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Angenehm unangenehm

Geschichten vom Freundetreffen Festival


 
 

interview Sonja Winkler 
redaktion Isabel Roudsarabi
fotos Jonas Wrensch, Fabian Fiechter,  Isabel Winarsch, Gustav Lorenz

Klein, sympathisch, familiär und mit viel Liebe gemacht – das Freundetreffen Festival in der Nähe von Berlin war bei seinen Anfängen genau das: ein Treffen mit Freunden. Mittlerweile ist es eine öffentliche Veranstaltung, überzeugt mit einem Indie-reichen aber dennoch vielfältigem Line-Up, Kunst und einer besonderen Location im Rüdersdorfer Museumspark.

 

Nach wie vor mit sehr viele Liebe für die Sache erzählen uns Chrischi, Dennis und Jan aus dem Team von ihren aufregendsten und emotionalsten Momenten aus fünf Jahren Festivalgeschichte.

Christian „Chrischi“ Lehmann
dabei seit dem ersten Tag/ 
Gründer & Booker/Festivalmanagement

Angenehm
Ich bin Tontechniker und das ganze Jahr über mit verschiedenen Bands unterwegs. Da freut es mich natürlich, wenn einer dieser Künstler Interesse an unserem kleinen und bisher unscheinbaren Festival zeigt. So kam es, dass ein Künstler mich letztes Jahr an jenem Festivalsamstag anrief. Wir hatten wunderschönstes Festivalwetter. Er würde gern einen Ausflug mit seiner Tochter machen, ob das okay wäre und wie die Verpflegung bei uns so sei, ob er was mitbringen könne, und so weiter. Er verbrachte den Tag also auf unserem Festival, schickte mir anschließend noch ein Foto, das zeigte, wie er und seine 6-Jährige Tochter mit der Tram wieder in die Stadt fuhren – untertitelt mit: „Das war ein schöner Tag. Danke.“ Damit wäre für mich die Geschichte beendet und ich wäre glücklich.

Doch er ist Punk. Ich erinnere mich an all die durchfeierten Nächte im Nightliner, an politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen bis auf’s Messer oder wenigstens den letzten Whiskey oder Wodka. Ich kann seine politische Ideen und seine Argumente nachvollziehen – auch wenn ich manches anders sehe. Ich liebe seinen Blick auf die Welt. Ich erinnere mich zu gern an seine Jeans-Weste (auf die ich ein bisschen neidisch bin) und an all’ die Momente gemeinsamen Durchdrehens und Lachens und jeglicher verbalen Kontakt-Improvisation, wenn er tagsüber nüchtern sagte: „Hallo! Herr Lehmann! Da sind Sie ja…!“ Bis wir abends mit einem Bier in der Hand wieder unsere Vornamen wussten.

Im vergangenen Herbst war ich dann auf einem ausverkauften Konzert von ihm im SO36. Inzwischen mit seiner tierischen, mehrköpfigen HipHop – Formation, auf den großen Festivals der Republik unterwegs, startete er sein „gefährliches“ Solo – Projekt. Ich war stark beeindruckt von seinem Auftritt. Nach dem Konzert wollte ich mich noch verabschieden und ging mit meiner Freundin zu den Künstlergarderoben. Kaum sah er mich, sprang er auf, stürzte über die Sofas zu mir und meinte: „Chrischi, nächstes Jahr möchte ich auf deinem Festival spielen! Kriegen wir das hin?“ Ich war total perplex! Ein größeres Kompliment für unser Festival hätte ich mir nicht vorstellen können! 

Andere gaben ihre Schuhe wie bei einer Bowling-Bahn am Tresen ab und führten den Regentanz auf, denn unser DJ war gut geschützt im Trockenen und ließ sich einfach nicht beirren.

