Magazin

Die neue Generation hinter den Kulissen

Das Summerjam Festival im Interview


 
 

text Ronja Rabe
redaktion Christina Gilch
fotos Summerjam

Marius Brozi arbeitet mit Leib und Seele für das Summerjam Festival und ist familienbedingt in die Organisation hineingewachsen. Höme hat ihn in diesem Jahr zu einem Gespräch über seine Arbeit hinter den Kulissen, über die Herausforderungen eines Festivals und seine schönsten Erinnerungen getroffen.

 


Stelle dich und deine Tätigkeit doch einfach mal kurz vor.
Marius Brozi: Ich bin Marius Brozi, 24 und beim Summerjam quasi mit aufgewachsen. Mein Vater ist ein Teil des Veranstaltungsteams und so war ich schon als kleiner Junge auf dem Festival unterwegs. Angefangen hat es im ersten Jahr mit einfach hin und her laufen und irgendwelche Sachen holen. Je älter ich wurde, desto mehr Aufgaben habe ich dann peu à peu übernommen.
Mittlerweile bin ich im Booking mit tätig, bin Produktionsleiter vor Ort, außerdem mitbeteiligt in der Vorbereitung, habe einiges an Personal über meinen Schreibtisch laufen und bin jetzt neu auch Ansprechpartner für Agent*innen, also das Künstler*innen-Booking.

Und was ist beim Booking besonders wichtig?
Marius:
Das ist ein umfangreiches Thema. Wir sind nun eines der größten Reggae-, Hip Hop- und Dancehall-Festivals. Da ist es natürlich immer schwierig diesen Spagat zu finden und als Team einen Mix aus klassischen jamaikanischen Künstler*innen, aber auch Bands aus dem deutschsprachigen Raum zusammenzustellen. Da lege ich großen Wert drauf, dass wir ebenfalls regionale Künstler*innen buchen, um diese etwas zu fördern und ihnen Gehör zu verschaffen. Da gibt es ein nettes Beispiel mit Gentleman, der ja in der Szene mittlerweile einer der großen Namen ist und bei uns vor Ewigkeiten ganz am Anfang seiner Karriere auf dem Zeltplatz aufgetreten ist.

Wenn der Shuttle-Fahrer sagt: ‚Es ist kein Künstler angekommen, was machen wir jetzt?‘

Was sind die größten Herausforderungen bei deiner Arbeit, egal ob jetzt im Booking oder auch in anderen Bereichen?
Marius: Eine der großen Herausforderungen ist die ständige Veränderung. Du bist auf einem ganz guten Weg, hast eigentlich das Gefühl, dass du alles eingetütet hast und dann kommen kurzfristig Absagen oder Änderungen. Solange die überschaubar bleiben und nicht alle auf einmal kommen, geht das noch. Aber manchmal gibt es eben auch Tage, da ändert sich alles und du musst gefühlt wieder bei null anfangen.
Einmal hatten wir sogar das Problem, dass ein Künstler in Jamaika in das Flugzeug einsteigen wollte, aus gesundheitlichen Gründen dann aber doch nicht fliegen konnte. Wenn man die Info dann erst bekommt, wenn derjenige eigentlich am Flughafen ankommen soll und der Shuttle-Fahrer sagt „Es ist kein Künstler angekommen, was machen wir jetzt?“, ist es umso schwieriger kurzfristig noch guten Ersatz zu finden.
Aber zum Glück kommt so etwas sehr selten und nur bei wirklich speziellen Gründen, wie eben in diesem Fall, vor, denn eigentlich haben die Künstler*innen ja auch ein großes Interesse bei uns zu spielen.

Ihr habt ein sehr abwechslungsreiches Line-Up, von Roots-Reggae bis Dancehall und Deutschrap, was ja nicht unbedingt immer das gleiche Publikum anzieht. Wie ist es, wenn diese unterschiedlichen Hörergruppen aufeinandertreffen?
Marius: Wie bei jedem Festival werden am Ende immer irgendwelche Leute hervorstechen, die entweder besonders positiv oder eben negativ auffallen. Aber mir kommt es so vor, als wäre die Anzahl dieser Leute überschaubar, weil die große Masse eine sehr familiäre Community ist und die einfach die anderen dazu anstiften, ebenfalls ruhig zu bleiben und friedlich zu feiern. Gerade bei Reggae-Festivals kennt man sich in der Szene und arbeitet eigentlich immer zusammen.

