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Colours of Ostrava im Interview

Ostrava ist nicht mehr dunkel, sondern bunt.


Das tschechische Colours of Ostrava Festival verschmilzt mit seiner Stadt. Das Gelände – ein altes, dunkles Stahl- und Kohlewerk – erstrahlt einmal im Jahr in vollen Farben und schafft so ein Zusammenspiel der Geschichte seines Ortes mit Musik, Kunst und Kultur.

text Isabel Roudsarabi
redaktion Robin Hartmann
fotos Matěj Rumpa, Eva Dang, Michal Lukáč, Petr Piechowicz, Čestmír Jíra, Matyáš Theuer, Michal Augustini, Zdenko Hanout, Ivan Prokop

lesezeit 11 Minuten

Das Ostrava ist eine feste Größe in der tschechischen Festivallandschaft. Jedes Jahr bringt es Headliner wie The Killers, Jamie Cullum oder Imagine Dragons in die ehemalige Industriestadt. Ab und zu findet man auch den ein oder anderen deutschen Act im Line-Up, 2020 etwa die Techno-Marching-Band Meute.

Zusätzlich zu dem breit gefächerten Musikprogramm, haben Besucher*innen tausende Möglichkeiten, die Kultur der Region kennenzulernen, sich über die Geschichte des Geländes zu informieren, Diskussionen über Politik und Wissenschaft zu besuchen oder mit den Kindern im familienfreundlichen Teil des Festivals zu basteln und zu spielen.

Wir haben uns auf dem Eurosonic 2020 mit Jiří Sedlák, der sich beim Festival um die Presse kümmert, unterhalten. Er erzählt, warum das ehemalige schwarze Herz Tschechiens jetzt in hunderten Farben erstrahlt und warum den Veranstalter*innen das Rahmenprogramm so unglaublich wichtig ist.

Hey Jiri! Stell dich doch mal kurz vor. Was ist deine Position auf dem Festival und wie ist es zu deiner Arbeit für’s Colours of Ostrava gekommen?
Ich arbeite jetzt seit 17 Jahren für’s Colours of Ostrava, seitdem das Festival zwei Jahre alt ist – ich habe also miterlebt, wie es von einem sehr lokalen Kunst- und Musikfestival zu dem wurde, was es heute ist.
Wir haben damals allmählich begonnen nicht mehr nur Weltmusik, sondern auch andere Genres einzubeziehen. An dieser Entwicklung habe ich stetig mitgearbeitet, bis das Ostrava zu einem der größten Festivals in der Tschechischen Republik wurde. Während dieser langen Zeit war ich vor allem für Kommunikation, PR, Werbung und alles, was so dazugehört, verantwortlich – etwa der Koordination von Ankündigungen usw. So sehen zwar in erster Linie meine persönlichen Aufgabengebiete aus, aber natürlich bin ich vorrangig auch ein Fan der Musik, die wir hier präsentieren. In den Anfängen des Festivals gab es einige wirklich großartige Bands aus Tschechien und dem Balkan, die im lokalen Fokus standen und entsprechend häufig gebucht wurden. Mir hat dieser Ansatz damals gefallen und als das Colours of Ostrava dann persönlich an mich herangetreten ist, um für sie zu arbeiten, blieb mir eigentlich nichts anderes übrig als „Ja, ja – auf jeden Fall!“ zu sagen. *
lacht*
Meine Arbeit für das Colours of Ostrava ist dann für mich dann eine echte Herzensangelegenheit geworden. 


Also hat das Ostrava-Team dich einfach so aus dem Blauen heraus vor 17 Jahren gefragt, ob du nicht für sie Promotion machen möchtest?
Ja, es hat aber ein gemeinsamer Freund damals auch einen großen Teil dazu beigetragen. Er hat mich und meinen Kollegen an eine PR-Agentur aus Prag empfohlen und gemeint, wir sollten uns denen vor allem deshalb anschließen, weil es da das Colours of Ostrava gäbe – ein Festival, das auf gute und funktionierende PR in Prag angewiesen wäre, weil dort alle nationalen Veranstalter, Medien- und Handelspartner sitzen. Ostrava musste seinen regionalen Fokus erweitern, um konkurrenzfähig zu sein.