Unangenehm
Unangenehm? Ach ja, der Wolkenbruch 2017! Ja, das war gelinde gesagt unangenehm, wohl eher aber richtig Kacke! Das FREUNDETREFFEN Festival lief schon seit ein paar Stunden, die Leute feierten, ein paar typische Logistikschwierigkeiten hielten das Orga-Team in Schwung – alles verlief also in bekannten Bahnen. Auch als wir den vorausgesagten Regen am frühen Abend kommen sahen, blieben wir ruhig, denn auch das kennt wohl jeder Veranstalter. Dann drehte sich die Situation sehr schnell, denn dieser rot-violett-schimmernde kleine Mini-Punkt auf der Wetter-App, welcher von Berlin auf uns zukam, sollte genau über unsere Köpfe hinwegziehen. Und zwar genau jetzt!
Die Gäste retteten sich so gut es ging unter das vielleicht zwei Meter tiefe Vordach am sechs Meter langen Tresen. Also Husche abwarten, Bier trinken und Pause machen. Nur gab es dieses gewisse Problem: Unser Festival befindet sich neben einem Kalksteinabbau-Gebiet. Der Boden ist von Kalk verdichtet, darum sickert das viel zu schnell herabstürzende Regenwasser schlecht bis gar nicht ab. Und so stand innerhalb weniger Minuten die gesamte Wiese unter Wasser. Auch das Dach der Bar selbst hielt diesem Sturzregen nicht stand – genau im Tresenbereich hinter der Bar tropfte das Wasser in Strömen. Ohne nasse Füße kamen hier weder Gäste noch Bar-Personal davon. Der Tresen wurde nach und nach vereinnahmt, damit noch mehr Leute unter dem Dach Platz finden konnten, einige holten Biertische und packten diese auf den Boden, um Stege zur nächstgelegenen „Insel“ zu bauen oder flüchteten sich direkt auf die Tische, um trockene Füße zu behalten. Das Personal holte Spaten und Spitzhacke, damit ein kleiner Graben zum Abfließen des Wassers im Platzregen gebaut werden konnte. Wieder Andere gaben ihre Schuhe wie bei einer Bowling-Bahn am Tresen ab und führten den Regentanz auf, denn unser DJ war gut geschützt im Trockenen und ließ sich einfach nicht beirren – man könnte meinen, er hat von dem Wetterumschwung nichts mitgekriegt. Nach und nach begannen wir alle gemeinsam zu tanzen. Eine halbe Stunde später war der Spuk vorbei und das Festival nahm wieder seinen Lauf. Das waren unangenehme Momente für mich, aber wundervolle und lustige Bilder blieben in Erinnerung.

Dennis  „Brosche“ Münchow
dabei seit dem ersten Tag/ 
Gründer & Gastro/ Festivalmanagement

Angenehm
Meinen schönsten Moment hatte ich beim fünften FREUNDETREFFEN Festival. Es war Freitag Nachmittag, halb vier. Wir waren in den letzten Zügen, vor der Türöffnung um 16 Uhr. Ich hatte vorne an das Eingangstor meine Telefonnummer geschrieben, falls ein paar Gäste früher kommen sollten. So hätten sie uns anrufen können, damit wir das Tor öffnen können. Um Punkt 15:30 klingelte mein Telefon und die ersten Gäste standen tatsächlich vor dem Tor. Ich fuhr mit dem Fahrrad nach vorn (der Weg zum Tor ist ein Stück) und sehe schon von weitem den kleinen Bulli vor dem Tor stehen. Es waren nicht etwa Gäste aus Berlin oder dem Umland. Nein, es waren junge Leute aus Regensburg in Bayern, die zufällig von unserem kleinen Festival erfahren haben. Sie kamen den weiten Weg extra zu uns! Ich sah die „Bullis“ das ganze Wochenende immer wieder und sie lächelten die ganze Zeit und bedankten sich jedes mal für dieses schöne, familiäre Fest. Sie hätten nicht geglaubt, dass es so etwas in der heutigen Festivallandschaft noch gibt. Nach dem Festival schrieben sie uns auch nochmal eine lange Mail, um sich abermals für alles zu bedanken. 

Ich denke sie werden auch dieses Jahr wieder mit ihrem Bulli zu uns kommen.

Unangenehm
Ein sehr guter Freund (der uns ganz am Anfang auch seinen Bauernhof für das Festival zur Verfügung stellen wollte) kam in der Woche vor dem dritten FREUNDETREFFEN um uns zu helfen, wohlwissend, dass er aus persönlichen Gründen gar nicht am Festival selbst teilnehmen konnte. Jedenfalls war er mit ein paar anderen Helfern daran, eine Sitzlandschaft zu bauen, wobei er sich fürchterlich in den linken Arm schnitt. Ich hörte ihn nur hinter mir: „Mist ich hab mich geschnitten…!“ Ich dachte okay, ich geh gleich mal schauen. Ich rechnete mit einem kleinen Schnitt in den Finger. Als ich Ihn dann sah, wusste ich, jetzt wird’s sehr ernst. Er hatte sich wirklich schwer verletzt. 

