Magazin

Drei Tage orchestrierter Schwitzkollaps

Analoge Erinnerungen vom Appletree Garden Festival 2018


 
 

text & fotos Robin Hartmann
redaktion Tina Hyunh-Le

Lesedauer 7 Minuten

Weniger als ein Monat noch zur diesjährigen Sause im Diepholzer Apfelbaumgarten – höchste Zeit also, das vergangene Jahr auf diesem Herzensfestival gebührend Revue passieren zu lassen.

 

Dabei hatte das erste Augustwochenende 2018 so einiges zu bieten: 35° im Schatten, Zeugen Jehovas, die sich trotz dessen unbeeindruckt auf Bekehrungsjagt begeben, ein analoges Wellenbad, mobile Traktorduschen, Unruhe im Headliner-Slot, eine auffällig liberale Getränke- und Einlasspolitik und ein diverses und dankbares, weil ebenso wasser- wie musikdurstiges Publikum.

Beim erstmaligen Betreten des Appletree-Campingplatzes ergeben sich zunächst vor allem folgende, stechende Fragen: Werde ich heute Abend von der Anwohner*innenterasse mit einer Zwille beschossen, wenn ich beim Flanken zu laut rülpse? Und warum laufen hier alle mit Wein- oder Mateflaschen herum?

Zugegeben – das sind nachträglich manufaktierte Fragestellungen, aber sie fassen den Reflektionsprozess eines Appletreebesuchs dennoch treffend zusammen. Das Festivalgelände am Rande der westfälischen Kleinstadt Diepholz liegt nämlich mitten zwischen lichtem Waldrand und einer Reihe moderner vorstädtischer Einfamilienhäuser. Man zeltet so quasi im fußballfeldgroßen und (an diesem Wochenende problematischerweise) schattenlosen Garten eines etwa halben Dutzend Mittelstandsfamilien. Auf ihren Grundstücken, die direkt an die Umzäunung des Campingplatzes grenzen, sieht man sie jedoch nicht: Sie besitzen als Anwohner*innen vergünstigten Zutritt zum Gelände, mischen sich fleißig unter das Volk und tragen so zu der von der ersten Minute an spürbar entspannten Stimmung einer vielfältigen Besucher*innenschaft bei. Auffällig ist auch, dass das restliche Campingvolk hier bei mitgebrachten Getränken fast gleichermaßen auf Glas- wie auf Plastikbehältnisse zu setzen scheint. Ein Fakt, der vielleicht banal scheint, auf den es sich aber lohnt, später noch einmal zurückzukommen.


Grundsätzlich jedoch fällt der Apfel im wahrsten und doppelten Sinne nicht weit vom Stamm. Das Appletree hat sich, so scheint es, durch konstante Jahre mit Feingefühl in Booking, Organisation und Zusammenarbeit mit der Gemeinde Diepholz eine treue Besucher*innenbasis erarbeitet. Das Festival ist nicht nur jährlich schon Monate im Voraus und noch weit bevor alle Acts feststehen restlos ausverkauft – auch dieses Jahr hieß es bereits im März wieder: „sold out!“ – es hat sich so auch ein Stammpublikum geschaffen, das das Gefühl des Hierseins einem jeden Neuling sofort zu übermitteln vermag.

Heißt: An diesem Augustwochenende wird alles losgelassen. Und das, obwohl es auch oder gerade 2018 ein paar kurzfristige Hürden zu nehmen gab: Die Sonne sengte in einer der wohl heißesten Wochen des Jahres ohne Gnade mit 35°C, es mussten verschärfte Brandschutzmaßnahmen getroffen werden und die Schlangen vor den Wasserspendern waren entsprechend lang – und dann wäre da noch die kurzfristige Absage von Freitagsheadliner Glass Animals. Deren Schlagzeuger Joe Seaward hatte sich nur wenige Wochen vor Festivalstart bei einem Fahrradunfall in Dublin schwer verletzt. Aus gegebener Kurzfristigkeit wäre es hier sicher für jede*n Besucher*in verständlich gewesen, Glass Animals einfach durch einen quatschlabernden Zweitauftritt von Olli Schulz zu ersetzen; schließlich kam es aber doch – und wohl zum Glück – ganz anders.
Das Booking-Team um David Binnewies holte zu allerseitiger Überraschung kurzerhand niemand geringeren als unser aller Hamburger Lieblings-Exilrapper Dendemann ins Boot. Und das quasi aus dem Ruhestand. Denn obwohl Digge Dende mittlerweile (Stand 2019) wieder mit seinem neuen Album tourt, kam der exklusive Appletree-Auftritt für alle Parteien so überraschend wie unvorbereitet und war damit ohne Frage eine DER Festivalstories des letzten Jahres. Der großartig lockere und größtenteils semi-improvisierte Auftritt nur mit MC lies aus einem kleinen Desaster kurzerhand ein kleines Stück Diepholzer Festivalgeschichte erwachsen.

