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Der „Southsider“ und die „Fusionista“

Entsprechen Festival-Stereotype der Realität?


Bier und Gras vs. Sekt und Ketamin, Lammkeule vs. Bulgursalat, Moshpit vs. Totem, Dreck im Gesicht vs. biologisch abbaubares Glitzer? Vorurteile sind manchmal auch dazu da, um widerlegt zu werden, denke ich mir und stürze mich mit idealistischem Eifer in eine Festival-Stereotypen-Feldstudie. Dabei feiere ich auf zwei hintereinander stattfindenden Festivals, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Dem Southside-Festival in Neuhausen ob Eck und der Fusion in Lärz. Im direkten Vergleich stellt sich dann allerdings vor allem eins heraus: gewisse Klischees kommen nicht von irgendwoher.

text & fotos Ann-Sophie Henne
redaktion Tina Huynh-Le

Southside Festival

Es ist der penetrante Klang eines Megaphons, der sich um 10 Uhr morgens rücksichtslos seinen Weg in meine Gehörgänge bahnt und mich die letzten drei Bier der Nacht bitter bereuen lässt. Erst ist es nur ein schrilles „Tatütata“ und ich habe die kleinste Hoffnung, dass die Herren von nebenan es vielleicht dabei belassen werden. Doch der Besitzer lässt es sich nicht nehmen, mit seiner authentischsten Jahrmarkt-Stimme selbst noch ein paar Worte in das Megaphon hineinzubrüllen: „Patrööööck! Bitte aufstehen und die Musik anmachööön!“ 
„Ich bin ’ne Legende, Ibrahimovic“.

Ich weiß, was das bedeutet. Mit letzter Kraft setze ich mich auf, krieche aus dem Kombi, in dem ich schlafe, lasse mich in den Campingstuhl fallen und greife zu Bier und Zigarette. Zwei Minuten später dröhnt wabernde Musik über den Campingplatz. Oh großartig, es ist die zehntausendste Wiederholung von „FELLY – Ibrahimovic“. Schon wird der Grill angeschmissen, denn zum Frühstück essen sie da drüben auch gerne mal einen „Lappen Fleisch“. 

Ich proste schicksalsergeben herüber und werde zum Dank dafür von der gesammelten Mannschaft überredet, beim „Frühsport“ mitzumachen. Da ich gestern nicht sehr erfolgreich genagelt habe (ihr wisst schon, dieses Spiel, bei dem man die Nägel mit der falschen Seite des Hammers in einen Baumstamm schlägt), entscheide ich mich heute für Flunkyball. Das ist wenigstens ein Volkssport, den ich aus meinem eigenen Dorf gut kenne. Bevor es losgeht, trichtert jeder der Jungs ein 5.0 zum Warmwerden, ein Spielzug, dem ich mich bei aller Liebe dann doch vehement verweigere. Doch als mein Wurf zum ersten Mal mit voller Wucht die Flasche trifft, ertappe ich mich dabei, dass ich das nervtötende Lied ganz leise mitsumme. 

Fusion Festival

Ich werde davon wach, dass sich irgendetwas Spitzes in meinen Rücken bohrt. Verschlafen versuche ich, die Quelle zu ertasten und bemerke, dass es sich um meinen Hut handelt. Oder besser gesagt um die spitzen, ineinandergreifenden Zahnrädchen à la Zeitreisende*r, die meine Freundin kunstvoll daraufgeklebt hat. Ein kurzer Blick auf mein Handy verrät mir die Uhrzeit: 14:30 Uhr. Wir sind vor circa fünf Stunden ins Zelt gekrabbelt. Ich könnte noch eine ganze Weile länger liegenbleiben, doch im Zelt wird es warm und ich muss auf die Toilette. Also Hut auf, zwei Menschen und ein Einrad zur Seite geschoben und raus aus dem Zelt. Die restliche Gruppe, mit der ich unterwegs bin, scheint noch zu schlafen, in ihren Zelten regt sich nichts. Gut möglich, dass sie noch gar nicht darin liegen. Unsere Zeltnachbar*innen habe ich auch nach dem dritten Tag noch nie gesehen. 

Eine höfliche Zombie-Invasion?

Auf dem gesamten Campingplatz herrscht Totenstille, auch wenn vereinzelt Menschen mit Handtuch und Hygiene-Beutel unterwegs sind. An den Dixi-Klos angekommen, reihe ich mich ein in eine lange Schlange von Menschen, die allesamt sehr gedankenverloren scheinen. Keiner redet. Leise frage ich den Typen vor mir, ob er mir ein kleines Stück von seiner Klopapierrolle abgibt. Erst blickt er mich nur mit leeren Augen an, doch dann verzieht er mechanisch die Mundwinkel nach oben und reißt mir etwas davon ab. Als ich an der Reihe bin, hält mir das Mädchen, das herauskommt, die Tür auf. Das Dixie ist so sauber, dass man sich daraufsetzen könnte. 

