Fotos: Alexander Schneider / Interview: Johannes Jacobi

Das Haldern Pop Line-Up ist weit mehr als eine Anhäufung zugkräftiger Namen. Ein Fahrplan des Vertrauens vielleicht, denn auf kaum einem anderen Festival scheint ein solch enges, selbstverständliches Verhältnis zwischen Machern und Besuchern zu herrschen. Ein Beispiel dafür sind die diesjährigen Trailer, die sich so ganz und gar nicht in die Schublade von Festivaltrailern packen lassen. Was steckt dahinter? Und wie sehr werden wir scheitern bei dem Versuch, solch ein Gefühl und so einen Fahrplan in Worte fassen zu wollen?

Coming Home
Das Winterkonzert des Gymnasiums Aspel
in der katholischen Kirche Haldern am 21. Dezember 2015
„Home“ gesungen vom Aspel Vokalensemble
unter der musikalischen Leitung von Dr. Janine Krüger

Soundtrack: Heiner Frost – Magnificat / Dotan – Home
Kamera: Christoph Buckstegen, Haldern Pop Kamerateam (Spiegelzelt 2015)
Schnitt: SpringerParker
Idee: Stefan Reichmann

Hallo Stefan, danke dass du dir Zeit für uns nimmst. Kurz zum Reinkommen: Wie viele Bands auf wie vielen Bühnen werden insgesamt auf dem diesjährigen Haldern Pop spielen?
Es sind ja auch Konstellationen von Künstlern, die in verschiedenen Zusammensetzungen auftreten. Das macht es unscharf, aber auch spannend. Mit der Haldern Pop Bar, der Kirche, dem Studio, dem Spiegelzelt, der Hauptbühne und dem ‚Marktplatz‘ auf dem Festivalgelände, als reduzierter ‚Straßenmusik-Bühne‘ sind es sechs verschiedene Auftrittsorte, wobei letzterer ein Ort des Zufalls sein wird. Was für eine Wundertüte das Festival mit seinen über 60 auftretenden Künstlern/Bands ist, werden wir sehen und hören.

Wann und mit wie vielen habt ihr mit dem Booking angefangen?
Das mit dem Buchen beginnt schon kurz nach dem vergangenen Festival. Aus irgendeinem geheimnisvollen Impuls heraus nimmt es dann Fahrt auf. Es gibt kein Booking-Team. In der Regel reise und buche ich alleine, bleibe aber immer in Kontakt zu unseren Leuten im Haus. Durch unsere ‚Pop-Bar‘ und den Plattenladen wird viel über Musik geredet und philosophiert.

Gibt es bei euch hausintern so etwas wie einen Booking-Codex? So in dem Sinne von: Was geht, was geht nicht?
Eben nicht. Das künstlerische Konzept ist eine stetige Entwicklung und ein ständig mäandernder Fluss. Es ist sicherlich von persönlichen Stimmungen, aber eigentlich nicht von Kalkül beeinflusst. Vielleicht wird man mit den Jahren mutiger in der Hinsicht, sich und keinem anderen etwas beweisen zu müssen. Vor allem, wenn man weiß, wie viele andere Punkte für ein gutes Festival sonst noch wesentlich sind, dann relativiert sich jeder Aspekt und fügt sich zum Ganzen.

» Wir wussten früh, dass wir kein 'cooles' Festival sein wollten. «

Dieser Begriff ist an sich schon so ein Vielfalt-Killer. Am liebsten genre- und generationsübergreifend und am Ende ist es eine gute Geschichte – wenn denn alles passt.