Als solcher sollte der anderthalbstündige Moment an diesem Wochenende allerdings nicht alleinstehen. Es folgen kleinen Geschichten und Anekdoten, die sich in diesen drei schweißtreibenden Tagen zuhauf präsentieren:

Da wäre zum einen der rote Acker, der gegenüber von Wohnsiedlung und Festivalgelände als Park and Ride, WoMo-Campingplatz und vor allem allgemeiner Parkplatz fungierte.

Wir reisen am frühen Donnerstagvormittag mit einem weißen VW an und kehren am Sonntagmittag mit einem braunroten Automarkenichtmehrerkenntlich zurück.

 Die Luft war dieser Tage tatsächlich so staubtrocken, dass der erste Schritt aus dem Fahrzeug bereits jegliche mitgebrachte Kleidung ruinierte. Man entschloss sich also trotzig, für den Rest des Wochenendes ein weißes Stoffhemd mit aufgedruckten Delphinen zu tragen. Auch dieses sah am Sonntag eher so aus, als hätten die Meerestiere unwillentlich an der Roten Hochzeit teilgenommen. Immerhin fiel der Raviolifleck auf Höhe des zweiten Knopfes kaum noch auf.

Außerhalb des Treibens auf dem Gelände und Campingplatz trat in den Folgemittagen, also besonders zwischen morgendlichem Tanzyoga im Spiegelzelt und nachmittäglichem musikalischen Auftakttanz mit Altin Gün, das sich in Laufdistanz befindliche Freibad in Diepholz in den Vordergrund. Für nur 1€ Sondereintritt durfte man hier als Appletreeler*in mit etwa 500 anderen Gästen um ein Stück Schatten kämpfen oder eben gleich ins bitter nötige, kühle Chlorwasser springen. Unter anderem ließ sich das Bad statt per Fuß mit einer etwa halbstündig zwischen Gelände und Becken rotierenden, motorisierten Bimmelbahn erreichen. Die war jedoch wie das Freibad restlos überfüllt und ohnehin erlebte man mit dem Fußvolk die sehr viel erheiternden Dinge. Teile der Freibadkaravane etwa nahmen den Weg durch einen angrenzenden Park, um sich im üppigen Schatten oder dem anliegenden Bach abzukühlen.
Genau dorthin hatte es zur gleichen Zeit allerdings auch eine Gruppe Zeugen Jehovas verschlagen, die wohlgemerkt in langärmligen Anzügen ihre Broschüren als Fächer nutzen und so das wohl absurdeste und kontrastreichste Bild zur fast einschlägig 20 – 30-jährigen, luftig bis wenig bekleideten Wanderschaft bildete. Man musste sie gleichzeitig bewundern und bedauern. Schön war allerdings, dass sich einfach höflich aus dem Weg gegangen wurde. Diese beiden Welten waren wohl nicht zu vereinen – ein Schmunzeln blieb dennoch. Im Freibad wiederum schlossen sich im Nichtschwimmerbecken zur gleichen Zeit kurzerhand ein gutes Dutzend bestens gelaunter Besucher*innen Arm in Arm zusammen. Sie hüpften sich am Beckenrand festhaltend unter großem Jubel der anwesenden Badegäste koordiniert auf und ab; dahinter entstand so für wenige Minuten ein analoges Wellenbad. Ein kleines Stück Hippieidylle inmitten niedersächsischer Dorfkultur.


Wieder auf dem Gelände angekommen, rissen die Abkühlungen nicht ab. Die Festivalorganisator*innen hatten mithilfe der örtlich ansässigen Bauern und Bäuerinnen einen Traktor zu einer mobilen Dusche umfunktioniert. Der Stapler fuhr täglich in der Mittagssonne einen randvollen Riesenkanister Wasser durch das Zeltplatzlabyrinth – so wurde ein eiskalter Strahl aus dem Gartenschlauch auf jede Campinggruppe gefeuert, die schon zu dehydriert war, schnell genug „Bitte nicht!“ zu rufen. Der Kniff kam allgemein so gut an, dass sich sogleich eine der Gruppen entschloss, dem Traktor samt Ghettoblaster Gefolgschaft zu leisten.

Auch unsere Nachbar*innen entdeckten ab dem ersten Tag ihre Liebe für Dauerbeschallung und ließen fortan täglich ab frühmorgens um 6 Uhr eine bassgepimpte 10-Stunden-Version von „Kenning West Alter“ über die nahliegende Zeltstadt schallen.

