Fotos: Sascha Krautz / Interviews: Johannes Jacobi
*Original-Interviews übersetzt aus dem Englischen

Jenseits von Bierpreisen, ordentlichem Sound und langen Laufwegen gibt es wichtige Themen, die leider viel zu oft in den Hintergrund rücken. Während die Barrierefreiheit bei vielen Festivals oft nur in einem kurzen Absatz auf der Website behandelt wird, gibt es durchaus auch positive Beispiele. Eines davon stellt das dänische Roskilde Festival dar. Rollstuhlpodeste an fast allen Bühnen oder gesicherte Toiletten und Duschen in allen Bereichen sind da nur der offensichtliche Einstieg ins Thema. Der perfekte Ort also für den ersten Teil unserer Serie „Festivals Barrierefrei“.

Faja, 24, Kopenhagen
7. Roskilde

Seid ihr immer zu zweit unterwegs?
Nein, ich habe sieben Helfer die sich abwechseln.

Auf welche Band freust du dich hier am meisten?
Fools, Tame Impala und natürlich MØ.

Dein Festivalgetränk?
Mojito oder Gin Tonic.

Feedback an Roskilde aus Sicht einer Rollstuhlfahrerin?
Es gibt viele gute Seiten, aber besonders dieses Jahr ist viel schief gelaufen. Sie sind nicht besonders flexibel auf dem Campingplatz. Wir sind im Wohnwagen angereist und mussten mehrmals umziehen und den richtigen Platz suchen. Da gab es keine Hilfe und es wurde viel Zeit verschwendet. Die Auffahrten zu den Rollstuhlpodesten neben den Bühnen sind auch zu steil, das könnte verbessert werden. Aber ansonsten ist Roskilde ein sehr guter Ort für Menschen mit Behinderungen.

Was wäre das perfekte Festival für dich?
Die Möglichkeit zu schlafen wie ich es brauche und demnach mit dem Wohnmobil überall campen zu können. Das wär es schon. Die Toiletten hier sind super und das mit den Helfern umsonst mitbringen funktioniert auch top.

Wie empfindest du die Reaktion von Besuchern auf dich im Rollstuhl?
Alle sind sehr nett und man kann zusammen lachen. Ich glaube nicht, dass man da was verbessern könnte. Sind ja auch alle betrunken…

Jesper, Roskilde

Du kommst von hier, und scheinst jeden zu kennen. Was ist deine Verbindung zum Festival?
Ich war sicherlich schon um die 25-mal hier. Aktuell arbeite ich während dem Festival auch hier im Gloria Stage Office (Indoor Bühne auf dem Roskilde Festival, Anm. d. Red.).
Eine Zeit lang war ich auch festangestellt und saß das ganze Jahr über im Roskilde Büro.

Was war da dein Job?
Ich habe User-Manuals im IT-Department geschrieben.

Wir haben dich in den ersten Tagen des Festivals auch öfters im Skatepark von Street City gesehen…
Ja ich bin involviert in die Wheelchair Skating Shows. Da benutzt man Skate Ramps mit dem Rollstuhl.

Verglichen mit anderen Festivals, wie rollstuhltauglich ist das Roskilde?
Ich denke es ist ok hier. Ich höre viel Positives, aber auch negative Sachen. Manche haben zum Beispiel Probleme, genügend Armbänder für ihre Helfer zu bekommen und da das Gelände so riesig ist, sind einige Bereiche schwer zu erreichen. Aber Roskilde arbeitet daran, die Situation stetig zu verbessern.

Was wäre das perfekte Festival für dich?
Das hier! Vielleicht noch mehr saubere Toiletten, aber dass ist ja kein Problem mit dem nur Rollstuhlfahrer zu kämpfen haben.

Hast du hier eine Lieblingsband?
Nicht wirklich eine Band, aber in der Gloria Stage gibt es jeden Morgen eine Art Gesangsrunde wo alle zusammen singen. Für einen alten Hippie wie mich ist das fantastisch.

Dein Festivallieblingsgetränk?
Kaffee und Bier!

Nikolai, 35, Kopenhagen

Wie oft warst du schon auf dem Roskilde?
19-mal.

Auch schon andere Festivals besucht?
Ich hab mal im Internat in Jütland gelebt und war da auf einem kleinen Festival. Ansonsten früher auf der Mayday in Dortmund, schön pumpen.

Was hörst du hier so?
Gestern diese kolumbianische Band Bomba Estéreo war absolut geil und volle Pulle. Aber ich bin hier mit meiner Freundin und die ist mehr so der Rocker-Typ. Heute gehen wir also zu Neil Young und der ist ja schon relativ alt, da ist also eher nur zugucken angesagt. Morgen glaube ich noch New Order und dann nach Hause.