Die Stadt liegt ziemlich weit von Prag entfernt, wie du vielleicht schon auf der Karte gesehen hast. Wir sind sehr weit im Osten der Republik und waren früher als das „schwarze Herz Tschechiens“ bekannt, weil in der Stadt die Stahl-, Eisen- und Kohleindustrie angesiedelt war. Deshalb ist der Begriff „Colours“ – also „Farben“ – auch in den Namen des Festivals aufgenommen worden; eben weil das dunkle Ostrava damals für die Menschen aus der Republik nicht so attraktiv schien. Wir im Team hatten ein Sprichwort oder vielmehr einen Vorsatz, der lautete: 

Ostrava ist ab sofort nicht mehr dunkel, sondern bunt.

Das spiegelt der Name seitdem wider.
Dieses Konzept ist dann nach und nach Wirklichkeit geworden. Ich denke, die Menschen in der Tschechischen Republik sind heute sehr angetan von Ostrava als Stadt, weil sie eine so bewegte Geschichte hat. Die gesamte Region, die vor einigen Jahrzehnten noch sehr rau und dreckig war, hat sich heute zu einem kreativen Zentrum des Landes entwickelt. Und ich bin mir sehr sicher, dass das Colours of Ostrava ein wichtiger Teil dieser Geschichte ist.

Euer Gelände ist wunderschön und hat einen wirklich einzigartigen Charakter. Kannst du ein bisschen was darüber erzählen?
Absolut. Das jetzige Festivalgelände war  war bis vor kurzen – 1998 vielleicht, aber ich bin mir nicht ganz sicher – eines der Zentren der Stahl- und Eisenproduktion in der Tschechischen Republik.
Als die Produktion dann eingestellt wurde, hatten die Eigentümer des Unternehmens, der Fabrik und des Gebiets die Idee, die Gebäude nicht abzureißen, sondern sie in ein kulturelles, wissenschaftliches und technologisches Zentrum zu verwandeln.
So begannen damals der Stadtrat, der Regionalrat und die Vermieter eine Art Gemeinschaftsprojekt, das die Gestaltung des Gebietes, das man dort heute sieht, vorskizziert hat. Colours of Ostrava selbst ist erst seit dem Jahr 2012 offiziell Bestandteil dieser Kulturstätte. Wir waren die erste große Veranstaltung, die auf dem Gelände stattfinden durfte; vorher war unser Festival im Zentrum von Ostrava um einige Parks und ein Ausstellungsgelände herum angesiedelt. Irgendwann ist dann aber der Eigentümer der Fabrik auf uns zugekommen und meinte: „Warum zieht ihr nicht hierher; wäre doch ein toller Ort für so eine Veranstaltung?“ 

Der Standort ist großartig. Es gibt dort sowohl Open-Air-Areale für 20.000 – 30.000 Personen für Großveranstaltungen als auch kleinere Veranstaltungsorte mit geschlossenem Dach für vielleicht höchstens 200 Personen, in denen man Panels und Diskussionen oder ein kleines Clubkonzert veranstalten kann.

Unser größtes Schmuckstück ist aber die „Gong Hall“, die früher ein Gasreservoir war und sich nun in eine Kongress- und Konzerthalle verwandelt hat.

Sie ist riesig und fasst etwa 1.500 Besucher. Als Halle ist sie einfach perfekt für Jazz, ruhigere oder Weltmusik-Konzerte geeignet. Bei uns haben wir dort z.B. mal die Tindersticks spielen lassen.

Ich denke bis auf Black Metal, Hardcore oder Hip-Hop versuchen wir normalerweise, alle möglichen Genres zu buchen und unseren Besuchern in angemessenem Ambiente zu präsentieren. Wir versuchen uns nicht auf ein bestimmtes Musikgenre festzulegen, das wir primär unterstützen.


