Fotos: Dominik Wagner & Sascha Krautz / Text: Johannes Jacobi

Auf dem langen Weg zur Volljährigkeit wurde das Immergut Festival bereits unzählige Male als der wichtigste Treffpunkt der Indie-Szene dieses Landes betitelt. Ein absolutes Muss für Indieliebhaber aller Altersklassen, Indie-Himmel, Indie da, Indie dort. In Zeiten, in denen fast jede Art von Musik irgendwie als Indie bezeichnet werden kann und fast jedes Festival Line-Up mit den üblichen Indie-Verdächtigen gespickt ist, klingt „Indie-Szenetreff“ etwas weniger aussagekräftig als es vielleicht vor 10 Jahren noch der Fall war. Was also macht das Immergut Festival heute so besonders? Wieso ist ein Immergut vielleicht wichtiger und wertvoller denn je?

Die Veranstalter der großen Festivals sowie Studien und diverse Medien vermitteln aktuell den Eindruck, dass Festivalbesucher im Jahr 2017 das Komplettpaket wollen. Vergnügungspark, Mode, Kinderbetreuung, coole Workshops und eine luxuriöse Unterkunft: All das gehört vielerorts inzwischen zum guten Ton und das meiste davon könnte weiter nicht weg sein vom Grundgedanken des Musikfestivals.

Genau hier aber grätscht das Immergut dazwischen. Die Sause mit 5.000 Besuchern in Neustrelitz dreht sich um das Wesentliche – bietet Platz und Raum zum Sein, zum Leben. Brettspiele statt Festivalfashion und Murmelbahn statt Riesenrad: Das Immergut Festival ist gemütlich, bodenständig und auf den Punkt ehrlich. Seit nunmehr 18 Jahren kann sich das Publikum darauf verlassen, ein Musikfestival ohne Quatsch mit Soße zu erleben. Ein Musikfestival mit Freunden und Familie, mit musikalischen Überraschungen, älteren Bands, die zur Höchstform auflaufen, elektronischen Acts im Morgennebel und natürlich der Indiedisko bis die Sonne wieder scheint.

Ein Ort wie dieser, ein Festival wie das Immergut, hat Seltenheitswert und steht inzwischen fast allein auf weiter Flur. Wie auch im letzten Jahr versuchen wir dieses Immergut-Gefühl in Worte zu packen und werden mit einem Lächeln im Gesicht daran scheitern.

Ein Abend im Theater

Immergut im Großen Haus

Theater? Weiter weg von „Festivalfeeling“ geht’s ja fast schon gar nicht.
Traditionell wird das Immergut am Donnerstag im Landestheater Neustrelitz eröffnet. Irgendwie seltsam, so direkt nach dem Aufbau des Zeltes zurück in die Stadt zu düsen und ins Theater zu gehen. Schade eigentlich, dass es nicht regnet. Wenn alle Besucher Gummistiefel anhätten, würde das ein köstliches Bild abgeben. Aber auch ohne Gummistiefel funktioniert es ganz hervorragend. Es ist angenehm still auf dem Vorplatz und obwohl das erste Konzert in 15 Minuten beginnt, scheint hier niemand sonderlich in Eile. Ganze Familien schlendern heran, die Eltern einiger Organisatoren sind da, man kennt sich. Der Gong läutet dreimal und es wird ruhig im schönen Saal.

Eine kurze, sehr charmante Eröffnungsrunde mit Vorstand und Bürgermeister und schon kann Svavar Knútur mit viel Humor den gemütlichen Abend – und somit auch das Immergut Festival 2017 – einleiten.

Ein Geburtstag im Zelt

Volljährig am Feiertag

Theater war wundervoll, aber jetzt bitte schnell zurück aufs Festivalgelände. Das Immergut ist nämlich 18 Jahre alt geworden und der Geburtstag fällt zufällig auf einen Feiertag. Aus diesem Grund wird die Zeltbühne dieses Jahr schon am Donnerstag bespielt – und das mit viel Wumms. Bernd Begemann lässt schmunzeln und Die Sterne sind in Spiellaune wie zu ihrem eigenen 18. – aber einer geht noch!

