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Der Öko-Hafen des Cellarius Kollektivs

Nachhaltiger Bühnenbau auf dem Wilde Möhre Festival


 
 

text Leonie Ruhland
redaktion Tina Huynh-Le
fotos Felix Hahn

Festivals sind Dreckschleudern. Trotzdem versucht das Cellarius Kollektiv, dagegenzuhalten. Auf der Wilden Möhre bauen sie einen Floor mit möglichst nachhaltigen Materialien.

 

Die Musik ist noch gar nicht an, als die ersten Gäste über den erdigen Platz schlendern, die Sonne im Nacken, den Blick staunend um die Umgebung wandernd. Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, streben sie in das Heu unter dem Moskitonetz, auf die Couch unter dem Lichthaus oder auf die Holzbretter zwischen den Bäumen, am Rand des ovalen Platzes. Sie bilden das Deck eines Schiffgebildes, die Erschaffer haben es um eine Birkenbauminsel herumgebaut. Es wirkt, als sprießen die Stämme nur so aus dem Holzboden, manche suchen sich durch alte Fenster im Rumpf ihren Weg. Mit den vielen Ästen und ihren grünen Blättern sehen sie aus wie Segel. 

Den Platz mit dem Boot nennt man hier „Kraut und Rüben“. Er ist Teil des Wilde Möhre Festivals, das im August zum vierten Mal seine Tore für Feierfreudige öffnete. Mithilfe von neun Kultur- und Musik-Kollektiven baute das Team der Möhre sechs Floors in das Waldgelände bei Cottbus. Das Segelschiff steht bereits seit letztem Jahr da. Die Leute vom Cellarius Kollektiv haben es dort hingebaut. 

Dass sie so viele Bäume fällen müssen, macht die Crew trotzdem unglücklich.

Innerhalb von vier Wochen und mit etwa 30 kräftigen Händen und viel Schweiß verwandelte die Crew aus Marburg und Saarbrücken das hinterste Eck des Festivalgeländes damals in ein kleines Hafenparadies. Dieses Jahr haben sie es erweitert. Das Boot hat hinten einen Mast bekommen und daneben ein Podest über der Bar, auf dem Besuchende herumlungern oder tanzen können. Ein rechteckiges Lichthaus schräg neben der Bar ist einer DJ-Bühne gewichen, auf dessen Vorderpult ein großes Wappen schimmert. Es ist aus alten CD Rohlingen gemacht und zeigt das Symbol, das sich Cellarius gegeben hat: ein kleiner Papierdrache. Auf der anderen Seite der erdigen Tanzfläche steht das neue hölzerne Lichthaus auf Stelzen, mit angebautem Podest. Es ist ein Rückzugsort für die Crew. 

Fast einen halben Wald haben die Cellarius Menschen für ihren Floor gerodet. Zusätzlich kauften sie etwa zwei Kubikmeter Neuholz. Das war nötig, denn wenn Gebäude wie das Lichthaus oder der DJ Pult um die 750 Kilo aushalten müssen, ist altes Holz nicht zuverlässig. Den Wald haben sie vom Besitzer des Geländes zur Verfügung gestellt bekommen. Dass sie so viele Bäume fällen müssen, macht die Crew trotzdem unglücklich. „Holz wächst nach“, sagt Bastian Engel, 25, der vier Wochen vor dem Festival den Bau der Bühne dieses Jahr gestartet hat. „Aber rechne mal, wie viele Jahre in der Bühne stecken. 500 bestimmt. Das ist schon geisteskrank.“ 



Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt die Gruppe während des ganzen Baus. Gern würden sie zu einem Event gehören, das der Umwelt nicht so viel schadet. Aber Faktoren wie Müll, Verpflegung, Anreise, Landschaft, Strom und auch Lärm verwandeln Festivals zu einer CO2-Schleuder. Eine erste und bisher einzige Studie über Umweltschäden der britischen Musikbranche zeigte, dass im Jahr 2007 etwa 540.000 Tonnen CO2 durch Aktivitäten rund um Live-Musik Performances ausgestoßen werden. Das entspricht dem Ausstoß von 180.000 Autos pro Jahr. 