Hattet ihr schon immer so ein offenes Line-Up?
Wir haben schon eher als Festival für Weltmusik begonnen, weil unsere Managerin früher Radiojournalistin war und ihre Arbeit deshalb anfangs in das Booking mit eingeflossen ist. Eine ihrer größten Inspirationen war das Rudolstadt Festival in Deutschland, weil es als Stadtfest mit diversen Veranstaltungsorten innerhalb der Stadt Besucher anlockt. So hat auch das Colours of Ostrava angefangen. Wir hatten mehrere Hallen und 1-2 Open-Air-Bühnen im Park. Aber schon im zweiten Jahr hat sich der Trend herauskristallisiert mehr als ein Genre auf dem Festival präsentieren zu wollen, wie z.B. Rock und Pop. Heute haben wir 24 Bühnen, von denen 9 zu unserem sogenannten „Melting Pot Forum“ gehören, das sich aus Diskussionsbühnen für Wissenschaft, Technik sowie kulturelle, spirituelle und musikalische Ausdrucksformen zusammensetzt.

Ich hab gesehen, dass ihr ein ziemlich riesiges Rahmenprogramm habt. Wie kam es dazu und warum ist es für euch so wichtig?
Wir hatten schon immer 1-2 Diskussionsrunden und Workshops, in denen die Besucher Dinge wie Salsa, Flamenco, afrikanische Tänze oder Trommeln lernen konnten. Die Idee war also immer da und hatte eine gewisse Priorität.
Ich will jetzt nicht sagen, dass wir damals viel klüger waren als alle anderen, aber wir waren sicherlich sehr aufgeschlossen und wollten immer neue Plattformen in unser Festivalprogramm aufnehmen.

Es ist uns wichtig, dass unsere Besucher sich bilden, miteinander interagieren und etwas Neues lernen

– auch wenn es dabei z.B. nur darum geht Musik zu hören, die sie vorher nicht kannten oder eben Musik, die vielleicht nicht ihrem Lieblingsgenre entspricht. Das war einer der Gründe warum wir offene Diskussionen eingeführt haben, an denen jeder und jede Interessierte teilnehmen kann – und die Beteiligung war von Beginn an hoch. 

Vor glaube ich etwa fünf Jahren kam unser Produktionsleiter auf die Idee, die gesamte Diskussions- und Workshop-Plattform grundlegend zu erweitern. Statt ein,zwei Runden, die verschiedenen Themen gewidmet wurden, hatten wir dann acht. Mittlerweile sind diese Foren eines der Hauptinteressen unserer Besucher geworden; allen voran das Melting Pot Forum. Wir sind aktuell wirklich stolz darauf, dass wir Leute wie Timothy Snyder und viele andere Gäste aus der Wissenschaft dazu ermutigen konnten, hier Vorträge zu halten.

Das Forum ist zu einem Teil der Region geworden, mit einer eigenen Identität.

Nachts verwandelt sich dieser wissenschaftlichen Schmelztiegel dann in einen Club.

Ich habe auch das Gefühl, dass viele Besucher*innen sich immer aktiver nach dieser Art eines alternativen Festivalerlebnisses umsehen. Man will nicht mehr nur mit Musik unterhalten werden, sondern sich auf ein kulturelles Rahmenprogramm einlassen, vielleicht sogar auf die politische Landschaft der Region… wird das Erschaffen eines Festivals unter diesen Umständen also anspruchsvoller?
 Ja, das stimmt. Ich glaube, man kann auch anmerken, dass das Festival-Publikum ein bisschen älter wird, im Durchschnitt zwischen 25 und 35 Jahren – was für uns die Herausforderung mit sich bringt, auch einige familienfreundliche Aktivitäten anzubieten. Ich denke, die Zeiten, in denen Festivals nur zum Betrinken da waren, sind allmählich vorbei. *lacht*  Früher gab es dieses typische Festival-Image vom betrunkenem Publikum, Schlägereien und einfach allgemein unangenehmem Verhalten. Beim Colours of Ostrava versuchen wir eine friedliche und offenherzige Atmosphäre zu fördern.