Alle Leute waren sofort parat und jeder wusste was zu tun ist. Wir banden ihm den Arm ab, jemand rief den Notarzt, andere kümmerten sich, damit der sich hinlegen konnte, wieder andere redeten mit ihm und sprachen ihm Mut zu denn seine wirklich große Angst spürten wir alle. Es verging gefühlt eine Ewigkeit, bis der Notarzt da war. Aber als dieser dann eintraf und „übernahm“, und uns versicherte, dass alles gut wird, waren alle immer noch unter Schock, aber sehr erleichtert. Am Ende blieben bis auf eine Narbe keine weiteren Folgeschäden, was ein riesieges Glück war. Angenehm war das ganz sicher nicht und es darf sehr gern ein Einzelfall bleiben.

Jan
dabei seit dem ersten Tag
/ Video-Professor

Angenehm
Beim ersten FREUNDETREFFEN Festival habe mich auf Anhieb in die Location verliebt. Um dahin zu gelangen, muss man erstmal durch ein unscheinbares Haupttor und dann gute zehn Minuten zu Fuß eine langgezogene Kopfsteinpflaster-Straße entlang – links und rechts an Wildbewuchs von Bäumen und Sträuchern vorbei. Dann plötzlich völlig unerwartet eröffnet sich ein imposanter Blick auf die riesige Schachtofenbatterie mit ihren meterhohen Türmen, die wie Stalagmiten aus dem Gebäude herausragen. Kaum zu glauben, dass hier mal einst richtiger Kalk gebrannt wurde. Ab diesem Moment entstand für mich der naive Traum einen oder mehrere dieser sagenhaften Türme mit eigenen Visuals zu bespielen.

Und es scheint, dass mein Traum dieses Jahr endlich real wird.

Unangenehm
Ein Jahr später haben wir wenige Tage vor dem Festival den ersten Test, die Türme mit Visuals zu bespielen, gemacht. Es hat funktioniert und sah einfach großartig aus! Nur leider hatte ich überhaupt nicht daran gedacht, dass die Bühne zum Festival auch beleuchtet sein wird und beim Festival war dadurch auf dem Turm leider nichts mehr zu sehen. Seit nun drei Jahren habe ich durch einen glücklichen Zufall einen doppelt so starken Beamer (8000 ANSI Lumen). Daniel und Ben sind dazu gekommen und durch ihre technische Unterstützung konnten wir das erste Mal auch den Bühnenhintergrund visuell gestalten. Aber der Traum den Turm zu bespielen ist leider dennoch wieder an der überwältigenden Bühnenbeleuchtung zerplatzt. Jetzt wächst das Festival, Jahr für Jahr kommen neue Floors hinzu und damit auch neue Herausforderungen und Aufgaben für mich. Und es scheint, dass mein Traum dieses Jahr endlich real wird. Mit der Unterstützung von Freunden und Bekannten, wollen wir es jetzt endlich wagen die Türme visuell zu gestalten! Meine Vorfreude ist riesengroß!

Festivalfinder

FREUNDETREFFEN Festival 2019

26. – 28. Juli – Rüdersdorf bei Berlin


Alle Infos zum Festival

Bereits bestätigte Acts für 2019:

ÄTNA / ARNE SCHATTENBERG (3000GRAD) / BELLCHILD BOMBAY TRAFFIC (NO BRAINER / KITTBALL) / CALEESI / DŌMU / ELEPHANTS ON TAPE / ELLIVER (BACHSTELZEN / QUALITY TIME) / FLORI DELLA MOTIONI / GREAT OCEAN DRIVE / GREEN LAKE PROJECT / HAND / HERRHAUSEN & TREINDL / JAN HERTZ JULIET (FREUNDE SUPPORT BY LUCA) / KLICK / KOSCHKA / KRINK / LASSMALAURA / LEVIN GOES LIGHTLY / MATTHIAS SCHUELL / ME AND MY TWO HORSES / PRISMODE / PRADA MEINHOFF / SASCHA AVIAR (TELEKOLLEGEN) / SULTANS COURT / SUSAN VEGAS / TREIBGUT

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