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Die Geschichte vom Pferd

Erinnerungen vom Pferdefest 2018


Idyllisches Gelände, eigens erfundener Schlagerstar und eine gemeinsame Schiffsfahrt am Samstag Nachmittag: Das Pferdefest ist schon eine Besonderheit in der deutschen Festival Landschaft. Wer sich gern verkleidet, auf Abwechslung im Line-Up steht und sich ein Wochenende ohne jegliche Sorgen und schlechte Laune wünscht, der ist hier genau richtig.

text & fotos Jonas Rogge
redaktion Tina Huynh-Le

Samstag 14 Uhr – der Bernkasteler Marktplatz ist voll mit Leuten. TouristInnen begucken Hunderte bunt Verkleidete, die darauf warten, dass die Fete endlich losgeht. Unter lautem Gejubel fährt ein Lautsprecherwagen in die Menge. Zu Africas ‚Toto‘ zieht die Feiergesellschaft zum nahegelegenen Schiffsanleger. Dort stehen die Ausflugsboote bereit. Auf einer einstündigen Moselfahrt gibt es echten Mosel-Riesling und eine Performance vom lokalen Schlagerstar Roy Silberschweif – der mit dem sympathischen Lachen. Menschen tanzen auf den Tischen und winken frenetisch den Beobachtenden auf Ufern und Brücken zu.


Was nach der Eskalation einer Kaffeefahrt klingt, ist nur eine kleine Episode eines sehr abwechslungsreichen Wochenendes auf einer Halbinsel in der Mosel. Abwechslung war das Schlagwort beim ersten Pferdefest(ival), das zuvor nur als eintägige Veranstaltung existierte. Nicht nur bedeutet es Abwechslung für die Region, von den Weinfesten, die den Sommer in den Moseldörfern prägen. Es bietet auch selbst zwei Tage voller Tempowechsel und Überraschungen.

Der erste Höhepunkt ist der erste Eindruck. Das Gelände liegt auf einer kleinen Halbinsel auf der Mosel, umgeben von Weinbergen und mit dichtem Wald überzogenen Hügeln. Ich bin überwältigt von der Schönheit der Provinz.

Freitagnachmittag – eine kleine Kapelle zieht über Fest- und Zeltplatz. Angeführt vom Zeremonienmeister, in roter Weste und Reitermontur, kündigen sie den Startschuss zum Festival an. Dieser wird traditionell aus einer echten Kanone getätigt, peng! Nach dem Knall startet das Programm in ruhigen Tönen. Die schwedische Band ‚Villa Rivercat‘ führt mit ihrem warmen Folk-Sound eine Entkopplung vom Alltag durch. Noch ist genug Platz, sich auf die Wiese vor die Bühne zu legen. Die Idylle der Umgebung findet in der Musik ihre Verstärkung.



Mache ich eine kleine Trinkpause oder schenkt mir das Glück eine Flasche Wein?

Die größte Euphorie kommt am Freitag bei der Artistikshow auf, die nach Einbruch der Dunkelheit im Zirkuszelt stattfindet. Beim Pferdefest werden die Bühnen nicht parallel bespielt. Ist das Konzert auf der Hauptbühne vorbei, werden die BesucherInnen (wenn möglich, namentlich) ins Zelt gebeten und umgekehrt. Den KünstlerInnen wird die uneingeschränkte Aufmerksamkeit geschenkt. Wer mit seiner Aufnahmefähigkeit an seine Grenzen kommt, kann sich auf dem Nebenplatz den Kopf freimachen, entweder bei einer überdimensionierten Runde Looping-Louie oder, ein Highlight des Festivals, an der ‚Schere-Stein-Paarbier‘-Bude. Dort kann man im direkten Duell mit 5 hochmotivierten GegnerInnen Getränkemarken erobern, vorausgesetzt man gewinnt und hört auf zu spielen, bevor man anfängt zu verlieren. Das funktioniert super, um ein bisschen Verantwortung ans Schicksal abzugeben: Mache ich eine kleine Trinkpause oder schenkt mir das Glück eine Flasche Wein? Außerdem kann man hier an dem Rausch der Gefühle teilhaben, der zustande kommt, wenn beide Seiten davon überzeugt sind, dass sie das Spiel beherrschen.



… als hätte Helge Schneider eine Sekte gegründet, in deren Kommune ich mich jetzt befinde.

Samstagmorgen – das Pferdefest lässt dir keine Chance, schlecht gelaunt zu sein. Der Kater oder Morgenmuffel kann sich vielleicht noch gegen die Idylle des schattigen Campingplatzes am Fluss durchsetzen. Doch dann scheppert ein Trommeln aus der Ferne heran. Ein Xylophon spielt ‚Freude schöner Götterfunken‘ und zwischen den beiden MusikantInnen trottet eine 9-köpfige Gruppe grauer Gänse über den Zeltplatz. Dieser komische, unschuldig unterhaltsame Anblick vertreibt alle schlechten Gedanken. Nach dem Gänsemarsch geht einer der Zeremonienmeister mit Megafon über den Zeltplatz und kündigt das Tagesprogamm an: Nach einem Treffen auf dem Bernkasteler Marktplatz wird es zusammen zum Hafen gehen, wo eine einstündige, musikalisch begleitete Fahrt über die Mosel angeboten wird. Diese führt zurück zum Festival, das ja auf einer Halbinsel liegt und ist im Ticket natürlich inbegriffen. Die Informationen sind dabei sehr präzise: „Ausnahmsweise werden die Weinlagen auf dieser Fahrt nicht angesagt“. In locker demagogischem Stil ruft er die BesucherInnen dazu auf, das Bier frisch gezapft auf dem Festivalgelände zu kaufen. „Damit unterstützt ihr das Pferdefestival und es ist ja sehr schön hier.“ Ich fühle mich ein bisschen so, als hätte Helge Schneider eine Sekte gegründet, in deren Kommune ich mich jetzt befinde.