Wer war denn dein persönlicher Lieblingsact, der beim Colours of Ostrava über die Jahre so gespielt hat?
Puh, knifflige Frage – viel zu viele eigentlich. Denn das ist ja der Kerngedanke: Wir versuchen Bands zu buchen, die wir selbst mögen und von denen wir wissen, dass sie eine spannende Live-Performance bieten. Deshalb sind zum Beispiel viele unserer Booker jetzt hier in Groningen beim Eurosonic Festival um einige dieser Acts im Vorfeld auszuchecken und unser Booking entsprechend nach Live-Qualitäten zu filtern, anstatt sich die Eindrücke nur über YouTube-Videos zu schaffen.
Einige meiner persönlichen Favoriten waren bisher Florence and The Machine, Woodkid, Sigur Rós – und dann gibt es noch mehrere Künstler*innen, deren Namen wir in der Tschechischen Republik geholfen haben zu etablieren, wie LP, die französische Sängerin ZAZ oder z.B. Jamie Cullum. 2017 hatten wir aber mein Lieblings-Lineup mit Jamiroquai, Norah Jones, Imagine Dragons, Midnight Oil und LP – alle im selben Jahr. Da waren wir auch zum ersten Mal in der neuen Location restlos ausverkauft.

Wie viele Besuchende kommen denn zu euch?
Normalerweise geben wir unsere Zahlen nicht öffentlich bekannt, aber sie liegt irgendwo zwischen 40.000 und 50.000 Besucher*innen. Das Colours of Ostrava ist kein Boutique-Festival mehr, zumindest nicht in Bezug auf die Größe. Aber das alles ist sehr organisch gewachsen, deshalb hoffe ich auch, dass die Leute gerne zu unserem Festival zurückkommen, weil sie das Gefühl haben, weiterhin herzlich empfangen zu werden. Unserer Erfahrung nach ist eine typische Reaktion unserer Besucher*innen folgende: „Okay, eigentlich kannte ich die meisten Namen im Line-Up nicht, aber nach diesem Wochenende bin ich Fan“.

Hattest du eher das Gefühl, dass sich die Gewohnheiten des Publikums geändert haben, als ihr euer Booking und das Programm angepasst habt? Waren eure Gäste schon immer so aufgeschlossen?
Ich denke schon, dass das Publikum mit uns zusammen gewachsen ist. Am Anfang waren die Verhältnisse anders, da haben wir noch nicht so ein breites Publikum wie jetzt angezogen.
Ich denke einer der Hauptgründe, warum Leute zu einem Festival gehen, ist, dass sie Empfehlungen von Freunden bekommen. Wenn die also eine gute Zeit hatten ist es logisch, dass sie andere beim nächsten mal mitnehmen. Ich fühle mich nicht so recht wohl damit zu sagen, wir hätten unser Publikum in irgendeiner Weise gezähmt oder geschult, – sie feiern ja immer noch gerne – aber wir haben natürlich auch unsere Ideen und am Ende ist es dann immer der berühmte Mittelweg. Und ich glaube auch es ist ein ziemlicher Vorteil, dass Ostrava ein wenig abseits liegt, dass also besonders viele Leute aus den großen Städten hierher anreisen. Das führt dazu, dass wir diesen Besuchern ein gewisses Urlaubsgefühl bieten können und im Gegenzug dafür neuen Input in der Region bekommen, den es sonst nicht gäbe.

Etwas, das uns grundsätzlich von anderen Festivals in der Tschechischen Republik unterscheidet, ist, dass wir auf unseren Plakaten nur mit internationalen Acts und Namen werben. 90% der anderen Festivals – vielleicht mit einigen Ausnahmen – buchen und promoten hauptsächlich tschechische Bands, was dazu führt, dass die Line-Ups im ganzen Land in der Regel ziemlich ähnlich aussehen. Ich sage zwar nicht, dass das per se schlecht ist, aber es ist eben eine andere Art ein Festival zu organisieren.

Ein weiterer Teil unserer Geschichte ist, dass Ostrava natürlich die Heimat vieler ehemaliger Bergleute und Stahlarbeiter war und noch immer ist. Indem wir eine Alternative zu den Genres Hard Rock oder Metal präsentieren, die für diese Leute vielleicht primär interessant sind, schaffen wir es ein breiteres Spektrum anzusprechen. So wurde Colours of Ostrava schließlich fest verankert in der Identität der Region. Unsere Zusammenarbeit mit dem Stadtrat ist weiterhin sehr eng. Wenn du die Leute heute nach Ostrava fragst, wirst du als erstes zu hören bekommen: „Colours of Ostrava! Das sagt mir was, obwohl ich noch nie dort war.“ Diese Entwicklung ist etwas wirklich Wertvolles.