8mm footage: Alex Küper

Musik:
Emil Steinkühler (1824 – 1872)
‚Valse Allemande A-dur op. 32‘

Schnitt: SpringerParker
Idee: Stefan Reichmann

Ihr seid ausverkauft, bevor die ersten Bands angekündigt werden. Entsteht dadurch Druck auf euch den Erwartungen gerecht zu werden oder bekommt ihr durch das geschenkte Vertrauen erst die nötige Ruhe, um ein allen Erwartungen gerechtes Line-Up zu buchen?
Gute Frage. Es stimmt, dass immer eine gewisse Erwartungshaltung im Raum steht. Deswegen gibt es ja auch in diesem Jahr am Donnerstag um 13 Uhr die Diskussion im Tipi hinter der Pop Bar: „Wundertüte Festival, eine Geschichte von Erwartungen und Überraschungen“.
Letztendlich ist das Booking für ein Festival ein komplexer Prozess, der sich über Monate hinzieht. Er trägt aber immer ein unausgesprochenes Bild oder eine Vorstellung in sich, die zugegebenermaßen sehr persönlich sein kann, aber am Ende immer ein wunderbares Wochenende für viele im Blick behält.

» Wichtig ist auch immer die Beziehung von Ort und Musik und nicht mehr so sehr der Zeitpunkt. «

Der Chor Cantus Domus in der Kirche am Freitagmorgen zum Beispiel war so etwas Wunderbares und für einige sogar eine Offenbarung. Ein sehr kunstsinniger und viel gereister Mann von 84 Jahren war geradezu beglückt und sprach über das, was er dort in Verbindung mit all diesen, aus der Kirche strömenden Menschen, erleben durfte, als berauschend. Es ist aber auch durchaus unglaublich, wie entfesselt sich manchmal Energien von Strukturen lösen und zu sich solchen Momenten auftürmen. Am Ende ist es auch immer die Balance von Aufmerksamkeit und Gelassenheit, die zu einer entspannten und freudigen Atmosphäre führt.

Kann man bei dieser Erwartungshaltung selbst noch Fan sein oder wird das Booking kalkulierter, weil man ja auch langfristig Tickets verkaufen will?
Das ist vielleicht das Wichtigste dabei, wenn man die Begeisterung für Musik nicht mehr spürt, dann sollte man aufhören. Ein gutes Programm ist meistens mutig und unabhängig und selten ‚cool’…

Video & Music:
LONEY DEAR – HULLS

Out on Haldern Pop Recordings
March 18 2016

Was wären denn in diesem Jahr ein, zwei Beispiele für besondere Bookings? Weil ihr schon lange an der Band dran seid, es nicht absehbar war, dass so was in Haldern möglich ist oder sonstige Faktoren, die das Booking außergewöhnlich gemacht haben…
Es ist immer schwierig aus dem Ganzen etwas hervor zu heben oder zu bewerten. Aber achten Sie auf die Stimmen an den jeweiligen Orten, achten Sie auf Loney Dear und verwechseln Sie niemals die Kapazitäten mit den Qualitäten. Es gab Konzerte in der Pop-Bar oder dem Studio, die schon kleine Pop-Geschichte geschrieben haben.

Kommen wir zu den Trailern. Welche Rolle spielen Festival-Trailer für dich selbst? Müssen sie im engen Kontext zum Festival stehen oder haben sie gar eine ganz andere Aufgabe und dienen vielleicht nur als reine Informationsquelle?
Ich glaube, wir waren mit die ersten, die diese Videos dazu genutzt haben, um auch unsere Stimmungsbilder der Vorfreude und Gedanken zum Ganzen, manchmal sehr subtil, mit allen zu teilen. Unser erster Trailer war die Torte beim Bäcker hier im Dorf, als The National 2008 bestätigt hatten. Wir hatten eine Torte in Auftrag gegeben und durften ihre Entstehung filmen. Wir wollen einfach auch mal was von uns selbst erzählen und dabei auch immer Dinge erwähnen, die uns begeistern. Wie zum Beispiel diese typisch italienische Mentalität in Verbindung mit Fußball, diese Energie und Leidenschaft, die diese Dinge so speziell und erzählenswert machen.
Grundsätzlich wollen wir Dinge, die uns bewegen in Bildern erzählen und dabei Stimmungen vermitteln, die uns gerade beschäftigen. Das ist ein Austausch für alle, die es interessiert.