Wo pennt ihr hier?
Schön in meinem Wagen. 1997 waren wir noch auf dem Campingplatz, aber inzwischen sind da alle so jung und es ist viel voller geworden. Von meinen alten Kumpels ist keiner mehr hier und wenn ich jetzt nicht in meinem Auto pennen könnte, dann tschüssikowski! Aber die jungen Leute machen das ja alles noch mit…

» Meine Freunde gehen auf Prothesendenen sieht man die Behinderung oft nicht von weitem an. «

Was stört dich hier am meisten?
Meine Freunde gehen auf Prothesen und denen sieht man die Behinderung oft nicht von weitem an. Deswegen habe ich ein kleines Stühlchen für sie mitgebracht, damit sie sich auch mal hinsetzen können. Es sollte also vielleicht auch für mehr Arten von Behinderungen was getan werden. Aber zumindest für Leute wie mich im Elektrorollstuhl ist es total super, auch mit den Rampen neben den Bühnen und so. Da wird man nicht so geschubst. Auf der Mayday bin ich zum Beispiel immer am Boden und da sind ja alle total auf Drogen, das tut dann schon manchmal weh. Roskilde ist da auf jeden Fall schon das beste Festival. Was wollt ihr sonst noch wissen Jungs?

Sind Drogen bei dir auch ein Thema?
Ich muss sagen, bevor ich meine Freundin kennengelernt habe, da hab ich auch öfter mal was gekifft. Tut ja auch der Muskulatur gut. Jetzt bin ich aber dagegen. Bisschen spießig, ne? Muss aber zugeben, dass ich früher oft so zugekifft war, dass ich gar nichts mitbekommen habe. Einmal habe ich sogar an zwei Rockertypen was verkauft und hatte direkt meine Festivalausgaben wieder drin. Aber das waren noch die alten Zeiten. Jetzt freue ich mich eher, dass man hier auch gemütlich warm duschen kann und sowas…

Wie steht’s mit Betrinken?
Ein bisschen. Muss aber sagen das ich mehr fürs Kiffen bin, da muss man nicht so oft pissen.

» Ich bin ja mehr so der Pop-Typ. «

Was wär dein Traumfestival?
Ich bin ja mehr so der Pop-Typ. Pet Shop Boys und sowas. Da bin ich hier vielleicht auch am falschen Ort. Kylie Minogue und Scooter sind auch Hammer, aber die kommen ja leider nicht hierher.

Dein schlimmstes Festivalerlebnis?
Ich hab mir mal die Hosen vollgemacht und musste dann in der Badewanne gewaschen werden. Meine Betreuerin musste mich wechseln, ist abgerutscht und ich bin mit dem Kopf in die Blutlache von einem Mädel das ihre Tage hatte und vorher da gepisst hat.

Was sollte Roskilde für dich verbessern?
Mich kostenlos reinlassen!

Christian, 29, Kopenhagen

Wie oft schon Roskilde?
10 oder vielleicht auch 12-mal. Ich hab aufgehört zu zählen.

Deine Erfahrung als Rollstuhlfahrer auf dem Roskilde?
Ziemlich gut eigentlich. Man kommt gut überall hin und die Rollstuhlplattformen sind top. Ein paar der Plattformen könnten vielleicht etwas näher an den Bühnen sein und ein oder zwei Bühnen haben noch gar keine. Aber sonst ist alles super.

Wie steht’s mit dem Camping?
Dieses Jahr übernachten wir nicht hier und fahren jeden Abend zurück nach Kopenhagen. Aber der Campingplatz ist gut, abgesehen von den Toiletten vielleicht, die könnten etwas schöner sein wenn man hier eine ganze Woche ist.

» Rollstuhltoiletten mit kleinen Zahlenschlössern «

Was wäre dein perfektes Festival?
Roskilde ist ziemlich perfekt. Ein paar kleine Änderungen vielleicht, aber eigentlich ist alles super. Dieses Jahr zum Beispiel wurden alle Rollstuhltoiletten mit kleinen Zahlenschlössern versehen, so dass die außer uns niemand benutzen kann. Das ist eine super Verbesserung.

Auf wen hast du dich hier am meisten gefreut?
PJ Harvey gestern und heute Neil Young.

Bestes Festivalgetränk?
Bier.

Wie steht es um die Reaktion von anderen Festivalbesuchern auf dich im Rollstuhl?
Grundsätzlich sind alle sehr nett. Nur manchmal nervt es, wenn fremde Menschen zu dir kommen und dir erzählen wie toll sie es finden, dass du im Rollstuhl hier bist. Gestern kam zum Beispiel jemand und war doppelt beeindruckt, weil ich nicht nur im Rollstuhl sitze, sondern noch dazu eine gebrochene Hand habe. Da wird dann einfach nur laut gedacht…

Dein schlimmstes Festivalerlebnis?
Das war glaube ich 1997 oder so, als ich noch nicht im Rollstuhl saß. Da ist hier alles abgesoffen und wir mussten unser Zelt hierlassen, da es mehr oder weniger im Matsch versunken ist.

Tomas, 23, Aarhus

Bist du oft auf Festivals?
Das ist mein sechstes Roskilde und auf dem Northside und dem Skanderborg Festival war ich auch schon.

Welches von den Festivals eignet sich am besten für dich im Rollstuhl?
Definitiv Roskilde!

Was ist hier besser als anderswo?
Hier gibt es an fast allen Bühnen Rollstuhlpodeste, so dass man Konzerte entspannt schauen kann. Skanderborg Festival hat das zwar auch, aber nicht so gut wie hier.

Auf welchen Act hast du dich hier am meisten gefreut?
Definitiv Macklemore gestern. Das war unbeschreiblich.

Dein Festivallieblingsgetränk?
Ich trinke alles!

Was wäre aus deiner Sicht das perfekte Festival?
Rollstuhlpodeste überall und ich bin happy.

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