Magazin

Orange Blossom Special 2019

Aus Sicht des Teams [Teil 1]


Ob Essen auf Tisch oder Kabel auf Bühne: Im ersten Teil unseres Team Fototagebuchs vom Orange Blossom Special Festival nimmt Rembert [Organisator] uns überall dort mit hin, wo Sinn zu finden ist und Liebe drin steckt. Kein Blick hinter die Kulissen, sondern einer direkt ins Herz hat es auf den lichtempfindlichen Kunstoffstreifen seiner Einwegkamera geschafft. Danke Rembert, dass du uns auf deine Reise mitnimmst!

text & fotos Rembert Stiewe (OBS Team)
redaktion Florian Anhorn

lesezeit 4 Minuten

Foto 1 (Kabel auf Bühne, Tropfen)
Freitag. Evakuierung des Geländes, Sinkane müssen abbrechen. Erstmals in der Geschichte des OBS müssen wir wegen eines Unwetters Gelände und Zeltplatz komplett räumen. Als die bisher größte Krisensituation in der Geschichte des OBS über uns hereinbricht, habe ich schon ein wenig Muffe. Würden wir es schaffen, die Gäste ohne Schaden, ohne Panik in Sicherheit zu bringen? Würde das Sicherheitskonzept greifen? Würden die, in den vier Treffen des Krisenteams am Freitagabend entschiedenen Maßnahmen funktionieren? Zwar kommt es nicht zu der extremen Blitz-Katastrophe, die man auch einkalkulieren musste, aber die Entscheidung, Zeltplatz und Festivalgelände zu evakuieren, fällt mir leichter, als ich gedacht hätte. Alle zusammen funktionieren großartig: Ordnungsamt, Feuerwehr, Rotes Kreuz, Security und unsere Crew – aber vor allem auch die verständnisvollen Gäste, die nie unruhig werden. Zwar könnte vieles perfekter laufen, aber dafür, dass man einen solchen Fall zuvor nicht üben kann und nur auf Papier durchexerziert hat, dafür, dass dann vor Ort noch Änderungen der Entfluchtungsströme beschlossen werden – dafür klappt alles fantastisch. Die Besucher sind dankbar und regelrecht verdutzt, dass wir uns so um ihre Sicherheit kümmern.

Der Auftritt von Sinkane muss nach 20 Minuten abgebrochen werden.

Sie hatten mutig in den Sturm hinein gespielt, wie die Kapelle auf der Titanic, aber jetzt ist es einfach zu gefährlich geworden. Geflutete Bühne, Böen mit
100 km/h, Aufbauten fliegen durch die Luft – damit ist nicht zu spaßen.
Nachdem ich die entsprechende Bühnensage gemacht habe fällt mein Blick auf dieses eine bunte Kabel, das noch auf der überschwemmten Bühne liegt. Ich fühle mich ihm sehr nahe, wenn man so will. Durchnässt, einsam, nicht wissend, was als nächstes kommt.
Und dann geht das OBS 70 Minuten später weiter, als sei nichts gewesen.
Mit Adam Angst, großartiger Musik, viel Engagement und wie immer freudvoller Hingabe seitens des Publikums und der Crew.

Foto 2 (Zwei Kinder/TinyWolves im Backstage, schauen auf Bühne)
Samstagmittag. Kurz vor einem der ergreifenden Höhepunkte der OBS-Geschichte. Die TinyWolves sind ein 50-köpfiger Kinderchor, alle zwischen sieben und zehn Jahren alt. Mit „Free Fallin‘“ und „Denkmal“ singen sie wenige Augenblicke später 3.500 Erwachsenen Tränen der Rührung in die Augen. Kurz vor dem Auftritt riskieren zwei Chormitglieder im Backstage einen Blick auf die Bühne. Voller Erwartung und offensichtlich voller Respekt vor der Aufgabe. Zehn Minuten später ist allen Anwesenden klar, dass sich die Kinder vermutlich ihr ganzes Leben lang an diesen Tag erinnern werden. Ich heule wie ein Schlosshund.

Foto 3 (Kollege Frank macht Pause, neben einem Baum)
Frank ist vermutlich das Mitglied der OBS-Crew, das am wenigsten mit der Musik selbst zu tun hat. Kassen abrechnen, Buchhaltung, Personal-Auszahlungen, Wechselgeld – das ist sein Metier. Einer der unverzichtbaren Kräfte, die im Hintergrund arbeiten. Hier gönnt er sich eine kurze Pause. Und wirkt dabei so angenehm entspannt. Läuft.

