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Angenehm unangenehm:

Geschichten vom Acoustic Lakeside


 
 

redaktion Tina Huynh-Le
fotos Michael Hametner

Neun Kilometer Luftlinie zur slowenischen Grenze, direkt an einem kleinen See und umgeben von nichts als Natur und kleinen Dörfern, findet seit 2006 das österreichische Acoustic Lakeside statt. Akustisch interpretierte Sets von allerlei Lieblingskünstlern, Eier und Jazz zum Frühstück und generell viel Liebe zum Detail, ergeben hier ein Festival mit Seltenheitswert, Charme und Charakter.

 

Aber: Charme hin oder her – wie auf jedem Festival gibt es auch hier große und kleine Sorgen und Momente für das Orga-Team. Wir haben mal reingehört und wollten wissen, wo der Schuh drückt und wann das Herz lacht.

Raphael Pleschounig / dabei seit 2006 / Gründer & Festivalleiter

Angenehm
Das Acoustic Lakeside ist für mich persönlich seit Anbeginn eine einzige Gänsehautmanufaktur. Der erste unvergessliche Moment, an den ich mich erinnern kann, war, als 2007 bei der 2. Auflage unseres Wohnzimmerfestivals der damalige Hauptact auf die Bühne ging und nicht mehr runter wollte. Fuzzman & The Crazy Horse spielten über eine Stunde lang Zugaben, verließen die Bühne sechs Mal und kamen fünf Mal wieder zurück. Ich stand in der ersten Reihe und blickte emotional völlig überfordert um mich. Die unzähligen lachenden und glückseligen Gesichter zu erblicken, macht dir klar, dass diese Menschen gerade die größten Momente des Jahres erleben. Unbezahlbar!

Unangenehm
Wahrlich unangenehm war die Entscheidung im Jahre 2009, den Auftritt von Art Brut wegen eines heftigen Sommergewitters abbrechen zu müssen. Unaussprechliche aber durchaus mögliche Horrorszenarien spielen sich da in den Köpfen des Veranstaltungsteams ab. Am Ende haben sich unsere Sorgen zum Glück immer in Wohlwollen aufgelöst. Im Jahr 2009 endete die Geschichte sogar mit einem der größten Acoustic Lakeside Momente überhaupt. Art Brut setzten ihren Gig nach dem Abbruch nämlich auf der überdachten Bar rein akustisch vor ca. 150 Festivalgästen, die nicht die Flucht vor dem Sommergewitter ergriffen, fort. Ebenso unbezahlbar!

Andrina Dolinšek / dabei seit 2008 / Leitung Künstlerische Produktion und Booking

Angenehm:
Seit ein paar Jahren beantworte ich alle möglichen Anfragen, die so bei uns eintrudeln. So auch dieses Jahr im Sommer. Einer unserer Besucher hat zwei Tickets mit der Post verschickt und alle möglichen Vorkehrungen getroffen: Einschreiben, gut zwei Wochen vor dem Festival verschicken, usw. Aber wie es das Schicksal so wollte, war alles umsonst. Nun brach bei ihm die Panik aus und er hat uns kontaktiert. Letzten Endes konnten wir die Sache mit etwas Vorschussvertrauen lösen und damit war die Sache für mich abgehakt. Als ich jedoch am Anreisetag des Festivals gerade mit unseren Technikern Backstage saß, um die Rider für die nächsten beiden Tage durchzusprechen, kam einer unserer Vereinsspatzen mit einem Mann zu uns. Wie sich herausstellte, war es der Besucher mit dem ich geschrieben hatte und er wollte sich einfach nur dafür bedanken, wie wir die Sache geregelt haben. Obwohl es nicht nötig war und völlig unerwartet kam, lässt einen so ein kleiner Moment schon hochleben und wissen, dass auch die kleinste Arbeit, die man im Zuge der Festivalorganisation macht, nicht umsonst ist.

