Text: Sebastian Bondrea / Fotos: Sebastian Bondrea & Ann-Sophie Henne / Redaktion: Tina Huynh-Le

„Wer tanzt, hat kein Geld zum Saufen“ ist einer dieser dämlichen Sprüche, die vermutlich jeder oder jedem schon mal irgendwo begegnet sind. Trotz des klimpernden Kleingelds in meiner Hosentasche tanze ich im Moment lieber. Aus den Boxen wabern mir die Bässe entgegen. Meine Beine versuchen mit letzter Kraft, mein Tanzen rhythmisch aussehen zu lassen. Die Augen sind geschlossen, während ich tief einatme. Staubige Luft erschwert das Ganze. Erstmal eine Kippe. Ich versuche gar nicht erst, die Erlebnisse der letzten Nacht zu verarbeiten. Die Intervalle zwischen all den schönen Momenten sind dafür einfach zu kurz. Zeit dafür bleibt mir noch genug, wenn der Eskapismus der letzten Tage vorüber ist. Die Sonne schiebt sich langsam über die Bäume. Hier endet die Nacht und der Tag beginnt. Ob das alle um mich herum auch schon mitbekommen haben?

Es ist Festivalsaison. Ich habe viel übrig für diese Zeit im Jahr. Mein erstes mehrtägiges Festival war das Splash 2002, mein letztes die Fusion 2015. Das eben Beschriebene ist für mich ein klassisches Gefühl einer klassischen Festivalnacht gewesen. Früher. In der Zwischenzeit ist allerdings einiges passiert. Ein Unfall im November 2015 bindet mich seither an den Rollstuhl. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit einem Freund in der Reha geflachst habe, dass wir bis zur Fusion 2018 wieder auf unseren Beinen stehen werden, um die Tage und Nächte durchzutanzen. Das wäre dann nächste Woche. Offensichtlich werden wir für dieses Vorhaben doch noch etwas länger brauchen. Aber soll ich bis dahin komplett darauf verzichten? Und sowieso, Rollstuhl und Festival, geht das überhaupt? Eins kann ich schon mal vorwegnehmen: Das erste Festival unter diesen Bedingungen ist voller Offenbarungen.

Alles neu, alles gut?

Im Endeffekt war es eine relativ spontane Entscheidung. Meine Freundin fragte mich, ob ich Lust hätte, mit auf das Zurück zu den Wurzeln zu gehen. Ich sagte ja. Anfangs hatte ich noch hunderte von Sorgen. Wo das Leben auf einem Festival früher von Spontanität und Sorglosigkeit gekennzeichnet war, ist heute Sorgfalt und Planung an ihre Stelle gerückt. Es gibt einfach zu viele unbekannte Komponenten, die den Ausgang in verschiedene Richtungen lenken können. Wie ist der Untergrund? Asphaltiert, Gras oder feste Erde? Sand? Kann ich mich selbständig bewegen oder bin ich immer wieder auf Hilfe angewiesen? Wie viele barrierefreie Toiletten gibt es, wie sind sie verteilt, wie schnell komm ich dorthin? Wie weit sind die Wege vom Zeltplatz bis zum Areal, den Bühnen? (An dieser Stelle will ich noch anmerken, dass ich es absolut hasse, im Rollstuhl geschoben zu werden. Ich verfüge über genügend Kraft in den Armen, um mich selbstständig fortzubewegen, also mach ich das auch.) Was ist mit Duschkabinen? Passe ich da rein? Stufen? Tausende von Fragen gingen mir durch den Kopf.

Auf der Homepage waren zum Thema „Barrierefreier Zugang“ einige Infos zu kriegen, auf der Facebookseite wird explizit auf das Ziel Inklusion hingewiesen. Jeder Mensch gehört ganz natürlich dazu. Zusätzlich bin ich auch noch mit den VeranstalterInnen in Kontakt getreten, die mir versicherten, dass 90 Prozent des Areals barrierefrei zu erreichen seien. Und dennoch blieb ein Stück weit ein belastendes Gefühl. Irgendwann beschloss ich, mich nicht mehr zu quälen und die äußeren Umstände so zu nehmen, wie sie sein werden. Das war der Moment, an dem ich begann, mich auf dieses Event zu freuen.

