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Höme erzählt

Die Fähigkeiten der eigenen Blase, oder: Als ich einmal fast im Toilettenwagen übernachtete


Hier bei Höme gibt es mindestens eine Sache, die uns alle vereint: Die Liebe zu Festivals. Aber während die eine am liebsten die ganze Nacht zu Techno-Beats stampft, der andere gerne über das Gelände schlendert und Kunstwerke und Bauten bestaunt, verbringt eine Dritte den Tag damit, sich durch das gesamte kulinarische Angebot der Veranstaltung zu probieren. Genauso unterschiedlich wie wir, sind eben auch unsere Festival-Erlebnisse.

text & fotos Till Petersen
redaktion Isabel Roudsarabi

Genau deswegen wollen wir ab jetzt alle zu Wort kommen lassen – vom Fotografen, über die Projektmanagerin, bis zum Programmierer. Höme erzählt… von den wunderbarsten Momenten, den witzigsten Geschichten und traurigsten Abschieden, davon, was für uns alle Festivals bedeuten.

Im ersten Teil dieser Reihe berichtet unser langjähriger Fotograf, 9-Uhr-Morgens-Biertrinker und gute Seele Till Petersen von einer Nacht auf dem Immergut Festival 2019.

Ende Mai war das Immergut mein Saisonauftakt in den Festivalsommer. In gewohnt unorganisierter Manier – meine Sachen packe ich stets erst 20 Minuten vor Abfahrt und komme dadurch auch generell IMMER zu spät los – machte ich mich in der recht stark brennenden Nachmittags-Sonne auf den Weg Richtung Neustrelitz. Die Vorfreude sank allerdings, als mir auffiel dass ich keine Mütze eingepackt hatte. So richtig ärgerte ich mich aber erst, als mir einfiel was das bedeuten würde: Drei Tage ohne Hut heißt zwangsläufig auch drei Tage mit dem Kopf in der prallen Sonne herumlaufen (und sich dabei gehörig den Pelz verbrennen) und sich drei Tage die Haare waschen und zurecht machen müssen (damit die Matte nicht im Gesicht rumschwirrt). 

Bei der Ankunft relativierte sich aber alles und die Freude war viel größer. Im Gegensatz zur Hinfahrt im Vorjahr war ich ohne Beifahrerin unterwegs, weshalb ich während der Fahrt nicht abgelenkt und in Folge dessen geblitzt wurde. Und, viel wichtiger:

Es war endlich wieder Festivalzeit!

Ein Festivalbesuch im Mai bedeutet oft schon sommerliche Temperaturen, die mich auf der Hinfahrt schon hatten schwitzen lassen. Bier schmeckt bei warmen Temperaturen sowieso noch viel besser und aus 2-3 entspannten Dosen am ersten Abend wurden dann doch schnell unzählige mehr. Ein Festivalbesuch im Mai bedeutet aber auch gerne mal, dass die Temperaturen, genauso schnell wie sie nach oben klettern, auch nach unten fallen können und so wachte ich in der ersten Nacht komplett durchgefroren in meinem Zelt auf. Nach den Mengen von Kaltgetränken brauchte ich dann doch einige Sekunden, bis ich die Signale meines Körpers richtig deuten konnte: ES WAR VERDAMMT NOCHMAL ARSCHKALT. Dazu gesellte sich nach ein paar Sekunden ein weiterer Reiz: Das Bier wollte wieder raus – und zwar sehr bald, eigentlich sogar jetzt sofort: Aufgerafft, in die nächstbesten Schuhe geschlüpft und in T-Shirt und Unterhose über den Zeltplatz zum Toilettenwagen gestolpert. Als die Augen irgendwann endlich ein scharfes Bild zeigten, wurde mir erst bewusst wie kalt es wirklich war: Das Gras glitzerte wie ein Sternenhimmel und an den Dosen auf dem Boden und meinen Zeltwänden hatte sich Frost angesetzt.


Im Toilettenwagen war es deutlich wärmer als draußen oder im Zelt. So musste ich nach dem Ausbringen der Notdurft wirklich mit mir kämpfen, um den Rückweg zum Zelt anzutreten und die letzten Stunden der Nacht nicht vor Ort zu verbringen. Die Vernunft siegte zum Glück. Wieder angekommen im Zelt zog ich zitternd jegliche Klamotten und ein paar Strümpfe an um unter meinem dünnen super-extra-light Schlafsack bis zum nächsten Tag aushalten zu können – bis mich die Morgensonne durch das offen gelassene Zelt weckte und mir der große Profit dieser Nacht bewusst wurde: 

Das Frühstücks-Bier war fein gekühlt.

Ein Festival besucht man weder primär, um die Fähigkeiten der eigenen Blase unter extremen Temperaturen zu testen, noch für einen Wellness-Urlaub. Und alleine wäre diese Geschichte auch total langweilig. Aber schließlich ist man auf einem Festival nie alleine, sondern mit unzähligen weiteren Menschen an diesem Ort. Vielleicht jetzt nicht unbedingt gerade im Toilettenwagen. Aber spätestens wenn das eigene Camp wieder erwacht, tragen die Ereignisse der vergangen Nacht beim gemeinschaftlichen Frühstücksbier oder Guten-Morgen-Trichtern zur allgemeinen Erheiterung bei.

Image

Till Petersen

Da wo Till wohnt gibt es zwar keinen Handyempfang, unser Höme Norddeutschland-Botschafter ist Till aber trotzdem. Sein Mix aus Reportage und Konzertfotografie ergänzt die Höme-Stilansammlung perfektens. Leute interviewt hat er auch schon mal und wenn er nicht für Höme unterwegs ist, dann eben für diverse Festivals in eigener Sache. Für gewöhnlich ist er der letzte im Zelt und der erste, der wieder herauskriecht und sich die Zähne mit Bier putzt. Wer einmal mit Till unterwegs war, der hat neben ein paar sehr unterhaltsamen Stunden sicherlich auch das ein oder andere Mal erlebt, dass er auf einmal verschwindet und in der Mitte eines Mosh-Pits auftaucht – mit Kamera. Nicht zu Letzt ist er mit hundert prozentiger Sicherheit einer der liebsten Menschen der Welt und hat immer ein offenes Ohr und eine Umarmung parat, wenn man sie gerade braucht.

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