Seitdem hat sich einiges getan. Zahlreiche FestivalveranstalterInnen versuchen, mit Müllpfand und Ökotoiletten entgegenzuwirken. Es entstehen immer attraktivere Angebote, wie Gäste dazu gebracht werden könnten, ihre Autos daheim stehenzulassen. Die Wilde Möhre bietet in dem Zusammenhang eine große Anzahl an Shuttlebussen und verlangt für jeden nötigen Parkplatz 25 Euro. Außerdem erhalten Gäste am Einlass verschiedene Tüten, um den Müll trennen zu können. Und mit der Green Music Initiative gibt es eine offizielle Anlaufstelle für MusikerInnen und FestivalbetreiberInnen, um Konzepte zu entwickeln, die CO2 Emission verringern. Trotzdem hinterlassen diverse Festivals riesige Müllhaufen und zerstörte Wiesen.

Mit gesammelten, alten und wiederverwertbaren Materialien wollte Cellarius zu einem bewussteren Umgang bei der Festivalplanung beitragen.

Einen Tag vor Möhre-Beginn ist das Cellarius-Kollektiv in ihren letzten Zügen des Aufbaus. Zwei Frauen zerschneiden Spiegelfolie, die sie dann auf rund zugeschnittene Holzbretter kleben. Einer kehrt mit einem Rächen über die Tanzfläche, ein anderer füllt eine Sitzecke mit Heu. Nadia Bouchemel steht zwischen zwei Bänken, die aus zusammengeschraubten Paletten bestehen, und bindet ein Mobile aus Stöcken in den anliegenden Baum, das ihre Kolleg*innen gebastelt haben. „Das ist Schwemmholz“, erklärt die 24-Jährige. „Das hab’ ich mit meiner Mama am Ufer des Edersees gesammelt.“ Das Tolle an dem Holz sei, dass es schön glatt und hell ist und das Wasser scharfe Kanten bereits abgeschmirgelt hat. “Außerdem ist es sehr leicht, also perfekt zum Aufhängen.”

Mit gesammelten, alten und wiederverwertbaren Materialien wollte Cellarius zu einem bewussteren Umgang bei der Festivalplanung beitragen. Vor allem die zahlreichen Do-it-yourself-Foren gaben ihnen letztes Jahr den Anreiz. “Wir haben viele Ideen gesammelt und dachten dann, komm, wir machen was geiles Nachhaltiges”, sagt Amelie Molter, die eben noch sämtliche Schrauben vom Boden gelesen und in einen großen, rostigen Oliveneimer geworfen hat. Jetzt steht sie neben dem Eingangstor, das mit einem dicken Schriftzug auf ihren “Kraut und Rüben”-Floor hinweist. Vorher stand hier ein Glaskasten vom alten Kollektiv. “Die Fenster und alles haben wir wiederverwendet. Kim wäre fast drauf gegangen, als wir in einer Harakiri-Aktion alles abgeschraubt haben”, erzählt die 25-Jährige lachend. 



Vieles auf dem Floor kommt von zweiter Hand. Da sind Teppiche, die sie aus WG-Kellern gekramt, Couches, die sie auf dem Sperrmüll gefunden haben. Ein Bullauge im Schiffsrumpf, das tatsächlich mal ein Bullauge war, das sie vom Glas befreiten und durch das später Rauch über den Tanzfloor wabern wird. Oder unterschiedlich verzierte Lampenschirme, die die Crew aus den Schnittholzresten zusammengezimmert hat. “Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, offenlegen, wie so ein Festival aufgebaut wird”, sagt Engel. “Ich denke, das ist wenigstens ein guter Ansatz, die meisten Leute wissen das ja alles gar nicht.”

Wir verdrängen das ja nicht. Wir wissen genau, wie scheiße das ist und machen es trotzdem.

Am Ende ist das Kollektiv nicht sehr zufrieden mit ihrem ursprünglichen Konzept der Nachhaltigkeit. Allein durch das ganze neue Holz für das Lichthaus und den DJ-Pult und durch die ganzen Lichtanlagen konnten sie das nicht erfüllen. “Das Hauptproblem ist doch, dass so ein Festival in den Köpfen der Gäste immer größer, krasser, geiler sein soll”, meint Martin Baumgarten, 30 Jahre alt. Molter nickt: “Es ist nicht so einfach, das miteinander zu vereinbaren. Gerade wenn der Schaffungsprozess so kurzfristig und spontan ist, können wir nicht immer auf die Umwelt achten. Das braucht viel mehr akribische Planung.“ Aber das kann die Crew, die aus Studierenden und Arbeitenden besteht, zeitlich nicht leisten. Deshalb habe sich Cellarius dieses Jahr auch weitgehend von ihrer Ideologie verabschiedet. “Wir verdrängen das ja nicht. Wir wissen genau, wie scheiße das ist und machen es trotzdem”, sie schabt mit der Schuhspitze auf dem Boden. „Weiß nicht, was schlimmer ist.“ Schon dadurch, wie oft sie mit verschiedenen Autos zum Gelände fahren mussten, hätten sie einen Großteil zum CO2-Ausschuss beigetragen. 