Unangenehm:
2017 hatten wir mit 35 Künstlern an drei Tagen das stärkste Bandprogramm unserer bisher zwölfjährigen Geschichte. Die Logistik abzuklären, wann wer wo sein muss, damit ja alles reibungslos abläuft und alle rechtzeitig auf der Bühne stehen, ist also ein kleiner Kraftakt. Wenn man dann wie in unserem Fall jahreszeitenbedingt auch noch in die Urlaubszeit fällt, sind kleine verkehrstechnische Katastrophen vorprogrammiert. FIL BO RIVA waren gerade von München auf dem Weg zu uns in den Süden Kärntens und sind in einen massiven Stau geraten, der sich einfach nicht bewegen wollte. Krisensitzungen am Telefon. Pläne schmieden, was wir machen könnten, wenn sie es nicht rechtzeitig schaffen. Mit anderen Acts abklären, ob sie ihren Slot tauschen würden, wenn es hart auf hart käme. Minutengenaues Abwägen. Am Ende kamen FIL BO RIVA genau 15 Minuten vor der geplanten Stage Time mit ihrem Tourbus bei uns am Gelände an. Binnen kürzester Zeit wurde aufgebaut sowie durchgecheckt und die Band stand nur mit einer fünfminütigen Verspätung vor dem jubelnden Publikum. Purer Rock’n’Roll, der auch den Stress davor wieder vergessen ließ.

Julia Wachter / dabei seit 2008 / Behördenorganisation, Mädchen für alles,, Areal – Safety – Security

Angenehm
Im Gespräch mit Familie und Freunden kommt immer wieder die eine Frage auf: Warum investiert ihr das ganze Jahr über hunderte Stunden harter Arbeit, Schweiß und Tränen in die Organisation eines Festivals, für das ihr schlussendlich nicht einen einzigen Cent als Entlohnung seht?

Am diesjährigen Acoustic hat sich das für viele geändert. Völlig unabhängig voneinander haben uns heuer Eltern und Geschwister von unglaublich vielen Vereinsmitgliedern während des Festivals besucht, um sich anzusehen, was wir eigentlich am Sonnegger See so treiben. Jeder hat seinen Angehörigen eine kleine Führung über das Gelände und durch den Backstagebereich gegeben und durfte miterleben, wie deren Augen zu leuchten begannen, als sie den doch recht professionellen Aufbau („Nein Mama, wir sind kein Dorfzeltfest“.), und vor allem die glücklichen Besucher des Festivals sahen.

Dasselbe Leuchten findet man im Übrigen auch jedes Jahr in unseren Augen, wenn wir die Freude in den Gesichtern unserer Besucher sehen. Was gäbe es für einen besseren Lohn für die harte Arbeit?

Unangenehm
Der Passierschein A38 – eine kleine Anekdote aus der Behördenreise. Als Zuständige für sämtliche Angelegenheiten im Bereich der Behörden wird man bekanntlich recht schnell zum gebrannten Kind, wenn es darum geht, Genehmigungen und Informationen aus der öffentlichen Hand zu erhalten.

Für unser beliebtes Ham and Jazz wird ein Gasgriller verwendet (für die, die es noch nicht kennen, unsere Landjugend zaubert zum Frühstück am Campingplatz Ham and Eggs mit gemütlicher musikalischer Untermalung).

Im Rahmen des Sicherheitskonzeptes wollten wir lediglich erfahren, welche Vorgaben und Genehmigungen für die Verwendung eines solchen im freien Gelände einzuhalten sind. Gefühlte 53 Telefonate mit der Feuerwehr, der Gemeinde, der Bezirkshauptmannschaft, wieder der Gemeinde, einer anderen Feuerwehr, wieder der Bezirkshauptmannschaft, der Landesregierung, dem Gaslieferanten, einem Koch und einer weiteren Feuerwehr später sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es uns keiner sagen kann und haben uns einfach selbst die höchstmöglichen Sicherheitsvorgaben gesetzt.

Nichtsdestotrotz ein Shout-out und großes Dankeschön an die Behörden und vor allem die Einsatzorganisationen! Ohne euch würde es dieses Spektakel nicht geben!

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