Man hört ja immer öfter, dass die Lokalpolitik von Orten, an denen Festivals stattfinden, nicht allzu glücklich darüber sind, weil Festivals dazu neigen verschmutzt und laut zu sein. Außerdem kommt es gerne zu Beschwerden von Anwohner*innen. Deshalb ist es schon eine außergewöhnliche Sache für eine Stadt wie Ostrava sich so positiv an der Gestaltung dieses Festivals zu beteiligen, oder nicht? 
Bei uns liegt das vermutlich daran, dass alle Parteien sich einig sind, dass das Festival eine großartige Möglichkeit ist, die Stadt Ostrava und die Region zu fördern. Ich meine: Der Name der Stadt steht im Namen des Festivals! Vielleicht ist dir schon das Logo der Stadt Ostrava aufgefallen; es hat drei Ausrufezeichen: „Ostrava!!!“. Ostrava ist also eine sehr stolze Stadt, die sich selbst mit einer fortschrittlichen Vision identifiziert. Deshalb funktioniert die Beziehung mit dem Festival so gut. Natürlich müssen wir uns aber an Vorschriften z.B. bezüglich des nächtlichen Lärms halten, weil wir nur drei Straßenbahnhaltestellen vom Stadtzentrum entfernt sind. Um etwas zurückzugeben bieten wir umgekehrt aber auch Programme wie das „Colours Plus“ an, das entweder freien oder ermäßigten Eintritt  für Stadtbesichtigungen, Museen und vielem weiteren während des Wochenendes bietet.

Unsere Gäste können ihren Tag so mit der Erkundung eines alten Bergwerks verbringen, eine Kunstausstellung oder ein Café besuchen und am Nachmittag dann wiederkommen, um
Performances zu sehen.

Wir sind ein Teil der Landschaft hier und arbeiten eng mit jeglichen regionalen Tourismusbüros zusammen. 

Klingt als würdet ihr fast mit dem Stadtbild verschwimmen.
Ja, man könnte sagen das versuchen wir. *lacht* 
Mein Eindruck ist, dass die örtlichen Unternehmen natürlich gute Zusatzeinnahmen durch die Touristen erzielen, die das Festival anzieht. Es mag sein, dass einige Einwohner sagen, dass sie den ganzen Trubel der Festivalsaison nicht mögen, aber trotzdem wird das Charisma, das Ostrava dadurch gewinnt, wertgeschätzt. Die Werbewirkung ist riesig, aber sie lastet die Saison natürlich auch extrem aus. Die Hotels zum Beispiel sind meist völlig überfüllt.

Gibt es noch Dinge, die ihr in naher Zukunft am Festival ändern wollt – neue Wege, die beschritten werden sollen? 
Ich glaube schon. Wir wollen uns aber vor allem auf die pragmatische Seite der Dinge konzentrieren – z.B. die Unterbringung unserer Besucher. Wir bieten natürlich auch Camping an, aber die Preise für Unterkünfte in der Stadt steigen trotzdem jedes Jahr während der Woche des Festivals in die Höhe. Es ist dann manchmal wirklich teuer hier zu übernachten, wenn man sich in letzter Minute entscheidet ein Ticket zu kaufen.

Was Nachhaltigkeit angeht wollen wir den Weg des guten Willens gehen. Das bedeutet, dass wir nach und nach versuchen neue Abläufe zu integrieren; im letzten Jahr haben wir zum Beispiel zum ersten Mal Plastikstrohhalme ersetzt. Zusätzlich gibt es bei uns ein wichtiges barrierefreies Programm für Menschen mir Behinderung, die kostenlos Hilfe bereitgestellt bekommen können und so Zugang zu jedem unserer Veranstaltungsorte erhalten.
Ein weiteres Ziel ist es familienfreundlicher zu werden. Generell möchten wir in eine Richtung gehen, in der wir mittelfristig zu einem künstlerisch gestalteten Festival mit vielen Kunstinstallationen werden. Der Stadtort mit seinen natürlichen Strukturen und Gebäuden ist zwar bereits Kunst an sich, aber wir möchten das gerne mit bildender Kunst ergänzen.