Kurzes Fazit: Am ersten Tag noch witzig, am dritten dann schon längst ins Mittelohr gebrandmarkt. Moin moin, Alter. Nachts stritt sich die nordfriesische Musikkulisse um die Vorherrschaft mit einem konkurrierenden Partyzelt am Wegesrand, in dem sich K.I.Z. und Rick Astley die Klinke in die Hand gaben. Es war also für alle etwas dabei, nur für den Schlaf eben nicht. Aber das funktionierte bei nächtlichen 22°C sowieso nicht allzu gut.

So stimmig eingespielt also das Drumherum, so routiniert auch das eigentliche Programm auf dem Gelände. Zwischen Festival-Evergreens wie Von Wegen Lisbeth, Olli Schulz oder Whomadewho mischten sich wohldosiert unbekanntere Newcomeracts, die durchaus regelmäßig die Show stahlen und vom Publikum entsprechend honoriert wurden. Parcels etwa – wenn auch nicht ganz unbekannt – wurden mit einem absurden Circle Pit verabschiedet, IDER coverten ganz a-capella und unter Begleitung der Menge „Roses“ von Outcast und HER schüttelten mit einer fabelhaft energetischen 1-Uhr Nacht-Show jeden Gedanken ans frühe Schlafen gehen sofort aus den Knochen. Um diese Uhrzeit verwandelte sich das Waldstück dann in eine kleine, leuchtende Oase – dazu trugen auch die vielen selbstgebastelten Regenschirme und Kunstwerke des Publikums bei, die mit Leuchtelementen oder Lichterketten ausgestattet zum Beat durch die Nacht getragen wurden. Sowas sieht man sonst in dieser Masse und Vielfalt eigentlich nur auf der Fusion.

Auch hier spielte sicherlich das Vertrauen der Securities und Veranstalter*innen gegenüber ihrem Zielgruppenpublikum eine wichtige Rolle.

Wo sonst am Geländeeingang Schilder, Flaschen oder andere grundsätzlich harmlose Gegenstände lieber einbehalten werden, ging das Appletree das Risiko einer liberaleren Einlasspolitik ein und wurde dafür atmosphärisch belohnt.

Auch Glasflaschen wurden auf dem Gelände verkauft und auf dem Campingplatz geduldet. Ungeachtet der Verletzungsrisiken trug das aber vor allem zu einer Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung zwischen Festival und Besucher*innen bei und war deshalb als Konzeptidee für kleinere Festivals mit überschaubarem Kontrollaufwand absolut hervorzuheben.   

Als Erlebnis endete das erste Mal unter den Apfelbäumen dann genau so, wie es auch begann. Unsere Nachbar*innen hatten sich entschieden, am Sonntagmorgen zum Abschied nochmal die volle Dröhnung Ballermann aufzulegen. Man unterdrückte kurzfristig den Impuls, sich das Restgaffer um den Kopf und über die Ohren zu kleben – rein aus Gründen der mittelfristigen Haarhygiene. Mit dem Abstand von nun neun Monaten seien diese musikalischen Verfehlungen mancher Campinggäste nicht nur verziehen, es kribbelt da sogar doch schon fast wieder hinter den Lauschern. Nennen wir es also vielsagend, dass Kenning West und der Wettergott an diesem Wochenende die einzigen blieben, die nachträglich um Verzeihung bitten müssten. 

Chapeau, mon pommier.

Bisheriges Line-Up 2019:

ALLI NEUMANN • AMELI PAUL • ANNA LEONE • BALTHAZAR • BARNS COURTNEY • BLOND • BONAPARTE • CHILDREN • FACES ON TV • FIL BO RIVA • GOLDEN DAWN ARKESTRA • GIANT ROOKS • IBEYI • INTERNATIONAL MUSIC • IORIE (Dj) • JAN OBERLÄNDER (Dj) • JOAN AS POLICE WOMAN • JUNGSTÖTTER • KÄPTN PENG & DIE TENTAKEL VON DELPHI • KATE TEMPEST • KERALA DUST • KID SIMIUS • KLAUS JOHANN GROBE • LISA MORGENSTERN • MEUTE • MY BABY • NEUFUNDLAND • O/Y (Dj) • PAUL BOKOWSKI (Lesung) • PIP BLOM • ROBERTO BIANCO & DIE ABBRUNZATI BOYS • SAY YES DOG • SHKOON • STEFANIE SARGNAGEL (Lesung) • TAMINO • TEMPESST • TSHEGUE • WHITNEY • YĪN YĪN

Festivalfinder

Appletree Garden 2019

1. – 3. August – Diepholz


Alle Infos zum Festival

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