13:00 Uhr – Southside

Mittlerweile sind wir doch wieder am Nageln und ich erfahre nebenbei, dass es sich bei unseren Zeltnachbarn um ein alteingespieltes Handball-Herrenteam von der Schwäbischen Alb handelt (was denn auch sonst). Während ein Teil meiner Festival-Crew gerade dabei ist, uns zum Mittagessen ein paar Dosenravioli warmzumachen, beschließe ich mit ein paar anderen, vor dem Essen noch eine Runde über den Zeltplatz zu drehen. 

Was mir neben der beachtlichen Ansammlung an Trinkgadgets (mein Liebling ist ein bemalter Bierpongtisch, aus dem die Löcher für die Becher in Eigenarbeit herausgefräst wurden), den Deutschlandflaggen (morgen ist WM Spiel) und dem überall herumliegenden Müll am meisten auffällt, ist der konstante Lärmpegel auf dem Platz. Etwa alle 10 Meter setzt sich eine andere Musikbox durch, ein nicht enden wollender Kreislauf von KIZ über Avicii bis hin zu Andreas Gabalier. Dazu wird gegrölt, getanzt, geraucht und getrichtert, als gäbe es kein Festivalgelände und schon gar kein Morgen. Was auffälligerweise fehlt, ist nur die bei den Konzerten vorherrschende Rock- und Punkmusik. 

16:30 Uhr – Fusion

Wir sitzen mittlerweile auf ein paar kühlen Steinen an der Dubstation, lauschen den sanften Klängen der Musik und schlürfen den ersten Weißwein des Tages. Nach ein paar Drinks vertreiben wir uns den „Morgen“ mit einem Spiel, das wir „Gaukeln“ nennen: Mit unserem Einrad und geballter Artistik Kunst (die eigentlich nur aus Rädern, Purzelbäumen und amateurhaften Handständen besteht) schwärmen wir aus und sammeln milde Gaben von der entspannten Menge ein. Für unsere Mühen belohnen sie uns mit Nüsschen, Getränken und Zigaretten. 

Grafische und philosophische Saltosprünge 

Bei diesem Spiel lernen wir auch Niklas kennen: Dreadlocks, Philosophiestudent, kurze Hose kombiniert mit einem weiten, rot-blau karierten Schal aus einem afrikanischen Land, das ich vergessen habe. Er trägt drei Grafiknovellen unter dem Arm, in welchen seine eigenen Zeichnungen und Geschichten abgedruckt sind. Sein Künstlername: Zarathroxa. Er setzt sich zu uns und liest uns aus einem seiner Bücher vor, es handelt sich um eine satirische Gesellschaftskritik, die den Namen „Anarchrist – von der Erlösung“ trägt. Jesus verliert darin seinen Glauben, kehrt auf die Erde zurück und steigt unfreiwillig zur Ikone der Linken auf. 

Die Zeichnungen sind abstrakt, doch zwischen all den wunderschönen Formen und Farben taucht immer wieder Nietzsches Zarathustra auf. Niklas erzählt weiter und weiter, das Motiv des Schattens hat in seinem Leben eine bestimmte Bedeutung; manchmal performt er seine Bücher auch live mit Musik; er kann Klänge sehen und will später auch ein paar malen; sein anderes Buch ist eine rein visuelle Schöpfungsgeschichte auf 290 Seiten, die nebeneinandergelegt ein 60 Meter langes Riesenbild ergeben… Ich finde wirklich alles großartig, was er sagt. Und nicke trotzdem nochmal weg. 

20:00 Uhr – Southside


Die Meute setzt sich langsam, aber sicher in Bewegung, um aufs Festival-Gelände zu gehen. Ein langer und kräftezehrender Tag auf dem Zeltplatz liegt hinter uns, eine Freundin hat sich bereits komplett aus dem Game verabschiedet und schlafen gelegt. Der Rest von uns möchte Kraftklub sehen, Arctic Monkeys und später vielleicht Moonbotica. Schon auf dem Weg verlieren wir die Hälfte der Truppe, weil ich die Sanitäter*innen für einen Kerl rufen muss, der es geschafft hat, beim Kotzen rückwärts umzufallen und seinen Kopf dabei auf die Kante des Bordsteins zu schlagen. Seine Freunde, die alle Mankinis tragen und nicht gerade minder besoffen sind als ihr Freund, tätscheln ihm zwar sehr zuverlässig den Kopf, sind allerdings nicht mehr in der Lage, die 110 zu wählen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als der Typ nach einigen Minuten wieder das Bewusstsein erlangt. Sein Kumpel ist so erleichtert, dass er laut rülpst. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Sanis kommen und ihn einladen, wirken sie so, als hätte sich ihnen dieses Bild heute bereits ein paar Mal geboten. 