Gegen Mittag ziehen einige BesucherInnen los Richtung Ortsmitte. Wer sich noch nicht aufraffen kann, flackt sich auf dem Festplatz in die Sonne. Dort spielen Hush Moss eine Jam-Session, die mit ihrem groovigen Funk-Sound schon am Vorabend die Hauptbühne bespielt haben. Die Jam Session findet auf der Wiese statt und ist offen für alle. Überhaupt sind die Grenzen zwischen Bands und Gästen, zwischen Bühne und Nicht-Bühne beim Pferdefest fließend. Securities gibt es nur am Eingang. Der Loopstation-Posaunen-Dance-Musiker César Trombone lädt dazu ein, Teil seines Sets zu werden und der Gitarrist der Stoner Rock-Band Mireille Dark, die später im gleichen Zelt spielen wird, bereichert das trance-induzierende Posaunenspiel um ein paar psychedelische Gitarrenklänge. Die Gruppe Les Trucs, die an der Grenze zur Performance-Kunst agiert, baut ihr Equipment gleich in der Mitte vom Zelt auf. Die erwähnte schwedische Folkband bleibt das ganze Wochenende, viele MusikerInnen sind auch auf den Partybooten anzutreffen und Infidelix sucht nach freiwilligen RapperInnen im Publikum. Ein junger Typ kommt auf die Bühne und spittet überraschend eine flüssige Strophe auf Englisch, mit bezaubernd breitem deutschen Akzent. 


… auf der „Moselperle“ gibt Roy Silberschweif seine Mosel-Hymne zum Besten

Samstag 14 Uhr – der Bernkasteler Marktplatz ist voll mit Leuten. Die PferdefreundInnen sind ein sehr engagiertes Publikum, fast alle sind verkleidet und alle motiviert. Im touristischen Bernkastel, das von SeniorInnen auf Fahrradtour dominiert wird, erzeugt die Versammlung noch richtig Aufmerksamkeit. Ohne, dass man sich als störend wahrnimmt, hat man das Gefühl, dass das Pferdefest die folkloristisch, dörfliche Routine aufbricht. Und das fühlt sich gut an. Am Rande fragt sich ein älterer Mann, ob das hier „irgendein Schwulentreffen“ sei.

Die Schiffsfahrt ist ein großes Fest. Die Weindörfer am Ufer werden tatsächlich nicht angesagt, dafür hat jedes der vier Boote einen eigenen DJ, eine Bar und auf der ‚Moselperle‘ gibt Roy Silberschweif seine Mosel-Hymne zum Besten. (Roy Silberschweif ist übrigens eine Erfindung der Pferdepunks). An die Stelle von Trinkspielen und Herumlungern auf dem Zeltplatz ist ein gemeinsamer Ausflug getreten und bei der euphorischen Einfahrt in den Heimathafen frage ich mich, wie das Stimmungshoch bis in die Nacht gehalten werden kann. 



Auf den Bühnen geht es nahtlos weiter. Während das Musikprogramm am Freitag noch betont harmonisch war, folgt am Samstagabend ein energisches Line-Up voller Ecken und Kanten. Infidelix rappt mit einer Inbrunst von der Schwere seines Aufstiegs, die nur US-Musiker ernst gemeint auf die Bühne bringen können. Auf dem Höhepunkt folgt auf  Cymba, die Acid-Sounds aus Gameboys über kraftvolle Techno-Baselines spielen, die satirische Punk-Band Die Bullen. Die erklären dem Publikum, dass es in Hamburg natürlich Polizeigewalt gegeben habe, Gewalt auszuüben sei doch Aufgabe der Polizei. „Der nächste Song heißt ‚Wir sind die Gewalt‘.“ Das Publikum schenkt dem vorletzten Konzert einen einstündigen Dauer-Moshpit, den sich wohl auch das exzentrische Hardcore-Punk-Duo The Invasion 2 Slots vor ihnen gewünscht hätte. Die bekamen vom Großteil aber eher Verwunderung entgegengebracht. Manchmal bedeutet Abwechslung eben auch Herausforderung.

Das Pferdefest verweigert sich dem Gleichklang. Es finden sich kaum zwei vergleichbare Acts im Line-Up, dafür liefert es eine Mischung voller interessanter KünstlerInnen und Humor. Fürs nächste Jahr wünsche ich dem Pferdefest viele neue FreundInnen, die Bock haben, sich auf diesen Ritt mitnehmen zu lassen. Wieehaa!


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