Foto 4 (Essen auf Tisch, reserviert für die Security); Titelbild
Samstag. Die Produktionsleitung hat daran gedacht, dass auch die Spätschicht der Security noch Hunger haben würde - und entsprechende Portionen vom Büffet gerettet. Das Backstage-Catering beim OBS ist allerdings weit besser, als es hier aussieht.


Foto 5 (Handy, Packung Ernte 23, Feuerzeug)
Sonntagmorgen. Zuhause. Zigaretten und Handy tun so als wäre nichts. Trotz gesundheitsgefährdenden Schlafentzugs: es hilft ja nichts. Um 11:00 Uhr muss ich vor Ort sein. Einmal noch durchatmen und dann wieder los. Letzter Tag.

Foto 6 (Felix und Manuel, sitzend am Rand des Bühnengrabens)
Sonntagmorgen, während der Surprise Act Love A auftritt. Crewmitglied Felix hat die Nacht zuvor nicht geschlafen. Und gibt zusammen mit Manuel seit einer Stunde schon wieder Vollgas am an der Bühne fixierten Schnapsspender. Der Mensch an sich ist belastbar. Diese beiden ganz besonders.

Foto 7 (Bierflasche und Schnapsglas auf Sub-Woofer)
Sonntagabend. Was für ein OBS, mal wieder. Meine flüssigen Arbeitsmaterialien scheinen sich alleingelassen zu fühlen. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass mein Körper unsterblich ist. Nice.

Foto 8 (Leute/Crewmitglieder vor dem Stadtkrug)
Sonntagnacht/Montagmorgen. Im Stadtkrug, dem Ort der Aftershowparty, ist es  so voll, dass eine große Gruppe von OBS-Crewmitgliedern nicht mehr hineingelassen wird. Egal, warten wir eben. Irgendwann wird es klappen. Ob vor oder hinter der Tür, die Stimmung ist entspannt und ausgelassen. Die ersten Anekdoten des Wochenendes machen die Runde. Alle sind happy. Es mischen sich Stolz auf und Dankbarkeit für das Geleistete mit Wehmut, dass es jetzt schon wieder vorbei ist. Aber ein paar Stunden Tanzen, Feiern, Quatsch erzählen liegen noch vor uns. Geil.

Foto 9 (Tessas und Remberts Knöchel-Beschriftung)
Upps. Die letzte Nacht. Morgens um irgendwann, im Stadtkrug. OBS-Besucher, Musiker, OBS-Crew. Alle fliegen durchs Paradies. Jemand hat einen Edding. Bescheuerte Fake-Tattoos werden auf alle möglichen Körperstellen geschlampt. Heike und Tessa teilen sich irgendein Wort mit „S.T.A.T.I.O.N.“ auf den Fingerknöcheln. „Ey, ich brauche ein Wort mit acht Buchstaben!“ höre ich mich rufen. Und komme selbst auf „B.O.C.K.W.U.R.ST“. Scheiße, passt nicht.

SCHNAPS!

Aber Bockwurststation ist ein schöner Begriff. Irgendwie beunruhigend, dass der Rausch nicht unbedingt wahnsinniger ist als die Welt da draußen. Aber hier ist alles gut, hier lebt und brennt der Moment, ich will nicht, dass es vorbeigeht. Schnaps! Runde um Runde, wir ziehen die Dämmerung hoch. Wir sind da, wo wir hingehören – alle glückselig. Eskapismus, Hedonismus, ja, ja, klar, weiß ich. Scheißegal. In diesem Moment reichen wir uns. Scheiß auf Morgen.

Festivalfinder

Orange Blossom Special 24 (2021)

21. – 23. Mai – Beverungen


Alle Infos zum Festival


Florian Anhorn

Hallo ich bin Florian und Höme hat mein Herz gestohlen. Auf dem Immergut ist es passiert: Ich wurde über Nacht aus meinem Festivalwohnzimmer weggecastet. Tja guck – jetzt bin ich hier. Höme hat mir gezeigt wie viel mir die Festivalkultur bedeutet – nämlich echt viel. Irgendwie hab ich begriffen, dass Festivals noch mehr können als Musik und betrunken sein, das war eine der besten Einsichten der letzten Jahre. Danke dafür! Bei Höme mach ich meistens Fotos, schraube an merkwürdigen anderen Ecken rum oder Illustriere. Wenn ich grade nicht Hömie bin, dann bin ich Fotograf, Gestalter oder schraube auch anderswo an merkwürdigen Ecken rum.