„Ich will nicht nach Berlin!“ 

Wie dem auch sei, als wir schließlich im hinteren Bereich der Greenstage bei Kraftklub stehen, sind wir nur noch zu dritt. Wir lassen uns treiben von Moshpit zu Moshpit und arbeiten uns so immer weiter vor, bis die Jungs von Kraftklub fast zum Greifen nah sind. Einmal falle ich kurz und werde direkt von mehreren Leuten wieder hochgezogen. Das Highlight des Konzertes ist der letzte Moshpit ganz vorne: Wir setzen uns mit circa 40 Leuten auf den Boden, wiegen uns nach vorn und zurück, um dann bei den Worten „Ich will nicht nach Berlin!“ wieder aufzuspringen und auszurasten. Oh, dieses Adrenalin, das ausgestoßen wird, wenn man Angst hat, zertrampelt zu werden. Nur dafür lebt man doch. 

Keine Ahnung, wie viel Uhr – Fusion

Ich frage mich, ob Clive Staples Lewis mithilfe von irgendwelchen Zeitreisen-Tricks hier war, bevor er die „Chroniken von Narnia“ verfasst hat oder ob die kreativen Köpfe hinter dieser Dekoration zumindest davon inspiriert worden sind. Etwa so müssen sich meiner Meinung nach die Kinder in den Büchern fühlen, wenn sie zum ersten Mal in diese magische Parallelwelt eintreten, in der die Zeit anders vergeht und andere Regeln gelten. 

Die Kunst ist vielseitig und erinnert mal an die griechische Mythologie, mal an orientalische Märchen, mal an das kalte Industriezeitalter. Ich schaukel auf Drachenschaukeln, spiele Mühle unter einer Diskokugel, ich sitze im Kino, tanze auf der Tankwüste, ich laufe hin und her und lasse dieses Szenario auf mich wirken, das auch noch in ein einzigartig komponiertes Lichtspektakel getaucht ist. Es ist kaum vorstellbar, dass die Menschen um mich herum heute früh völlig verstört und leise über den Campingplatz gehuscht sind. Jetzt sind sie Prinzen und Prinzessinnen, sie glitzern, tragen wunderschöne Totems mit sich herum, sie lachen vergnügt, ihre Augen glänzen und ihr Glück und ihre kindliche Ausgelassenheit sind auf eine fast unverschämte Weise spürbar. 

„Komm, wir spielen Surfbrett!“ 

Die Drogen variieren und sind doch immer wieder dieselben, es gibt kaum jemanden, der völlig übertreibt. So gut wie jede*r Bürger*in in der Fusion-Welt weiß, was er oder sie vertragen kann und was nicht, welche Kombinationen sich wann wie anbieten und welche Line man lieber an sich vorüberziehen lässt. Und so lassen sie sich hochtragen, allein und doch irgendwie zusammen. Einige sind angeregt dabei, sich über Politik und Umwelt zu unterhalten. Andere wiegen sich selig hin und her zur Musik. Wieder andere liegen johlend auf dem Boden und tun zusammen so, als würden sie auf Surfbrettern im Wasser paddeln. 

Natürlich sieht man auch Leute, die etwas über die Stränge geschlagen haben. Vielleicht waren das wunderschöne Setting, die unzähligen Möglichkeiten, vielleicht auch der Mischkonsum Schuld. Da ist der Typ mit tiefen Augenringen, der fast trotzig unter dem gelben U-Boot auf der Tankwüste sitzt und weint. Oder das Mädchen, das bei den Klos wütend mit ihrer Fusionella um sich schlägt und dabei unverständliches Zeug brabbelt. Aber es bleiben Ausnahmen in einem System, das eine Art intakte Anarchie mit kommunistischen Zügen bleibt. 

02:00 Uhr – Southside

Ich falle fix und fertig in meinen Campingstuhl. Kraftklub ist für mich das Highlight des Abends geblieben, leider habe ich die anderen dort beim Pogen verloren. Alleine macht die Reise auf dem Festivalgelände irgendwie nur halb so viel Spaß. Nachdem ich gegen 1:00 Uhr noch kurz halbherzig bei Moonbootica vorbeigeschaut habe, bin ich schließlich wieder am Zeltplatz gelandet – nicht ohne mich auf dem riesigen Gelände noch mehrmals zu verlaufen und noch ein komplettes Bier über den Rücken geschüttet zu bekommen. Die anderen erwarten mich bereits am Zeltplatz. 

