Header-Foto: Jan Czonstke
Fotos: Thomas Krey (Kreyativ-Media), AirPixOne, Drohnenstar
Text: Johannes Jacobi

Auf einem Festival zu arbeiten ist aufregend. Hinter die Kulissen schauen, Bands mal hautnah erleben, fette Aftershowpartys feiern, stundenlang auf einem staubigen Acker mit übermütigen AutofahrerInnen diskutieren. Wie bitte?

Auf Großfestivals arbeiten mehrere tausend Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen. Die meisten dieser Bereiche sind gar nicht mal so romantisch wie sich „Auf einem Festival arbeiten“ im ersten Moment anhören mag und über die meisten dieser Bereiche haben sich wohl die wenigsten von uns schon mal Gedanken gemacht.

Mit dieser Serie werden wir verschiedene Festival-Jobs näher beleuchten. Teils als Schatten mit Kamera, manchmal aber auch aktiv und selber mit anpackend. Wie zum Beispiel diesen Sommer, als uns die Firma EMS einen umfassenden Einblick in das Geschehen der Verkehrsleitung ermöglichte.

Festivals mit mehreren zehntausend BesuchernInnen finden – abgesehen von Städte-Festivals ohne Camping – meist in ländlicheren Gegenden statt. Wo auch sonst gibt es ausreichend Platz für riesige Campingflächen oder Parkplätze für tausende von Autos.
Das große Problem an ländlichen Gegenden allerdings ist, dass vorhandene Verkehrswege und Leitsysteme selten für solch eine Masse an Fahrzeugen ausgelegt sind. Ohne ordentliches Verkehrskonzept und vor allem ohne motivierte MitarbeiterInnen, ist die Kapazitätsgrenze schnell erreicht. Genau das führt dann auch mal zum Mega-Stau auf der eigentlich 10 km entfernten Autobahn.

Was steckt also dahinter und wieso müssen wir uns in Zeiten von Luftbild-Auswertung immer noch auf chaotische, sehr langatmige Anreiseszenarien einstellen? Eigentlich wollen wir doch nur schnell Zelt aufbauen und das erste Bier öffnen…

Quelle: Deichbrand Festival 2016

Beschildern und Abflattern

Wo zur Hölle ist eigentlich P-West?

Das Verkehrskonzept steht, der Geländeplan ist fertig und zumindest in der Theorie wurde aus schönstem Ackerland eine Kleinstadt gezimmert. Jetzt nur noch schnell die Beschilderung anbringen. Mit dem Auto, dem Motorroller, ganz königlich mit einem Gator oder im schlimmsten Fall mit dem Fahrrad – was auf dem Geländeplan so top aussah, erweist sich anfänglich oft als Irrgarten. Die eingezeichnete Straße ist in Wirklichkeit ein Schotterweg durchs Maisfeld und wie verdammt noch einmal lotsen wir diejenigen, die fälschlicherweise am P-West aufschlagen zurück zum P-Ost? Eine Fläche dieser Größe ordentlich zu beschildern, zu verhindern, dass Familie Maier mit dem Wohnmobil nicht direkt an der Backstagezufahrt aufkreuzt und dass Herr Müller zum Ausladen der Töchter und deren fünf Koffer nicht direkt vorm Haupteingang hält – das alles ist eine Kunst für sich.

Ebenfalls eine Kunst für sich ist die Planung von Parkflächen. Oft wird abgeflattert, also mit rot-weißem Absperrband zumindest grob auf dem Boden „skizziert“, wie eine Autoreihe zu verlaufen hat. Auch wenn manche Festivals auf abflattern verzichten, so wird das Beparken doch erheblich erleichtert, wenn das Park-Team auf eben dieses Band verweisen kann. Ein so schöner Acker lädt nämlich hervorragend dazu ein, sich mitten in die, ohne Flatterband nicht offensichtliche, Rettungsgasse zu stellen.

Die Anreise

Wieso ist die scheiß Autobahnausfahrt gesperrt?