Video & Music:
Ebbot Lundberg & The Indigo Children

Out on Haldern Pop Recordings
April 22 2016

Alle sechs Trailer vereint zwar ein bestimmtes Gefühl, aber dennoch heben sie sich sehr voneinander ab. Gab es anfangs ein Gesamtkonzept oder seid ihr jeden Trailer einzeln angegangen?
Die Trailer entstehen zwar aus dem Moment heraus, aber die Art und Weise der Umsetzung unterliegt sicherlich einer Grundhaltung, wie wir zu dem Ganzen stehen und wie wir das fühlen.

Welcher Trailer lag dir besonders am Herzen oder erzählt eine ganz besondere Geschichte?
Da gibt es einige, wie z.B. der mit Christian Friedel: Der hatte mit seiner Band am Montag in unserer Bar gespielt, war aber schon am Sonntag angereist und hatte mir erzählt, dass er am Abend im Tatort in Rostock mitwirken würde. Wir schauten uns im kleinen privaten Rahmen in der Bar diesen Tatort gemeinsam an, um dann sehr spontan am Tag darauf im Studio diese Bach-Geschichte aufzunehmen und zu filmen und endeten mit dem Kopfschuss-Szenario aus dem Tatort.
Aber…

» ... mir gefallen vor allem diese kleinen einfachen Episoden, die etwas hier aus dem Dorf erzählen. «

August beim Fahrrad flicken oder Georg beim schraubenfreien Hockerbau. Außergewöhnlich fand ich aber auch dieses dörfliche Stillleben eines ganz normalen Tages in Haldern, der mit diesem Kofferradio-Einsprengsel von Sam Smith endet.
Diese Filme eröffnen einem die Möglichkeit eine Freude zu teilen, die man aus unserer Perspektive und manchmal auch nur mit unserem Humor verstehen kann.
Es gab mal einen sehr spontanen Trailer mit Michael Kolepke, unserem damaligen Labelmanger, der morgens mit einem, von der Katze der Freundin zerkratzten Gesicht im Büro aufgetaucht war. Wir hatten dann direkt seine Geschichte hierzu eins zu eins gefilmt und mit einer Musik von SpringerParker aus Ihrer eigens komponierten Oper hinterlegt. Oder Linnes Brandrede via Skype zum Thema Zielgruppenmarketing mit TNT-getränkter kaukasischer Baumwolle, wo er gar nicht wusste, dass wir ihn gefilmt hatten. Solche Geschichten beinhalten oft interne Details, sind aber auch aus der Distanz zu verstehen, aber eben anders.

Music:
MINOR VICTORIES – ‚A Hundred Ropes‘

Filmed at San Paolo Stadium Neapel by: Christoph Buckstegen

Editing: SpringerParker
Idea: Stefan Reichmann

Möchtest du auch was zu den anderen Trailern sagen? Wo kamen die Ideen her?
Sie geben manchmal etwas sehr Privates preis. Sie beschäftigen mich und dann frage ich Christoph, der filmt und Maik, der schneidet, ob das geht. Oft schütteln viele mit dem Kopf, aber wenn der Film fertig ist, wird’s verständlich. Sie sind ein kleiner Einblick in das, was uns begeistert, motiviert und beschäftigt. Wenn ich etwas Großartiges erleben darf, möchte ich das gerne weiter erzählen.

» So ein Festival ist ein sehr komplexer Organismus, der auch manchmal aus den Fugen gerät und sich somit auch vitalisiert und verändert. «

Was uns über all die Jahre immer besonders interessiert hat, ist die Konstellation von Innen und Außen – die vielen externen Impulse, die sich mit den internen ergänzen und somit das Festival als großen mäandernden Fluss stetig verändern. Der Weg ist das Ziel. Haldern ist kein statischer Prozess und somit auch nie eine kalkulierbare wirtschaftliche Milchkuh.

Vielen Dank für deine Zeit. Eine letzte Frage noch: Auf welche Band freust du Dich dieses Jahr selbst am meisten?
Ich würde mich freuen, wenn sich immer mehr Menschen für Emil und Loney Dear begeistern würden und auf den Satz meiner Frau „So, jetzt ist aber auch mal gut und die Waschmaschine ist auch kaputt.“

Music:
EBBOT LUNDBERG & THE INDIGO CHILDREN – ‚Calling from heaven‘

Filmed and edited by: SpringerParker

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