Erster Eindruck und gemischte Gefühle beim Inklusionscamp

Also Sachen gepackt, Auto beladen, FreundInnen abgeholt und los ging es Richtung Niedergörsdorf, ein beschauliches Dorf in Brandenburg, etwa 90 km von Berlin entfernt. Am Ziel angekommen erwartete mich die erste freudige Überraschung. Direkt an den Zeltplatz grenzte ein asphaltierter Landeplatz. ASPHALTIERT! Kein ewig langer, hügeliger, mit Gras bedeckter Weg voller Schlaglöcher vom Parkplatz bis zum Zeltplatz, wie ich das durchaus von anderen Festivals kenne. Und noch besser, es war möglich mit dem Auto bis auf den Campingplatz zu fahren, sodass ich es keine 10 Meter vom Zelt abstellen konnte. Warum mich das so freute? Nun, zum einen, weil es das Ausladen deutlich angenehmer gestaltete, klar. Zum anderen, und dieser Aspekt war für mich viel wichtiger, weil ich ins Auto konnte, wenn ich mal kathetern musste. Wer jetzt nicht weiß, was kathetern ist: Keine Sorge, wusste ich früher auch nicht. Das Internet hilft an dieser Stelle sicher weiter.

Zwar gab es auf dem Campingplatz an jeder Ecke ein Dixi, allerdings nur die normale Version, nicht die größeren und befahrbaren. Warum eigentlich nicht? Vielleicht eine Frage des Budgets. Ein größeres Dixi gab es nur im Inklusionscamp und auf dem Festivalgelände, aber dort jedes Mal hinrollen? Und nachts? Versuch das mal im Dunkeln zu finden! So war man als RollifahrerIn dann halt doch wieder gezwungen, sich eine Ecke zu suchen, in der man seine Ruhe hatte. In diesen Situationen war das Auto Gold wert!

Alternativ dazu hätte man natürlich auch ins Inklusionscamp ziehen können. Dieses bestand aus einigen Truppenzelten, einem etwa 15 Meter langen, mit Wegeplatten ausgelegtem Pfad, der zum restlichen Campingplatz führte und dem erwähnten barrierefreien Dixi. Von einer Duschkabine war leider weit und breit keine Spur. Die Zelte waren mit Feldbetten eingerichtet, sodass es genügend Platz für die Begleitpersonen und FreundInnen gab. In der direkten Nachbarschaft war das Medi-Center, irgendwie passend. Ich bin mir sicher, dass hinter all dem nur gute Absichten standen, aber konterkariert es den Begriff Inklusion nicht ein wenig, wenn man alle „anderen“ in einem separaten Eck zusammenwirft? Hätte man die Zelte nicht ein bisschen verteilen, mehr ins Zeltplatzgeschehen einbinden können? Ich sprach vor dem Festival mit einem Leidgenossen und Freund, der mir erzählte, dass es bei Rock im Park hinsichtlich der Aufteilung ähnlich war. Ins Inklusionscamp zu ziehen war von vornherein keine Option für mich und ich fühlte mich in meiner Entscheidung bestätigt.