Campingflächen, Parkplätze und Beschilderung sind ready. Let the games begin!
Nach einer langen Fahrt quer durchs Land, ist das Verständnis für Umleitungen oder gar Wartezeiten nur noch begrenzt vorhanden. Wieso also sperren die Idioten die Autobahnabfahrt, die laut Google Maps dem Festivalgelände am nächsten ist? Nunja, um den Verkehrsfluss durchs Dorf und zu sämtlichen Parkplätzen nicht ins stocken zu bringen, muss die Anreise leider von Norden erfolgen, anstelle von Süden. Es spielt eine Rolle, welche Parkplätze als erstes befüllt werden, wo die Wohnmobile lang fahren und wo trotz Anreiseverkehr auch noch große Lastwagen und Nightliner durchmüssen. Die Hälfte, der auf Google Maps gefundenen Straßen, ist für den öffentlichen Verkehr sowieso gesperrt und dient nur noch der Produktionscrew und SanitäternInnen. Es bleibt also nur eine Lösung: Sich fügen, langsam der Beschilderung folgen und auf der viel zu schmalen Straße nicht mal eben zum Ausladen oder Urnieren anzuhalten- denn auch das hat schon zu Rückstaus geführt. Und klar, wenn man dann noch in einer Einbahnstraße steckt, den angepeilten Parkplatz verpasst hat und jetzt noch einmal um das verdammte riesen Gelände herumfahren muss, sorgt dies bei 50 Grad im Auto nicht gerade für Urlaubsstimmung…wann gibt’s endlich Bier?

Abparken

Ich hab 'nen Pflock im Reifen stecken!

Es ist soweit, die ersten Autos rollen auf den schon geöffneten Parkplatz Nord und die Crew verteilt sich. Eine Person steht direkt an der Einfahrt zum Parkplatz und bremst die Autos ab, 20 Meter weiter winkt der nächste Posten schon, damit die Autofahrer wissen, in welche Richtung es geht. Von dort aus wird durchgewunken bis zur nächsten Position – der ersten Parkreihe. Die wichtigste Aufgabe hat dann das Crew-Mitglied, das die Autofahrer dazu bringen muss, so dicht wie möglich an das vorher geparkte Fahrzeug zu fahren. Mit der Schnauze ganz nah ran und zur Seite gerade so viel Platz, dass die Tür sich noch öffnen lässt. Das hört sich alles plausibel an? Es hagelt genervte Blicke, denn was ist denn schon so schlimm daran, dass zwischen meinem Auto und dem nächsten zwei Meter Platz sind? Und wieso bremsen die mich bei der Einfahrt schon aus, der Parkplatz ist doch noch fast leer? Los geht’s, mit Vollgas am Streckenposten vorbei, selbstständig abgebogen und mit 40 km/h quer über den kompletten Acker, über die Flatterbänder und ab in die Lücke dahinten in der Ecke. Motor aus, aussteigen und lauthals beschweren, dass der ganze Acker voller Holzpflöcke ist und der Reifen gelitten hat. Die Staubwolke legt sich und die schon am Bierkästen ausladenden Ankömmlinge werden energisch darauf hingewiesen, dass die Pflöcke und Absperrbänder einen Sinn haben und der tiefergelegte VW Golf samt Bierkästen bitte umgehend aus der Rettungsgasse entfernt werden muss. Scheiße, wieder hinten anstellen und noch einmal wie vorgesehen einparken.

Zu Hauptanreisezeiten kann so eine, nicht mal 2 Minuten dauernde Aktion, schon mal den kompletten Parkfluss unterbrechen, zu einem kurzen Rückstau führen und dadurch wiederum andere wartende FahrerInnen zum Ausbrechen verleiten. An dieser Stelle absolutes Verständnis für die Ungeduld und den Missmut einiger BesucherInnen – alle haben das gleiche Ziel: ankommen! Und zwar so nah am Einlass wie möglich, so weit weg von den Dixis wie nötig. Deshalb braucht man für den Job auf dem Parkplatz ein ruhiges Gemüt. Zum Beispiel, wenn man – weil man einem Familienvater gerade erklärt, dass auch zum ’nur kurz ausladen‘ richtig eingeparkt werden muss – erst zu spät merkt, dass übermotivierte Neuankömmlinge gerade mit einem Edding fett ANAL auf die Rückseite der eigenen Sicherheitsweste gekritzelt haben. Naja, Weste umdrehen, Entschuldigungsbier dankend ablehnen und weiter geht’s…
Ganz so negativ, wie das jetzt klingt, ist der Job aber natürlich nicht. Trotz teils blanker Nerven, sind fast alle BesucherInnen, sobald das Auto steht und das erste Bier läuft, bestens gelaunt und wieder friedlich gestimmt. Am Ende ist der Parkplatz also ein aufregender, aufreibender, aber sehr lustiger Arbeitsplatz.