Was zeichnet eure Zielgruppe, euer Publikum, besonders aus?
Marius: Also das Schöne beim Summerjam ist, dass wir so ein sehr generationsübergreifendes Publikum haben. Es gibt hier echt den Opa, der das Enkelkind auf dem Arm hat und die Mutter steht mit ihrem Mann daneben. Natürlich haben wir auch sehr viel Publikum zwischen 18 und 30. Es gibt zum Beispiel auch eine Kids Area, in der wir Kinderbetreuung anbieten. Da passen dann auch alle aufeinander auf. Es ist eigentlich wie eine sehr große Familie, das zieht sich von den Künstler*innen, über die Veranstalter*innen und das Publikum, bis hin zu unseren ganz kleinen Gästen.

Das ist dann quasi wie eine Woche Urlaub am See, aber eben mit ein bisschen Arbeit.

Was magst du eigentlich am meisten an deinem Job?
Marius: Dass wir auch intern ein sehr familiäres Miteinander haben und dass es immer so eine Art Familientreffen ist, also nicht nur meine Familie im direkten Sinne, sondern das ganze Team. Da ändern sich vielleicht mal eine bis drei Personen, aber das ist ja in jedem Team ganz normal, dass Mitarbeiter wechseln oder aus Altersgründen ausscheiden. Grundsätzlich arbeiten wir auch immer mit denselben Firmen und haben dadurch meistens die gleichen Leute vor Ort.
Das Jahr verfliegt und dann trifft man sich man sich wieder, grillt gemeinsam, tauscht sich aus und arbeitet wieder zusammen. Das gehört einfach zum Summerjam-Festival dazu und Gott sei Dank sind wir auch meistens mit gutem Wetter gesegnet, was die ganze karibische Seite so ein bisschen aufleben lässt – das ist dann quasi wie eine Woche Urlaub am See, aber eben mit ein bisschen Arbeit.

Allgemein wird auf Festivals neben der Musik ja immer mehr Besonderes geboten. Ihr habt mittlerweile auch das Komfort-Camp oder den Blackfoot Beach am Se
Marius: Der Blackfoot-Beach ist ein fester Ort am Frühlinger See, den es dort mit der Bar ohnehin dauerhaft gibt. Vor ein paar Jahren haben wir dann überlegt, wie man da besser zusammenarbeiten könnte und so ist dieses Paket daraus entstanden. Wir haben ja auch Gäste aus Mauritius, Neuseeland und überall her, die extra herfliegen und die können dann das Festival auch mit einem gewissen Komfort genießen, das Rundum-Sorglos-Paket quasi.
Darüber hinaus haben wir das Komfort-Camp, da bringst du dein Zelt selber mit, kannst dir aber andere Dinge dazu buchen. Mittlerweile sind ja Sachen wie Strom am Zelt, oder was auch immer, viel wichtiger geworden und das bieten wir eben mit dem Komfort-Camp. Außerdem gibt es seit einigen Jahren auch das Caravan Camping.
Wir versuchen zudem die verschiedensten Kooperationen, z. B. mit einer Firma aus Frankreich, die anbieten, dass du für die Zeit hier kostenlos eine Powerbank bekommen kannst, um immer erreichbar zu sein und dich mit deinen Leuten zu connecten. Und es gibt natürlich auch ein breites kulinarisches Angebot, du kannst dir Klamotten kaufen und so weiter…

Gibt es noch mehr Ideen, um das Festival außermusikalisch zu einem Erlebnis zu machen?
Marius: Ja, ich habe das Thema selbst ein bisschen mit umgekrempelt. Wir haben nun auf einem unserer Parkplätze eine Aktionsfläche mit coolem Programm und einer kleinen Bühne gestartet. Das fängt dann morgens mit Yoga an, gefolgt von verschiedensten Workshops, wie zum Beispiel Hula-Hoop, Einrad-Fahren oder Stelzen-Laufen. Weiter geht es mit einem Tischtennis-Turnier, einer Trommel-Session oder  musikalischen Highlights bis hin zu einer Action-Truppe aus Köln, die die Leute unter anderem mit Trinkspielen animiert, bevor es dann direkt angeheitert aufs Festivalgelände geht.

