über eine kleine Stelle und nimmt dann Haltung neben seinem Wagen ein.



In den vorderen Reihen bricht der jugendliche Wunsch durch, richtig frei zu drehen – was im Normalfall physischen Vollkontakt bedeutet, äußert sich hier durch kleine Grüppchen, die auch zwischen den ersten beiden Autoreihen feiern -, Desorientierung und Freunde verlieren inbegriffen. Nachdem ein Typ Dominik, dem Fotografen, eine Bierdusche verpasst hat, kommt der Übermütige 20 Minuten später verzweifelt zu uns zurück. Er gibt an, nicht mehr zu wissen wo sein Auto steht. In den hinteren Reihen herrscht dagegen deutlich mehr Zurückhaltung. Die sozialen Muster im Konzertkosmos sind also fast so wie immer: Der Künstler heizt das Publikum nach zwei Dritteln der Show an, mit Hupe und Blinkern richtig Stimmung zu machen, und gegen Ende zücken alle nochmal ihre Smartphones und schaffen ein Lichtermeer vor der idyllischen Kulisse des Stausees. Nur die Musik, die etwas müde aus den Monitorboxen über den Platz schallt, bringt nicht den Druck mit, den ich auf einem Rap-Konzert erwarte. Eigentlich war es ja so gedacht, dass das Publikum den Sound im Inneren des eigenen Wagens erlebt. Außerhalb kommt von den Kofferraum-Subwoofern wenig an.

Am Ende, nachdem die letzte Starthilfe gegeben wurde, und fast alle Autos von fünf euphorischen Teenagern mit Laola-Schwung vom Gelände verabschiedet wurden, treffen wir einen zwiegespaltenen Veranstalter. Der sportliche Mann, der hier nur Gassi genannt wird, ist Teil der Crew, die in einem normalen Sommer mehrere Festivals in der Region veranstaltet, u. a. das Love Sea, das seinen Platz hier an der idyllischen Autokino-Location hat. „Es war schon ’ne gute Show, aber ich hätte mir von dem Künstler ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein gewünscht.“ Er spricht davon, dass sich Finch Asozial wenig Mühe gegeben hat, das leichte Gedränge in den ersten Reihen aufzulösen und die Leute eher noch dazu ermutigt hat, aus ihren Autos und auf ihre Dächer zu steigen. „Es ist immer noch Corona und wenn die Ämter unsere Veranstaltungen einstampfen, weil sie meinen, dass es nicht funktioniert mit den Abstandsregelungen…“ Dann sehe es finster aus, meint Gassi nachdenklich, „für die Stagehands, Techniker*innen und DJs, für die diese Shows hier der letzte Halm sind, an den wir uns klammern.“


Rückblickend erscheint mir das Maß an Eskalation im Autokino Kelbra eher harmlos, im Vergleich mit den Szenen, die sich unter politisch bewussten Kosmopolit*innen am Landwehrkanal abgespielt haben.

Das Konzert in Kelbra stellt bestimmt nicht den Idealfall dar, weder für eine Veranstaltung unter maximalem Infektionsschutz noch für ein Konzert im Allgemeinen, das in Zukunft bitte wieder ohne Autos stattfindet. Es zeigt, wie schwierig es ist, Live-Shows zu machen und dabei auf eine Erfahrung räumlicher Nähe zu verzichten. Es zeigt aber auch, dass es möglich ist, etwas zu tun: Gelegenheiten dafür zu schaffen, Künstler*innen eine analoge Bühne zu bieten, Bierduschen zu verteilen, außerdem den Menschen hinter den Kulissen der Kulturszene ein paar kleine finanzielle Anstöße zu geben – ohne den ernsten Hintergrund einer weltweiten Pandemie aus dem Auge zu verlieren. Ein Drahtseilakt, bei dem für die Veranstaltenden so oder so ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht. 

Für uns, die wir schon lange nicht mehr so unter Leuten waren, hat sich der Abend mit “Finchi” ganz schön crazy angefühlt. Rückblickend erscheint mir das Maß an Eskalation im Autokino Kelbra eher harmlos, im Vergleich mit den Szenen, die sich unter politisch bewussten Kosmopolit*innen am Landwehrkanal abgespielt haben.

Anmerkung der Autoren: Als Presse-Vertreter war es uns für den Zweck der Reportage vom Veranstalter gestattet worden, uns frei auf dem Gelände des Autokinos zu bewegen, unter Einhaltung eines sensiblen Abstands zu den Besucher*innen.

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Jonas Rogge 

Ich bin Jonas und setze mich intern gegen Festival-Klischees ein. Ich hasse leuchtende Regenschirme, trinke morgens kein Bier und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Dosenravioli gegessen habe. Ich erkunde ebenso gerne große Zeltplätze wie kleine Nischen der Festivalkultur, von Grindcore bis Doom Jazz. Bei Höme kann ich mich darauf verlassen, dass ich am Ende der Erkundung wieder von der Gemeinschaft unterm Pavillon aufgefangen werde – und darauf, dass ich doch mal zu einem Tanz unterm leuchtenden Regenschirm mitgerissen werde.

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