Parksystem „Easy Twin“

Parksystem „Happy Twin“

Quelle: Glastonburyguidebook

Die Einsatzleitung

Highlife im Container

Während auf den Straßen und Parkplätzen frohes Treiben herrscht, geht es im Bürocontainer der Einsatzleitung meist ähnlich spannend zu. Fungierend als Schnittstelle zwischen Veranstalter, Verkehrsleitungscrew, Behörden und BesuchernInnen, ist die Arbeit hier ein Mix aus beobachten, vorausschauen und reagieren.
Bei diversen Online-Kartendiensten wird der Verkehrsfluss verfolgt, damit die entsprechenden BereichsleiterInnen bei Staubildung rechtzeitig an den Schrauben drehen können. Für jeden Parkplatz gibt es regelmäßige Füllstandabfragen, um gegebenenfalls Ausweichflächen rechtzeitig öffnen zu können. BesucherInnen werden ebenso regelmäßig nach ihrer ungefähren Wartezeit in der Schlange oder im Stau befragt und diese Informationen werden dann wiederum mit den Angaben der Kartendienste und den Streckenposten vor Ort abgeglichen. Wenn die Security oder die örtliche Polizei etwa BesucherInnen zum falschen Parkplatz schicken, wird so lange gefunkt, bis der Knoten in der Kette gelöst ist. Wenn der Veranstalter nachfragt, weil zwei BesucherInnen auf Facebook von langen Wartezeiten berichten, wird auch da nochmal nachgehakt, umstrukturiert und manchmal auch über die viel zu engen Straßen des Dorfkerns geschimpft.

Zwischen der An- und Abreise wird es dann kurz ruhiger im Container und man hat auch mal mehr Zeit, sich die Luftbilder der KollegenInnen nebenan genauer anzuschauen. Sieht nämlich ziemlich schön aus, so ein ordnungsgemäß beparkter Acker von oben. Lange währt die Freude aber meist nicht, denn irgendwo hat sicher gerade schon wieder jemand mit 3,0 Promille ein 3x3m tiefes Loch in der Rettungsgasse gegraben.

Und sonst so?

Busshuttle, Gästeliste, Autobahnbrücke, Versorger und Wohnmobile

Abseits der großen Baustellen gibt es nicht weniger wichtige Nebenschauplätze. Wo man zum Beispiel von weitem denken könnte, dass die junge Frau auf dem Campingstuhl unterm Sonnenschirm den langweiligsten Job am Platz hat, wird beim näheren Betrachten schnell klar, dass sie da, wo Einfahrt verboten ist, eben trotzdem vereinzelt Fahrzeuge mit feschem Autopass durchwinkt. Vielleicht behält sie aber auch die Autobahnbrücke im Auge, damit niemand besoffen auf dem Geländer balanciert oder sie hindert verzweifelte ParkplatzsucherInnen daran, in eine Sackgasse auf dem Feld zu fahren. Oder der Typ, der am VIP Checkin dafür sorgt, dass auch die, die so wichtig sind, dass sie überall parken dürfen, eben trotzdem nicht genau da parken, wo die Nightliner der Bands ihre waghalsigen Wendemanöver vollführen. Dann wären da auch noch die netten Damen und Herren auf dem Womo-Camping, die so ganz ohne Flatterband, platzsparend Wohnmobil-Tetris spielen, während sie heimlich aus den Snackvorräten der bereits niedergelassenen Gäste naschen. Nicht zu vergessen: Die Shuttlebus-Haltestelle. Wenn das letzte Konzert vorbei ist, die BesucherInnen in die umliegenden Dörfer oder zum Bahnhof wollen und die Aussprache des eigenen Wohnorts zum Ding der Unmöglichkeit wird, verliert auch die geduldigste Busfahrerin die Nerven.
Und zu guter Letzt gibt es da noch den Posten des Versorgers. Der oder diejenige hat die Aufgabe, die komplette Crew mit Frühstück, Mittag- und Abendessen zu versorgen. Auch das akribischste Planen bringt nichts, wenn irgendwelche Fleischesser-Rabauken dem zuletzt belieferten vegetarischen Crew-Mitglied das Veggie-Menü wegschnappen.

Ja, die Mädels und Jungs aus der Verkehrsleitung…
Seid doch beim nächsten Festivalbesuch ein bisschen nett zu ihnen. Sie werden es euch mit einem Parkplatz im Schatten, Freibier und kurzen Laufwegen danken. Vielleicht.

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