Gibt es noch weitere Besonderheiten beim Summerjam?
Marius: Wie auf einem Campingplatz kann man schon ab Montag Urlaub machen, auch wenn das Festival erst am Donnerstag beginnt. Das kostet dann fünf Euro pro Tag nochmal on top, aber das Angebot nehmen viele Leute wahr, die dann einfach eine Woche Urlaub am See machen. So werden es jeden Tag immer mehr Menschen und am Donnerstag kommt dann die große Masse.

Auch das Thema Nachhaltigkeit wird für Festivals ein immer wichtigerer Aspekt. Welche Ansätze verfolgt ihr da?
Marius: Ja, das ist definitiv ein großes Thema, das wir weiter aufrollen wollen. Wir sind im Austausch mit verschiedensten Unternehmen und versuchen möglichst regional zu agieren. Unsere ganze Infrastruktur kommt beispielsweise aus Wertheim, so dass wir nicht nur mit festen Partnern arbeiten, sondern auch die Transportwege kurzgehalten werden.
Wir versuchen seit Jahren möglichst nachhaltige Ansätze zu verfolgen, auch wenn wir als Festival am Ende des Tages wahrscheinlich nie ganz nachhaltig sein werden, weil man hier für ein paar Tage einfach mal eine Kleinstadt aufbaut. Aber das versuchen wir eben möglichst bewusst zu machen.
Dieses Jahr haben nicht nur Amnesty International einen Stand, sondern auch Fridays for Future, die die Besucher auch noch einmal sensibilisieren wollen. Bei manchen ist vielleicht schon ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit da, bei den anderen kann man es vielleicht wecken.

So kann man sich das Essen dann in seine Tupperdose geben lassen.

Und wie läuft die Umsetzung bei euch im Team? Gibt es zum Beispiel eine Person, die sich um neue Ideen kümmert oder macht ihr das alle gemeinsam? Oder gibt es da vielleicht sogar eine/n Nachhaltigkeits-Verantwortliche*n?
Marius: Da macht eigentlich jeder ein bisschen mit. Klar guckt man auf anderen Festivals, was die so machen und manchmal kommen auch so Ideen. Wir arbeiten zum Beispiel mit einer Firma aus Berlin, die versuchen nachhaltige Strukturen zu vermitteln. Mit denen bin ich in intensivem Kontakt und dann gibt es noch eine andere Firma, die unseren CO2-Fußabdruck berechnen will, sodass man im Nachhinein daran arbeiten kann.
Eine spannende Neuerung ist außerdem auch, dass man nun sein eigenes Essgeschirr mit auf das Festivalgelände bringen darf, um dort ebenfalls Müll zu vermeiden. So kann man sich das Essen dann in seine Tupperdose geben lassen.

Gibt es keinen Konflikt mit der Sicherheit, wenn die Leute nun Besteck mit aufs Festivalgelände nehmen?
Marius: Also man darf weiterhin nicht seinen Leatherman mitnehmen und sagen: „Das ist das Messer für das Brötchen, das ich mir da holen möchte“ – aber eben Tupper-Geschirr oder Holzbesteck. Unser Sicherheitsteam achtet da auch drauf und im Zweifelsfall, wenn eine Verletzungsgefahr bestehen könnte, darf man es eben nicht mit reinnehmen. Aber der Ansatz durch das Mitbringen von eigenem Geschirr Müll zu vermeiden, bringt zumindest schon etwas.