22:45 Uhr stürmen die Shout Out Louds die Bühne und von Sekunde eins an wackelt und bebt das komplette Zelt. Es ist ein Moment, der für 18 Jahre Immergut steht und das scheint allen Anwesenden bewusst zu sein. Eine Band, die ohne Frage auch die Mainstage hätte dichtmachen können, in diesem Zelt zu erleben, ist einzigartig und eben auch ziemlich Immergut-typisch. Vom ersten bis zum letzten Song, von der Band auf der Bühne bis zur letzten Reihe im Publikum und dem Barpersonal dahinter, niemand steht still. Die Energie, das Konzert im gesamten, es ist einer der ganz großen Momente der Immergut Geschichte.

Ein Birkenhain zum Verweilen

Im Liegen, im Sitzen, im Stehen, mit tanzen

Birkenhain ist der Name der kleinsten Bühne auf dem Immergut. Sehr charmant und gut ausgestattet, gibt es hier zu fast jeder Tageszeit etwas zu sehen und zu hören. In der Nachmittagssonne lädt die Bühne zum Rumliegen ein, während $ick verwirrend irre Geschichten erzählt oder der unglaubliche Schorsch Kamerun in aller Seelenruhe Scooter Texte auseinandernimmt, übersetzt und analysiert, bis sich dem Publikum vor Lachen der Magen umdreht.

Aber auch musikalisch ist hier manchmal the place to be. Kurz bevor die Sonne untergeht beispielsweise, wenn mit dem Konzert der Giant Rooks ein absoluter Höhepunkt des Immergut 2017 steigt und sich die Hälfte der Besucher fragt, wieso das jetzt eigentlich nicht auf der Hauptbühne passiert ist. Was für ein Konzert! Und was für eine famose Entscheidung, es eben doch genau auf dieser kleinen Bühne zu machen!

Wiederkommen lohnt sich aber, denn gegen 2 Uhr morgens steht mit Lea Porcelain eine weitere aufstrebende Band auf der Bühne. So viel Rauch und rotes Licht, dass man fast nichts erkennt, so gute Musik, dass es die Augen sowieso ausknippst. Ähnlich ist es hier mit allen Acts in der Nacht. Auch in Kombination mit den morgendlichen Nebelschwaden, die diesen Bereich einlullen, ist dieser Ort ein sehr besonderer. Man hört, dass Teile des Publikums den ganzen Tag auf genau dieses Nebel-Licht-Musik Szenario warten. Zu recht!

Ein Fußballturnier

1. FC Pfeffi gegen den Rest der Welt

Fußball kann romantisch sein. Ganz besonders hier auf dem Immergut, wo sich doch tatsächlich jedes Jahr wieder eine Handvoll Menschen weg vom Gelände, hin zum Fußballplatz bewegen. Lokale Superstars, Teile des Orga-Teams, Fanclubs und sogar MEW und Dan Croll schlagen auf und zelebrieren das Turnier ihres Lebens. Es gibt Pyro, Rangeleien, Traumtore und gute Laune bis zum Umkippen, weil zu viel Sonne. Wenn Fußball nur immer so ausschauen würde wie hier…

Eine Waldbühne

Headliner und so...

Und dann gibt es da natürlich noch die großen Konzerte auf der Hauptbühne.
Egal ob charmant und witzig wie Die Höchste Eisenbahn oder arrogant und angespannt wie Broken Social Scene. Irgendwie ist für jeden was dabei. Die größte Waldbühnen-Überraschung sind aber wohl Local Natives. Wo vorher die wenigsten eine Meinung zu hatten, wird den Rest des Wochenendes immer wieder diese Band erwähnt werden.

Auch erwähnt wird leider das Soundproblem. Der Arroganz von Broken Social Scene sowie der Software von Portugal. The Man geschuldet, gibt es leider an beiden Abenden erhebliche Probleme bei ebendiesen Konzerten. Ein Wermutstropfen zwar, aber nichts, das langfristig die Laune verdirbt. So sehen das zumindest alle, die danach noch bis zum Morgenyoga in der knallenden Sonne vor der Hauptbühne die Nacht durchfeiern.

Es war ein wundervolles Immergut 2017 und ein großartiger 18. Geburtstag. Das Immergut ist sich erneut treu geblieben, hat sich nicht verbogen, hat abgeliefert. Drei statt zwei Tage war eine gute Entscheidung und vielleicht kann das ja beibehalten werden. Zwei Tage Immergut im Jahr sind nämlich nicht besonders viel. Höme bedankt sich, Höme freut sich und Höme kommt wieder. Tschüß!

Immergut 2017 Aftermovie - Ein Film von Höme

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