Weniger Hilfe ist manchmal mehr Hilfe

Also dann, das Auto entladen, Zelte aufgestellt, je nach Präferenz Bier, Sekt oder Wein geöffnet und mit den ZeltnachbarInnen auf gute Nachbarschaft angestoßen. Kam ich mir anfangs komisch vor? Ein wenig vielleicht. Man merkt selbst, wie man die Blicke anderer anzieht. RollstuhlfahrerInnen sind auf einem Festival tatsächlich mehr die Ausnahme als die Regel. Dazu noch einer, der sich lieber selbst über den ruppigen Untergrund arbeitet als sich schieben zu lassen. Das führt dann häufiger mal zu Situationen, in denen man die Hilfe anderer freundlich ablehnt („Kommst du da drüber?“ „Ja, ja, geht schon, danke.“), in seltenen Fällen aber auch zu vehementen Interventionen, dann nämlich, wenn plötzlich jemand anfängt von hinten zu schieben, weil er der Meinung ist, das wäre hilfreich. Danke an dieser Stelle an den Typen, der der Auffassung war, mich ungefragt über einen Hügel schieben zu müssen und mich dabei aus dem Rolli warf. Tipp für die Zukunft: Gib deinem Tatendrang nicht immer nach!
Es gibt zwei Dinge, die jeder/jedem RollstuhlfahrerIn richtig übel aufstoßen: 1) Das eben erwähnte Szenario, 2) das Beantworten der Frage, wie man im Rollstuhl gelandet ist. Auch wenn wir es uns nicht immer anmerken lassen. Ehrlich Leute, ich kann die Neugierde sogar nachvollziehen! Aber könnt ihr euch vorstellen, wie wenig Lust man verspürt, auf einer Party oder einem Festival seinen Unfallhergang in Dauerschleife wiederzugeben? Nun, ich will keinen falschen Eindruck erwecken, die genannten Momente waren Einzelfälle, die ich aber nicht unter den Tisch kehren möchte. Im Gesamten waren die BesucherInnen sehr hilfsbereit, vor allem zurückhaltend hilfsbereit, und höflich. Ich gewöhnte mich an die Blicke, wie ich das in meinem Alltag mittlerweile auch getan habe und empfand sie irgendwann nicht mehr als störend. So ungefähr nach vier Bechern Wein. Um in Festivalzeitrechnung zu bleiben.

Bloß keine falsche Scheu, ab in die Menge!

Nun, bisher lief es ja ganz gut. Auf dem Zeltplatz konnte ich mich komplett frei bewegen, ich erreichte alles Nötige, ohne auf Hilfe anderer angewiesen zu sein. Die Sorgen, die ich mir noch vor dem Festival machte, waren komplett verflogen. Ich konnte wieder ein wenig in diesen typischen Festivalzustand verfallen, in dem die Dinge wie von selbst einem natürlichen Flow folgen und am Ende alles gut wird. Langsam wurde es nun Zeit, sich auf das Festivalgelände zu begeben, denn die Lust auf Musik und Bewegung wurde Becher um Becher größer. Das Gelände war relativ großflächig im Verhältnis zur BesucherInnenzahl, so dass man sich entspannt bewegen und ohne großen Andrang von einer Bühne zur nächsten konnte. Riesige Gruppen an Menschen, durch die man sich durchdrücken musste oder lange Schlangen an der Bar waren die Ausnahme. Eine sehr seltene Ausnahme. Zu allen Bühnen führte ein mit Wegeplatten gepflasterter Weg, meistens abseits des Hauptweges, hin. Waren die Platten so gelegt, dass man eine Steigung überwinden musste, gab es ein sogenanntes „Buddy Phone“, mit dem man eine/einen MitarbeiterIn anrufen konnte, die/der einem dann hilft. Ist eine coole Idee, man weiß ja nie. Man merkt auf jeden Fall, dass die VeranstalterInnen sich dabei was gedacht haben. Was auch sehr gelungen war: Die Wegeplatten führten bis AUF die Tanzfläche! Sie hörten nicht irgendwo 20 Meter vorher auf, sodass man das Schauspiel aus sicherer Entfernung beobachten konnte, nein, man konnte sich direkt ins Getümmel werfen und sich von der Masse mitreißen lassen. Hier wurde genau das beherzigt, was mich am Inklusionscamp noch gestört hatte!

Da saß ich also, inmitten von Hippies, IndianerInnen, Feen, Menschen im Bademantel, die meisten zugeschüttet mit Glitzer und/oder Konfetti, und hatte eine gute Zeit. Ich lachte, tanzte, trank, fuhr umher, unterhielt mich mit Leuten, ganz wie früher. Na ja, ähnlich wie früher. Als ich am frühen Morgen in mein Zelt fiel, um mir etwas Schlaf zu gönnen, war ich rundum glücklich. Genau so hatte ich mir das erhofft, aber kaum erwartet. Offensichtlich geht Festival und Rolli doch. Andere RollstuhlfahrerInnen hatten mir im Vorfeld von ihren guten Erfahrungen erzählt, richtig glauben wollte ich es nicht. Tja, ich sprach ja von Offenbarungen.

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