Apropos Sicherheit: Wie geht ihr mit Problemen wie Einbruch und Diebstahl um? Gerade während die Headliner spielen, ist es ja schwer ein so großes Areal zu sichern.
Marius: Jeder temporäre Aufbau hat seine Schwachstellen. Es gibt immer Leute, die haben ihre Seitenschneider dabei, aber schon seit Jahren handhaben wir es so, dass wir das ganze Festivalareal quasi komplett absperren, dadurch haben wir diese ganzen Einbrüche und so etwas extrem reduzieren können.
Wir arbeiten mit Sicherheitspatrouillen und der Polizei eng zusammen. Die machen ebenfalls darauf aufmerksam, wenn irgendwo der Zaun aufgemacht wurde und dann fahren wir sofort los und reparieren das wieder. Wir haben die letzten Jahre auch das Feedback von der Polizei bekommen, dass alles sehr glatt läuft und dass es im Verhältnis der kleinen Fläche zu den über 30.000 Menschen sogar wesentlich weniger Vorkommnisse gibt als an anderen Orten.
Außerdem versuchen wir die Leute dahingehend zu sensibilisieren, dass man bei Verlassen des Campingplatzes am besten seine Wertsachen mitnimmt und nicht im Zelt lässt. Und wir bieten darüber hinaus auch Schließfächer an.

Ja, das ist mir auch auf eurer Website aufgefallen, wie gut ihr die Besucher auf alle möglichen Themen hinweist und vorbereitet. Es gibt zum Beispiel auch ein Codewort, mit dem man sich bei sexueller Belästigung unauffällig Hilfe holen kann?
Marius: Ja, da arbeiten wir mit Edelgard zusammen, das ist eine Frauenvereinigung aus Köln, die nach diesen Silvester-Übergriffen ins Leben gerufen wurde. Das fanden wir dann auch für uns gut und arbeiten seitdem mit denen zusammen.

Hast du zum Abschluss noch eine kleine Anekdote von hinter den Kulissen für uns?
Marius: Ich kann mich noch gut an eine Sache vor zwei oder drei Jahren erinnern, als ich mit dem Roller übers Gelände gefahren bin. Also wir haben da immer so Roller, damit wir bei dem großen Gelände besser von A nach B kommen und dann ist an einer Ecke jemand über den Zaun von hinten auf den Roller gesprungen. Ich habe mich voll erschreckt, bin mit dem Roller weggeflogen, dann aber einfach wieder aufgestiegen und weitergefahren. Ich habe ganz normal weitergearbeitet, bis mir irgendwann einer gesagt hat: „Was hast denn du eigentlich da gemacht? Dein ganzes Hemd ist kaputt.“ In meinem jungen Eifer so unter Adrenalin, habe ich das gar nicht gemerkt…

Ich kann mich auch noch ganz gut an eine Situation erinnern, das war bereits am ersten oder zweiten Veranstaltungstag. Wir saßen da und haben zusammen gegrillt, als Patrice für ein Interview mit dem Rockpalast vorbeikam. Zur damaligen Zeit war ich großer Patrice-Fan und ich war super aufgeregt, weil ich dann das erste Mal mit ihm persönlich quatschen konnte und wir noch ein Bild zusammen gemacht haben. Das war ein ganz cooles Erlebnis.
Ansonsten genieße ich einfach die Momente, wenn wir mit den Künstler*innen am Steg sitzen und am Ende alle wieder ein bisschen back to the Roots kommen. Wenn der eine oder die andere einfach ins Wasser springt und man sich locker noch etwas austauschen kann. Trettmann hat da zum Beispiel einmal ein Tischtennis-Battle gestartet, sowas ist dann immer ganz cool.

Worauf freust du dich am meisten, wenn das Festival vorbei ist?
Marius: (lacht) Da freue ich mich natürlich erstmal auf die Nachbereitung. Die ganzen Abrechnungen müssen gemacht werden und dann anschließend aber ein paar Tage durchatmen. Ich fahre mit meiner Freundin an irgendeinen See, lasse die Beine baumeln und kann hoffentlich nochmal ein bisschen die Sonne genießen.

Festivalfinder

Summerjam 2020

3. – 5. Juli – Köln, Fühlinger See


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