Fotos & Text: Johannes Jacobi

Es ist Samstag zehn Uhr morgens, die Sonne scheint bereits mit voller Kraft und vor der Alten Münze Berlin steht eine etwas schwer einzuordnende Gruppe von Damen und Herren. Schwer einzuordnen vielleicht auch, da es sich bei manchen doch eher um Mädchen und Jungs, anstelle von Damen und Herren handelt. Einige haben ein Bier in der Hand, andere essen ein Sandwich oder rauchen. Wüsste man es nicht besser, könnte man annehmen dass die Hälfte gerade von einer dieser hippen Alte Münze Parties kommt und die anderen jetzt gleich zum erste Hilfe Kurs in die dritte Etage ziehen.

Grund dieser Zusammenkunft ist aber weder die Afterhour, noch die Zulassung zur Führerscheinprüfung. Bei diesem wild zusammengewürfelten Haufen handelt es sich um Festivalmacher aus der ganzen Republik und gleich geht es los mit dem Festival Kombinat Kick-Off.

Das Festival Kombinat – Verband deutschsprachiger Festivals e.V. – versteht sich als Plattform für Veranstalter unabhängiger Festivals. Ziel ist nicht nur der stetige Austausch untereinander; auch Einkaufsgenossenschaften, Sponsoring oder Marktforschung sind Themen, bei denen Zusammenarbeit angestrebt wird.

Wir werden im Laufe des Sommers, in verschiedenen Artikeln, noch mehr auf das Kombinat eingehen und erklären was damit bewirkt werden kann, wer dahinter steckt und welche Projekte im Fokus stehen. Bis dahin lohnt sich aber ein Besuch auf der Website. Dort kann man unter anderem bereits sehen, welche Festivals vertreten sind: festival-kombinat.org

Wie spannend ein solches Netzwerk sein kann, wird schon rein optisch schnell klar. Zum Beispiel haben die Macher des Trebur Open Air bereits 24 Jahre Festival Geschichte auf dem Buckel, während andere Veranstalter im Raum gerade mal 21 Jahre alt sind.

Die Strukturen der Festivalskönnten unterschiedlicher nicht sein.

Aber nicht nur Altersunterschiede zwischen Veranstaltern lassen wertvollen Austausch erahnen, auch die Strukturen der Festivals könnten unterschiedlicher nicht sein. Wo z.B. das Maifeld Derby oder Feel Festival als Firmen agieren, sitzen zwei Bänke weiter die Jungs vom 1975 gegründeten Festivalkult als absolute umsonst & draußen Institution. Und während zum Beispiel das Immergut Festival seit 16 Jahren mit stilsicheren Line-Ups konstant bis zu 5.000 Indie-Liebhaber zieht, setzt das Fuchsbau Festival neben der Musik noch auf weit mehr Programminhalte.

Bei all diesen unterschiedlichen Ansätzen geht es aber im Kern um eins: Menschen zu begeistern und einer kleinen oder großen Menge von Besuchern ein unvergessliches Wochenende zu bereiten. Aktuell gerät das schon mal in Vergessenheit, denn zu oft liest man über den übersättigten Festivalmarkt und die große Konkurrenz zwischen Veranstaltern. Um so schöner und wertvoller also, dass man hier im selben Raum sitzt, um die Festivallandschaft und natürlich auch das eigene Festival zu entwickeln, zu verbessern und für Veranstalter und natürlich Besucher angenehmer zu gestalten.

Los geht es mit einer kleinen Diskussion darüber, was denn überhaupt „unabhängiges Festival“ bedeutet, bis zu welcher Größe denn Festivals noch ins Kombinat passen und ob man sich für bestimmte Festivals verschließen sollte. Ein spannendes Thema, denn zum einen können natürlich auch die Großen noch was von den Kleinen lernen (genau wie natürlich andersrum auch), zum anderen könnten die Großen aber bestimmte Prozesse auch bremsen.

Bauzäune, Toiletten und Technikin der Masse bestellen?

Ebenfalls interessant wird es beim nächsten Punkt, der Einkaufsgenossenschaft.
Von außen betrachtet macht es natürlich eindeutig Sinn gesammelt an Dienstleister heranzutreten. Bauzäune, Toiletten und Technik in der Masse zu bestellen, bringt tolle Rabatte. Das Ganze dann aber wiederum durchs Land zu kutschen lässt die Kosten explodieren. Wertvoller sind dann eher Sammelverträge für Internetversorgung und ähnliches.
Schön auch, dass sich genau im richtigen Moment die Ecke der Green Music Initiative einschaltet. Denn zum Beispiel einen Stromgenerator von Festival zu Festival zu transportieren, ist dann doch eher weniger nachhaltig.

Das nächste Thema stellt für viele der Anwesenden noch Neuland dar. Data Mining in der Livebranche wird immer wertvoller, auch wenn natürlich für große Festivals (aufgrund des Kosten und Zeitaufwandes) mehr als für kleine.

Data Mining what?

Sehr beeindruckend die Präsentation am Beispiel des Roskilde Festivals. Dort wird anhand der GPS Daten von Benutzern der Festival App (jeder Nutzer konnte entscheiden ob er sich für eine Studie tracken lassen will), eine komplette Analyse zum Thema Sicherheit, Konsum etc. durchgeführt. Wenn man als Veranstalter verfolgen kann, wo genau sich gerade die Masse der Besucher aufhält, welche Wege zum nächsten Konzert gewählt werden, und zu welchen Zeiten man vielleicht zusätzliche Flächen öffnen muss, dann ermöglicht dass zum einen natürlich eine bessere Platzierung der Gastronomie, zum anderen aber auch ganz neue Möglichkeiten der sicheren Planung. Spielzeiten, Bühnengröße, Laufwege, Fluchtwege… Live auf dem Bildschirm zu sehen was der Besucher macht und wie er in bestimmten Situationen reagiert, öffnet neue Welten für die Planung. Natürlich auch ein Grund dafür, dass viele Veranstalter aktuell Bargeldlose Bezahlsysteme einführen. Jeder Besucher mit einem Chip am Armband, da macht tracking erst so richtig Spaß.

Data Mining zieht sich natürlich auch über andere Bereiche. Privates Hörverhalten von Besuchern, könnte in der Zukunft zum Beispiel Einfluss auf Line-Ups haben. Aber dazu ein andermal mehr (wir arbeiten an Artikeln zu allen Themen des Tages).

In kleineren Gruppen wird jetzt über Nachhaltigkeit und Festivalsicherheit diskutiert und mit C3s wird noch eine Alternative zur GEMA vorgestellt. Aber auch dies sind Themen die wir hier ein andermal ausführlicher beleuchten möchten.

Es ist bereits 21 Uhr und höchste Zeit für Abendessen. Es wird gegrillt und dann geht es an die Bar. Getränke, reger Austausch in kleinen und großen Gruppen und ein bisschen getanzt wird sogar auch. Und ja, irgendwann ist es dann schon fast fünf Uhr. Die Fuchsbau Jungs spielen DJ und uns wird bewusst dass wir inzwischen schon 19 Stunden hier sind. Nicht schlecht für ein erstes Treffen.

Danke an das Festival Kombinat und alle anwesenden Festivalmacher. Es war schön, es war spannend und es war ein wichtiger Start. Wir sind gespannt was noch kommt – und wir freuen uns drauf! Bis zum nächsten Mal!

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