Würdest du sagen ihr seit ein politisches Festival? Ihr habt ja eine gesellschaftliche Relevanz für die Region und ihre Menschen. Habt ihr auch ein spezifisch politisches Programm?
Nein. Wir versuchen unpolitisch zu sein. Mit unserem Programm unterstützen wir natürlich die gesellschaftliche Aufgeschlossenheit und die Vielfalt in Musik, Kunst, Kultur und Wissenschaft in einer Vielzahl von Themenfeldern. Da geht es auch um Respekt vor der Arbeit dieser vielen verschiedenen Gruppen. Wir versuchen eine Offenheit gegenüber Ideen aus der ganzen Welt zu praktizieren, aber offenkundig politischen Statements gehören nicht dazu. 

Kannst du mir ein bisschen mehr zu deinem Team erzählen? Wer arbeitet mit dir und wie viele Leute seid ihr?
Das ist eine komplizierte Frage. Während des Festivals arbeiten etwa 4.000 Menschen für uns, einschließlich Sicherheitskräften, Freiwilligen und so weiter. Den Großteil des Jahres besteht unser Schlüsselteam jedoch nur aus 9 Personen im Management und vielleicht 20 bis 30 Personen im breiteren Spektrum. Wir haben zwei Hauptbüros. Das wichtigste in Ostrava und noch ein weiteres in Prag. Ich zum Beispiel war von Anfang an von Prag aus tätig.

Aber ja, im Kern sind wir vielleicht 20-25 Leute im Team. Einige der Personen im weiteren Kreis sind zusätzlich freiberuflich tätig, sodass sie außerhalb der Saison andere Aufgaben wie Regie, Veranstaltungsmanagement etc. für andere Firmen übernehmen.

Mal angenommen jemand besucht Colours of Ostrava das erste mal. Was würdest du dieser Person empfehlen? Was muss man unbedingt gesehen haben?
Ich denke, als erstes sollte man einfach mal über das Festivalgelände laufen und es wirken lassen.

Irgendjemand hat mir mal gesagt, das erste Mal fühlt sich an, wie in eine unwirkliche Stadt aus einem Buch von Jules Verne einzutreten.

Man kann z.B. eine Führung durch den schwarzen Turm des Hochofens bekommen, das ist ziemlich beeindruckend.

Der zweite Eindruck, den man sich verschaffen sollte, wäre dann einfach die Performances und die Reaktionen der Masse aufzusaugen. Ich finde wir haben ein besonders zugängliches Publikum, das sich immer vollends den gerade spielenden Bands widmet. Das sagen uns viele Bands im Nachhinein dann auch selbst – vielleicht machen sie das aber auch bei jedem Festival so *lacht*
Wenn du also die Musik in vollen Zügen genießen möchtest – mit einem großartigen Sound und mit Bühnen, die mit der neuesten Technik ausgestattet sind und in einer sehr familienfreundlichen, friedlichen Umgebung, in die alle hier für ein paar Tage vollends eintauchen – dann bist du hier richtig.

Außerdem – das ist vielleicht interessant für Leute, die aus Westeuropa anreisen – sind wir definitiv ein bisschen günstiger als man das vielleicht anderswo gewohnt ist.

Bei uns gibt es ein großes Bier für 1€ oder 1,50€.

Das ist natürlich nur ein kleiner Vorteil zur westeuropäischen Festivallandschaft, aber das Feedback unseres internationalen Publikums ist fast immer, dass sie bald zurückkommen wollen. Für 2020 zum Beispiel haben wir bisher schon einige Headliner und größere Acts bestätigt, wie Twenty One Pilots, The Lumineers, Tindersticks und Sigrid. Da kommen aber noch weitere hinzu.

Gibt es etwas, dass neue Besucher*innen unbedingt über euer Festival wissen sollten?
Ich will nur sagen: Wenn du dir noch nicht ganz sicher bist, komm‘ einfach und lass dich überraschen. Die Erfahrung wird gerade in Bezug auf die Musik und die Atmosphäre des Industriegebiets unvergesslich sein. Auf der Karte sieht Ostrava meist ziemlich weit weg aus, aber von Prag sind es eigentlich nur drei Stunden mit dem Schnellzug.
Ihr werdet hier sehr herzlich willkommen geheißen und freudig erwartet!

Festivalfinder

Colours of Ostrava 2020

15. – 18. Juli – Ostrava, Tschechien


Alle Infos zum Festival


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