Das Umweltbewusstsein hänge aber schon sehr von den Gästen ab. “Mich ärgert die Konsumanfälligkeit der Besucher”, sagt Baumgarten, der auf einer alten Holztür hockt, die Teil des Schiffbodens geworden ist. “Den Leuten kommt ein Mittelmaß völlig abhanden. Am Ende fliegt überall Müll herum. Wir sammeln den danach im Wald ein.” Engel zeigt ein paar Meter weiter auf kleine bunte Partikel in der Erde. Konfetti. “Das ist seit vier Jahren hier. Die Leute sind alle im Konsummodus. Konsum ist Verbrauch ist ungleich nachhaltig.” 

Als einer von der Crew „Gruppenentscheid“ ruft, sammeln sich 17 Menschen in der Mitte der Tanzfläche. Fast alles, was sie hier machen, wird gemeinsam beschlossen. Jetzt geht es darum, ob an der Bar noch mehr Glitzer hin soll oder nicht. „Zu viel“, finden manche. Anderen ist die Bar noch zu leer. Am Ende wird sich auf die verspiegelten Holzkreise geeinigt. Die wirken dann wie weitere Bullaugen. „Und dann sieht das alles jetzt geil aus und ist in drei Tagen einfach komplett zerstört“, sagt Molter und seufzt. 


Immerhin: Vieles, was am Ende des Festivals noch steht, hebt die Gruppe auf. In ihren Heimatorten veranstaltet Cellarius nämlich auch gerne Open-Airs. Von denen hatten sie einiges an Material bereits mitgebracht. Wie die kleine Holzhöhle neben dem Lichthaus, das zwei Mitglieder vor längerer Zeit mithilfe von Youtube-Anleitungen erschaffen haben. Sie besteht aus Besenstielen in zwei verschiedenen Längen, die durch Plastikwindungen aneinandergesteckt werden können und dadurch eine Kuppel ergeben. Für die Möhre hat die Crew die Kuppel mit Bettlaken gespannt, innendrin liegen alte Teppiche zum Entspannen. Für den besonderen Effekt wird die Kuppel mit einem Ölscheibenprojektor angestrahlt. Es ist das Lieblingsstück aus dem Cellarius-Repertoire. In dem Projektor ist eine sich drehende Scheibe aus Glas, in der sich buntes Öl befindet. 

Da steckt so viel Liebe drin.

Der Effekt wird am nächsten Abend deutlich, als es dämmert. Inzwischen haben sich zahlreiche BesucherInnen auf dem Floor versammelt, Dubstep läuft. Im Dunkeln wird das Hafenparadies noch verwunschener. Leuchtend bunte Vierecke wandern über die Baumblätter, während eine Girlande im Licht glitzert. „Wow!“, sagt eine Besucherin mit staunend umherwanderndem Blick zu ihrer Freundin, die sich gerade auf einen alten orientalischen Teppich unter die Bettlakenkuppel setzt. „Da steckt so viel Liebe drin.“ Über ihnen verschwimmen die bunten Farben des Ölprojektors zu einer großen bunten Masse. 

Das Kollektiv sitzt mit baumelnden Beinen auf ihrem Podest und freut sich über die tanzenden Gäste. “Es ist uns mehr wert, als Gruppe zusammenarbeiten zu können und wir erschaffen das ja auch für andere”, sagt Engel, der hinter den Lichtreglern hockt. “Ich schätze, das überwiegt am Ende. Ich finde schon wertvoll, dass wir alle uns Gedanken über Nachhaltigkeit machen und viel darüber diskutieren.” Und mit dem Traum eines eigenen Festivals, den die Gruppe insgeheim hegt, könnten diesen Gedanken auch weiteren Taten folgen. Aber dann müsste das auch richtig gemacht werden. Mit extra Arbeitskreisen zum Beispiel, die sich mit Sparsystemen beschäftigen. “Stell dir vor, das ist alles nur per Hand gesägt. Das geht schon.” 

Festivalfinder

Wilde Möhre

09. – 12. August 2019


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