„Campingplatz ist doch viel geiler als Konzerte.“

Die liebliche Stimme von Nico KIZ schallt herüber, unsere Zeltnachbarn sind aus mir unerklärlichen Gründen immer noch wach und trinken munter weiter ihr 5.0. Ich weiß genau, dass sie mich morgen trotzdem wieder auf dieselbe Weise wecken werden wie heute Morgen. Auf Nachfrage erzählen sie, dass sie heute gar nicht auf dem Festivalgelände waren, warum auch, ist doch viel schöner hier. 

Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ihnen fast zustimmen. Der Tag auf dem Zeltplatz war auf eine so schräge Weise lustig, dass die Konzerte kaum dagegen angekommen sind. Vielleicht bleibe ich morgen auch einfach hier, denke ich, als ich in den Schlafsack krieche und trotz lauter Musik sofort einschlafe. 

08:30 Uhr – Fusion

Die Sonne ist längst aufgegangen, Township Rebellion hat gerade das Closing auf der Turmbühne gespielt und ich fühle mich müde, aber glücklich. Die Stimmung auf der Tanzfläche war bis gerade großartig, die Leute haben sich gegenseitig nassgespritzt, mit Sonnencreme eingecremt und mit Wasser versorgt. 

Als ich zu meinem Zeltplatz Richtung Bachstelzen laufe, komme ich an einem langen Tisch mit zwei verkleideten Portiers vorbei, an dem die Leute unter großem Gelächter „im Hotel einchecken“ spielen. Am Shower Tower herrscht reger Duschbetrieb, knapp zwanzig nackte Menschen tänzeln vergnügt im kalten Wasser herum. Auch von den Bachstelzen schallt noch Musik herüber, für 90 Prozent der Menschen hier ist die Party noch lange nicht vorbei. Als ich endlich im Zelt sitze, kommen mir die letzten 20 Stunden ziemlich surreal vor und ich versuche, die Erlebnisse noch einmal Revue passieren zu lassen. Doch keine Chance. Ich bin viel zu müde und schlafe innerhalb von Sekunden ein. Wieder mit Hut. 

Und was soll jetzt das Fazit sein?

Meine Absicht, die zu Techno- und Rock-Festivals bestehenden Stereotypen mit diesem Artikel zu widerlegen, ist im Nachhinein wohl nicht ganz geglückt. Tatsächlich haben viele meiner Erlebnisse in ihrer Ausprägung sogar den Stereotypen in meinem Kopf in den Schatten gestellt. 

Ein paar einzigartige Ausnahmen

Doch Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel und glücklicherweise habe ich auf meiner Klischeeabfahrt auch eine Handvoll Menschen getroffen, denen der soziale Druck des jeweiligen Festivals einfach nur gestohlen bleiben konnte. 

Probs gehen raus an Lisa vom Southside, die Dosenbiere einfach nur widerlich fand und das ganze Festival nur Gin Tonic mit Limette, Eiswürfeln und Strohhalm getrunken hat. An Alexandra von der Fusion, die es wagte, beim Bachstelzen-Floor im Deutschland WM-Trikot herumzulaufen. An Lorenz vom Southside, der Birkenstock trug und militant predigte, dass dieses ganze Plastik uns früher oder später alle töten wird. Und an Ivan auf der Fusion, der in der Falafel-Schlange lautstark in feinstem British English zu bedenken gab, dass er ein Steak jetzt gerade auch ganz geil fände: „medium rare“. 

Wie dem auch sei: 
Ist es womöglich die Atmosphäre der Festivals selbst, die viele Menschen zum stereotypen Verhalten animiert? Auf dem Southside habe ich munter pfeifend Dosen vor mit her gekickt, während ich auf der Fusion pflichtbewusst (und ein bisschen empört) eine Serviette aufhob, die jemand vor mir fallen gelassen hatte. Auf dem Southside war ich ein Zeltplatz-Verfechter, auf der Fusion konnte ich gar nicht schnell genug auf dem Festivalgelände sein. Auf dem Southside war mein favorisiertes Getränk Dosenbier, auf der Fusion war das selbstverständlich Sekt. Bin ich nun selbst ein Festival-Klischee? Oder vielleicht ein Festival-Chamäleon? 

Zwei Festivals, zwei Weltanschauungen, zwei Musikstile, zwei Versionen meiner selbst. So unterschiedlich diese beiden Tage nun sein mögen und so sehr meine Erlebnisse und Begegnungen vielleicht jegliches Klischee befeuert haben, so sehr ist es doch auch beachtlich, wie leicht mich beide Festivals in ihren Bann gezogen haben. 


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